Zentralafrikanische Republik

“Die Trommeln lassen dich nicht vergessen, dass jemand gestorben ist”

In der Zentralafrikanischen Republik ist die Gewalt seit Dezember letzten Jahres immer weiter eskaliert. Allein bis März 2014 hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 4.000 Kriegsverwundete behandelt. Mehrfach hat die Organisation die Gräueltaten öffentlich verurteilt, die an der Zivilbevölkerung begangen werden.

Die britische Ärztin Natalie Roberts ist vor kurzem von ihrem Einsatz in Bozoum im Westen der Zentralafrikanischen Republik zurückgekehrt und berichtet von ihrer Arbeit für Ärzte ohne Grenzen.

„Kaum war ich mit dem Flugzeug in Bozoum eingetroffen, wurde mir mitgeteilt, dass sich ein Angriff mit vielen Verletzten ereignet habe und man mich im Krankenhaus brauche. Auf der Fahrt  in die Stadt - der Flughafen liegt ungefähr fünf Kilometer davon entfernt -  sahen wir, dass jedes Haus am Weg in Schutt und Asche lag, nachdem sich im Dezember, Januar und Februar  eine Welle von Gewalt über den Westen der Zentralafrikanischen Republik ausgebreitet hatte. Es gab viele Gerüchte und eine große Angst, so dass die Menschen flüchteten.

Wir fuhren schnell in die Stadt, ohne klare Vorstellung, was wir dort vorfinden würden. Als ich im Krankenhaus ankam, wurde ich sofort zu einem Notfallpatienten geführt, der schwere Schussverletzungen hatte. Ich behandelte ihn, während sich das Team um Patienten mit weniger gravierenden  Verletzungen kümmerte.

Zu diesem Zeitpunkt waren gerade mal fünf oder sechs Patienten da. Das Team informierte mich, dass bisher keine muslimischen Patienten ins Krankenhaus gekommen seien, da diese fürchteten, dass sie hier angegriffen würden. Ungefähr eine Stunde später kamen gleich 18 Patienten auf einmal.

Die Verwundeten wiesen zahlreiche Verletzungen durch Granatsplitter auf, da eine Granate ins muslimische Viertel geworfen worden war und dort explodierte. Andere waren im darauf folgenden Gefecht von Gewehrschüssen getroffen worden. Ein junger Mann hatte eine Schussverletzung am Auge, und es gab auch einige Patienten mit Kopfverletzungen.

 

Hilflosigkeit im Angesicht des Krieges

 

Bei einem Patienten mussten wir eine besonders schwierige Entscheidung treffen. Er war in der Leistengegend von einem Schuss getroffen worden, die Kugel hatte die Arterie im Oberschenkel durchschlagen. Seine Verletzung sah auf den ersten Blick nicht so schlimm aus. Die Eintrittsstelle der Kugel war klein, doch als wir ihn umdrehten, konnte man sehen, dass die Wunde an der Stelle, wo die Kugel ausgetreten war, größer war und heftig blutete. Am Boden hatte sich bereits eine große Blutlache gebildet.

Er hatte keine Chance, eine Operation oder einen Transport zu überleben. Wir hofften, die Blutgerinnung werde bei ihm funktionieren. Doch er hörte nicht auf zu bluten und starb im Laufe der Nacht im Krankenhaus.

Das war frustrierend. Es war nur eine kleine Wunde, aber gerade an dieser Stelle, wo die Verletzung lebensbedrohliche Auswirkungen haben konnte. Eine Wunde, die man nicht versorgen und heilen konnte. Wäre der junge Mann nur einige Zentimeter daneben getroffen worden, hätte er vielleicht überlebt.

 

Menschen fühlen sich selbst im Krankenhaus unsicher

 

In der Zentralafrikanischen Republik finden die Beerdigungsfeiern nachts statt. Sie werden von Trommeln begleitet. Der Friedhof  von Bozoum liegt ganz in der Nähe des Krankenhauses und der Unterkunft, wo wir schliefen. Wenn jemand im Krankenhaus gestorben war, konnten wir die ganze Nacht das Trommeln hören. Die Trommeln lassen dich nicht vergessen, dass jemand gestorben ist.

In dieser Nacht wollten die meisten Patienten nicht im Krankenhaus schlafen – sie dachten, es sei hier nicht sicher. Daher gingen wir am nächsten Tag ins muslimische Viertel, um die Verletzten weiter zu betreuen. Es war offensichtlich, dass die Leute sich darauf vorbereiteten, wegzugehen. Sie waren dabei, ihr Hab und Gut zusammenzupacken: Matten und Bettzeug türmten sich auf den Straßen.

 

Flucht aus der Heimat als einzige Lösung

 

Der Angriff auf das muslimische Viertel hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.  Nachrichten machten die Runde, dass ein Konvoi kommen und die Leute in den Tschad bringen werde. Die meisten dieser Muslime hatten ihr ganzes Leben in Bozoum verbracht – sie hatten hier ein Geschäft, Haus und Familie und zudem eine Gemeinschaft.  Sie erzählten nicht konkret, was ihnen widerfahren war; sie hatten sich nur damit abgefunden, weggehen zu müssen.

Zwei oder drei Tage darauf traf der Lastwagenkonvoi ein. Wir zählten die Laster, die in die Stadt fuhren und diejenigen, die aus der Stadt fuhren. Wir waren uns bewusst, dass diese zum Angriffsziel werden konnten – denn in der Vergangenheit waren Konvois oft attackiert worden. Es war nicht abzusehen, ob es auf den Lastwagen genug Platz für alle Bewohner des Viertels geben werde und wir waren besorgt, dass eine noch kleinere und damit gefährdetere Bevölkerungsgruppe zurückgelassen werden könnte.

Wie sich dann herausstellte, fanden alle Einwohner des Viertels – zwei- oder dreitausend Menschen – auf den 14 Lastwagen Platz. Es war heiß, und die Fahrt zur Grenze dauerte sieben Stunden. Die Lastwagen waren überbelegt mit Menschen und deren Habseligkeiten. Es war nicht klar, wo die Menschen schlafen würden, und auch wenn der Konvoi von Bewaffneten eskortiert wurde, war das keine Garantie, vor Angriffen geschützt zu sein.

Unser Team stand nur da und beobachtete die Situation; es gab nichts, was wir hätten tun können. Eine ganze Bevölkerungsgruppe war betroffen. Wir wussten, dass dasselbe in den meisten anderen Städten im Nordwesten geschah – dass Menschen dieselbe verzweifelte Entscheidung trafen, ihre Häuser zu verlassen, um in einem Flüchtlingslager Aufnahme zu finden.

 

Dörfer abgeschnitten von der Gesundheitsversorgung

 

Bald danach verließen der Projektkoordinator und ich Bozoum, um den übrigen Nordwesten des Landes zu erkunden: Von der Stadt Bosemptele, südlich von Bozoum, bis zur Grenze zum Tschad und zu Kamerun.

Als ich ins erste Dorf kann, sagte der Leiter des Gesundheitspostens, er wolle mir etwas zeigen. Er hatte alle Bewohner des Dorfes aufgefordert, die kranken Kinder zu mir zu bringen. Das erste Kind, das ich sah, litt offensichtlich an Malaria und wirkte sehr krank. Ich bot an, das Kind ins Krankenhaus nach Bozoum zu bringen, doch die Mutter lehnte ab. Es sei zu weit weg und sie fühle sich nicht sicher, wenn sie das Dorf verlasse. Ich fühlte mich vollkommen ohnmächtig. Das Kind benötigte dringend eine Behandlung im Krankenhaus, aber alles, was ich tun konnte, war, ihnen Medikamente aus dem Notfallkoffer zu geben, den ich bei mir hatte.

An diesem Punkt merkte ich, dass wir häufiger in die Dörfer gehen mussten – wir konnten nicht nur eine Basis in einer Stadt betreiben, denn die Menschen hatten zu große Angst, ihre Dörfer zu verlassen, und es gab auch nicht genug Verbindungsstraßen oder Transportmittel. Ich war mit dem Gedanken angekommen, dass ich Kriegsverletzungen sehen würde, aber es wurde mir klar, dass außerhalb von Bangui weit mehr Menschen an den üblichen Krankheiten Afrikas sterben – an Malaria und wegen schlechter Gesundheitsversorgung.

 

Hilfe direkt zu den Menschen bringen

 

Menschen hatten ihr Zuhause verlassen müssen, viele ihrer Häuser waren in Brand gesteckt worden, so lebten sie außerhalb der Stadt, auf den Feldern oder in den Wäldern, sie schliefen auf dem Boden oder unter Bäumen. In den Dörfern gibt es Brunnen, doch in den Wäldern müssen die Menschen mit dem Wasser auskommen, das sie finden können, oft stammt es aus Pfützen oder Flüssen.

Alle Gesundheitsposten, die wir besucht haben, waren in schlechtem Zustand. Die vorhandenen Arzneimittel waren verbrannt, gestohlen oder Plünderungen zum Opfer gefallen. Die Bevölkerung hatte somit keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung.  Wir hörten, dass Menschen außerhalb der Dörfer starben, doch es ist sehr schwierig zu wissen, wie viele gestorben sind. Man hört tausend verschiedene Geschichten, aber man kann dazu keine genauen Angaben machen.

So begannen wir, Kliniken in den Dörfern zu betreiben. Jeden Morgen sahen wir 600 bis 700 Kinder. Irgendwann werden wir ein Kinderkrankenhaus für Malaria in Bocaranga einrichten.

 

Angreifer ziehen von Tür zu Tür

 

In den ersten Wochen fühlten wir uns manchmal wie unter Schock. Im Februar gab es noch so viel Gewalt und rundherum bewaffnete Gruppen. Es konnte vorkommen, dass man Gerüchte von Gewaltausbrüchen hörte, und am nächsten Tag ging man in ein Dorf und traf auf Häuser, die noch brannten.

In den Dörfern gehen die Angreifer von Tür zu Tür. Die Leute haben keine ausgeklügelten Waffen, es ist persönliche Gewalt – von Angesicht zu Angesicht. Jeder trägt eine Art Waffe, wenn er auf die Straße geht. Sogar kleine Kinder im Alter von sechs oder sieben Jahren laufen mit großen Macheten herum. Die Leute haben Gewehre und Macheten dabei, weil sie im Busch leben, und selbst in den Städten arbeiten sie auf Feldern, sie führen kein Leben wie die Menschen in den Industrieländern. Es braucht nicht viel, damit in einem Kriegsumfeld Gewehre und Macheten auch zum Töten verwendet werden. Die Spannung wächst, jeder hat Angst, und wenn man ein Gewehr hat, ist man schneller bereit, jemanden zu töten.

Nach einem Gewaltausbruch kann man Wunden sehen, die von einer Machete oder von Kugeln verursacht wurden, und solche Wunden sind schnell unsauber und infiziert. Es kamen viele Patienten zu uns, die geschlagen worden waren. Man kann jemanden mit einem Stock töten. Oft wollen die Leute nicht erzählen, wie sich das Ganze zugetragen hat, doch kann man sich vorstellen, dass es äußerst brutal war. Ich habe schon Bombenangriffe gesehen und andere Gewalthandlungen, aber Gewalt von Angesicht zu Angesicht ist schwierig zu verstehen und zu verarbeiten.

 

Jeder hat Nahestehende verloren

 

Alle konnten einem erzählen, wen sie alles verloren hatten. Daran zu denken, auf welche Weise sie ihnen Nahestehende verloren hatten, war traurig. Ich ging in ein Dorf, in dem 23 Personen bei solchen Von-Tür-zu-Tür-Attacken  getötet worden waren, und einen ganzen Monat später stand den Überlebenden alles noch ganz deutlich vor Augen, sie konnten nicht darüber hinwegkommen.

Dass es unmöglich ist abzusehen, wie und wann dies enden wird, empfinde ich als besonders hart. Das ganze Land ist von der Gewalt betroffen. Aber wenn man zu  einem Gesundheitsposten zurückkommt, den man unterstützt, und man sieht, dass alles funktioniert, dann ist das ein wunderschönes Gefühl. Es sind nur kleine Kliniken, doch zusammen bewirken sie viel.“

Wir suchen für unsere Hilfsprojekte in aller Welt dringend MitarbeiterInnen wie Dr. Natalie Roberts! Jetzt informieren & bewerben: Auf Einsatz gehen

Das könnte Sie auch interessieren

Teilen

Vervielfältigen