Zentralafrikanische Republik

Zentralafrikanische Republik: Spirale der Gewalt

Muriel Masse war Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Carnot im Westen der Zentralafrikanischen Republik . Dort leistet die Organisation seit 2010 im städtischen Krankenhaus medizinische Unterstützung.

Ende Februar ist sie in Carnot angekommen. Seitdem hat sich die Lage in der Stadt ihrer Einschätzung zufolge deutlich verbessert. Die Milizen wurden demnach entwaffnet, und die Ausfallstraßen sind im Umkreis von 30 Kilometern gesichert. Im Krankenhaus gab es weniger Verletzte zu betreuen, und der Normalbetrieb konnte wieder aufgenommen werden. Anders sieht das allerdings in der Gegend um Carnot aus.

"Gefahr kann von außen kommen, von der Umgebung oder aus den Wäldern, wo die Situation nach wie vor instabil und gefährlich ist", sagt Muriel Masse. Dort seien nach wie vor Anti-Balaka-Gruppen unterwegs, die keiner Kontrolle unterstehen. "In erster Linie verfolgen sie eigene Interessen wie Macht, Kontrolle über das Territorium sowie über die Diamantenminen der Gegend, und sie stehlen die Herden der Volksgruppe der Fula, die von der Viehzucht leben."  In den Wäldern gebe es häufig Attacken auf Dörfer und Massaker an Dutzenden von Zivilisten. 

Spirale der Gewalt  

Bei jedem Gewaltausbruch wiederholt sich dasselbe Muster, berichtet Muriel Masse: "Die Anti-Balaka-Rebellen sammeln sich erneut, greifen die Fula an, stehlen deren Vieh und töten manchmal auch Angehörige der Fula, meistens Männer. Frauen und Kinder werden verschont. Im Gegenzug greifen dann die Fula Dörfer an und  brennen alles nieder, was gerade am Weg liegt. Es gibt Tote, und ganze Familien flüchten in die Wälder. Die Fula werden aber ihr Territorium nicht verlassen und werden auch weiter durch zentralafrikanisches Territorium ziehen, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Im Westen des Landes flammen die bewaffneten Konflikte immer wieder auf."

Unwegbares Gelände verschlimmert Situation

" Ärzte ohne Grenzen hat keinen Zugang mehr zu den vertriebenen Bevölkerungsgruppen, die sich in den Wäldern versteckt haben. Wegen der unsicheren Lage mussten wir unsere Unterstützung in den Gesundheitszentren der Region Carnot einstellen", bedauert die Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen . "Wir hoffen, dass wir unsere Aktivitäten sobald wie möglich wieder aufnehmen können. Es ist die Zeit, wo die Malaria gewöhnlich ihren Höhepunkt erreicht, und niemand weiß, was das für die Vertriebenen bedeutet."

Vertriebene Muslime leben in der Kirche von Carnot

"In der Kirche von Carnot halten sich gegenwärtig zwischen 800 und 900 vertriebene Muslime auf. Ärzte ohne Grenzen versorgt die Vertriebenen wöchentlich mithilfe von zwei mobilen Kliniken und einer Fachkraft für Malaria, die ihrerseits flüchten musste. Sie wohnt dort und ist rund um die Uhr für die Vertriebenen da. Wir behandeln vor allem Patienten mit Malaria und Atemwegsinfektionen. Ich bin sehr besorgt darüber, was auf diese Vertriebenen zukommen wird. Die älteren Leute wollen nicht aus Carnot weggehen, wo sie ihr ganzes Leben verbracht haben, und das kann man verstehen. Sie möchten nach Hause zurückkehren, aber das wird nicht möglich sein. Ein älterer Dorfbewohner hat mir erzählt, dass er von den Anti-Balaka-Rebellen in die Kirche gebracht wurde. Sie sagten zu ihm: ‘Entweder verlässt du dein Dorf und kommst mit uns, oder wir töten dich’. Er hatte keine Wahl."

Menschen durch anhaltenden Ausnahmezustand erschöpft

Muriel Masse hat muslimische Vertriebene gesehen, die schon seit sehr langer Zeit in der Kirche wohnen: "Einige von ihnen sind seit mehr als drei Monaten hier. Sie bekommen zu essen, zu trinken und dank Ärzte ohne Grenzen medizinische Betreuung, aber sie resignieren, altern vorzeitig. Wir können nichts tun. Wir hören ihnen zu, denn sie haben ein Bedürfnis sich mitzuteilen, wir behandeln chronische Leiden, sofern wir das können, dazu kleine Verletzungen. Sie sind nicht speziell krank, sie sind einfach psychisch erschöpft. Was steht diesen Menschen bevor?"

Kreislauf der Vertreibung in Gang

Dass die Vertriebenen in ihre Häuser zurückkehren können, kann sich die Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen kaum vorstellen: "Ihre Geschäfte und Häuser wurden von anderen in Besitz genommen - oft sind die neuen ‘Besitzer’ Anti-Balaka-Rebellen; aber auch Menschen, die die umliegenden Dörfer verlassen haben, um in der Stadt Zuflucht zu finden und die sich nun dort niedergelassen haben, wo die Bewohner vertrieben worden sind. Die Behörden von Carnot können zwar verkünden, diese seien nicht die legitimen Eigentümer, doch die Muslime werden nie ihre Besitztümer wiedererlangen können, das ist eine Tatsache. Wenn doch, dann geschieht dies in einem neuen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt."

Immer weniger Muslime in der Region Carnot

Viele der Muslime sind nach Kamerun oder in den Tschad geflohen - die Übriggebliebenen haben an Orten Zuflucht gesucht, die unter dem Schutz internationaler Truppen stehen, wie der MISCA in der Kirche von Carnot. Dass ein normales Zusammenleben je wieder möglich wird, kann sich die Augenzeugin nicht vorstellen: "Ich habe kein einziges Mal gehört, wie jemand von ‘Versöhnung‘ sprach oder die Rückkehr der Muslime wünschte. Sie sind zwar zusammen aufgewachsen, aber heute wünscht die Bevölkerung im Westen der Zentralafrikanischen Republik nur noch eine Rückkehr zu einem ‘normalen’ Leben: Frieden, genug zu essen, die Kinder wieder zur Schule zu schicken. Dass dies auf Kosten eines Teils der Bevölkerung geschehen würde, ist offenbar nicht wichtig."

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik tätig. Gegenwärtig leisten mehr als 300 internationale MitarbeiterInnen und 2.000 lokale MitarbeiterInnen medizinische Nothilfe im Land. Ärzte ohne Grenzen führt sieben reguläre Projekte und sechs Notfallprojekte durch. Dazu betreibt die Organisation mobile Kliniken im Nordwesten des Landes. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen betreuen auch Vertriebene, die aus der Zentralafrikanischen Republik in den Tschad, nach Kamerun oder in die Demokratische Rebublik Kongo geflohen sind.

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