Südsudan

Zwei Generationen, ein großes Ziel

Als Alexandra Schuster für Ärzte ohne Grenzen in den Südsudan ging, freute sich Monika Schuster: Die Tochter machte, wovon ihre Mutter immer träumte.

Alexandra Schuster: Die 31-jährige Steirerin kam Ende Juli von ihrem zweiten, sechsmonatigen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im Südsudan zurück. Nach einer Lehre als KFZ- und NFZ-Technikerin arbeitete sie zunächst als internationale Service-Technikerin für Feuerwehrfahrzeuge. 2018 absolvierte sie ihren ersten Einsatz als Werkstättenleiterin für Ärzte ohne Grenzen im Südsudan, heuer ihren zweiten.

Monika Schuster: Die 60-jährige Mutter von Alexandra Schuster lebt in Kumberg in der Nähe von Graz und betreibt dort eine Hausarztpraxis. Als Partnerärztin von Ärzte ohne Grenzen unterstützt sie die Organisation regelmäßig finanziell.

Mit 29 Jahren kündigte Alexandra Schuster ihren gut bezahlten Job, um als Mechanikerin für Ärzte ohne Grenzen in den Südsudan zu gehen. Hier erfahren sie, wie ihre Mutter Monika Schuster reagierte, als sie davon erfuhr.

Ich dachte mir: Jetzt oder nie

Frau Schuster, wie war das, als Ihnen Ihre Tochter eröffnete, dass sie für Ärzte ohne Grenzen in den Südsudan fliegt?

MONIKA SCHUSTER: Ich habe mich irrsinnig gefreut! Es war immer mein Traum, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Umso schöner fand ich es, dass meine Tochter dieses Gen geerbt hat. Nur als ich Südsudan gehört habe, dachte ich mir: Oje, dort ist es aber schon sehr heiß. Aber das hat dann schon gepasst.

Sie haben sich keine Sorgen gemacht?

MONIKA SCHUSTER: Nein, dann hätte ich schon früher dauernd Angst um sie haben müssen. Aber ich bin da recht fatalistisch: Man muss einfach hoffen, dass nichts passiert. Und selbst wenn, wäre sie bei einer NGO wie Ärzte ohne Grenzen gut aufgehoben, dort gibt es ja eine gute medizinische Versorgung und im Notfall würde sie eben wieder nach Hause fliegen. Außerdem kann immer etwas schief gehen. Auch zu Hause kann einem ein Ziegel auf den Kopf fallen.

Das ist auch ein großer Vertrauensbeweis gegenüber Ärzte ohne Grenzen.

MONIKA SCHUSTER: Natürlich. Ich bin ja auch Partnerärztin, seitdem meine Tochter das erste Mal in den Südsudan gereist ist.

Wie ging es denn Ihnen als Tochter dabei, als Sie Ihrer Mutter von Ihren Plänen erzählt haben?

ALEXANDRA SCHUSTER: Naja, ich glaube, das war keine große Überraschung für sie. Ich war schon vorher als Servicetechnikerin auf allen Kontinenten unterwegs, auch in Ländern, die hier keinen sehr guten Ruf haben. Aber für mich war es karrieretechnisch eine große Entscheidung.

Es war ein großer Einschnitt?

ALEXANDRA SCHUSTER: Ja, ich habe mit 29 Jahren den klassischen Karrierepfad verlassen, um mich dem Gesellschaftsdruck zu entziehen und etwas ganz anderes zu machen.

Erzählen Sie doch etwas von ihrem früheren Job.

ALEXANDRA SCHUSTER: Ich war Servicetechnikerin bei einer Firma, die Feuerwehrfahrzeugen produziert und diese in die ganze Welt liefert. Damals habe ich mehr Zeit im Flugzeug als im Büro verbracht und war auf allen Kontinenten unterwegs: Australien, Asien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Karibik, Europa, Afrika und sehr viel in Südamerika. In Afrika habe ich die Arbeit von NGOs gesehen und den Wunsch verspürt, auch einmal auf deren Seite zu arbeiten. Die Privatwirtschaft kann ja auch ermüdend sein. Meine Mama hat dieses Problem als Landärztin nicht: Sie kann Menschen direkt und effektiv helfen.

Und was gab dann den Ausschlag für Ärzte ohne Grenzen?

ALEXANDRA SCHUSTER: Ich habe einen guten Freund, der öfter für Ärzte ohne Grenzen unterwegs war. Er meinte: „Das ist genau das, was Dir taugen würde.“ Dann habe ich eine Werbung gesehen: Ärzte ohne Grenzen suchte Mechanikerinnen und Mechaniker. Ich dachte mir: „Jetzt oder nie“.

Sind Sie denn stolz auf Ihre Tochter?

MONIKA SCHUSTER: Stolz ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich freue mich. Es ist wichtig, so etwas in jungen Jahren zu machen. Das ganze Leben bekommt einen anderen Fokus, wenn man sieht, wie es uns geht und wie es anderen geht. Ich würde allen jungen Menschen empfehlen, so einen Einsatz zu machen.

ALEXANDRA SCHUSTER: Es sollte aber unbedingt eine nachhaltige Aufgabe sein. Und auch wenn man einen solchen Einsatz natürlich für sich selbst macht, muss man immer auch an das große Ganze denken. Ich bin nicht zum Spaß im Südsudan, sondern ich mache dort einen Job, der nicht immer einfach ist. Oft ist man verzweifelt und es freut einen gerade gar nicht. Aber dann muss man eben einfach durchbeißen.

Spielen sie manchmal mit dem Gedanken, es Ihrer Tochter gleichzutun und auch auf einen Einsatz zugehen?

MONIKA SCHUSTER: Lust hätte ich schon, ja. Aber ich bin in meiner Praxis sehr gefragt und werde hier wohl bis zu meiner Pensionierung bleiben. Die Leute freuen sich, solange ich arbeiten kann. Und dann gibt es noch Haustiere die versorgt werden müssen, einen großen Garten. Aber nach der Pensionierung… Man wird sehen.

Wie kann man sich denn den Arbeitsalltag einer Logistikerin im Südsudan vorstellen?

ALEXANDRA SCHUSTER: Ich bin verantwortlich für alles Technische: von Autos über Elektrik bis hin zu Baustellen oder Biomedizin. Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen und manage um die 70 Leute. Und wenn mich meine Mutter über WhatsApp mal nicht erreichen kann, dann fällt das auch in meine Verantwortung: Ich muss das WLAN reparieren.

MONIKA SCHUSTER: Das war aber bis jetzt kein Problem, ich habe Dich immer erreicht. Gottseidank gibt es diese moderne Technik. So können wir alle ein bis zwei Wochen telefonieren, sie schickt mir Fotos. Man ist beruhigt, wenn man die Stimme des Kindes hört. Es fühlt sich fast so an, als ob sie nebenan wäre. Trotzdem freue ich mich wahnsinnig, wenn Du wieder heimkommst und ich Dich in die Arme schließen kann.

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