Simbabwe

Zyklon Idai in Simbabwe: Die ersten sechs Tage

Marthe Frieden ist medizinische Leiterin der Notfallhilfe von Ärzte ohne Grenzen in Simbabwe. Was sie dort erwartet, ist ein Bild der Zerstörung, das durch den tropischen Wirbelsturm Idai hervorgerufen wurde. Dieser traf in der Nacht zum 15. März die gebirgige Provinz Manicaland in Simbabwe und verursachte Überschwemmungen und tödliche Erdrutsche, insbesondere im Bezirk Chimanimani. Vor dem Zyklon Idai hat Marthe an einem Pilotprojekt von Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium von Simbabwe zur Bewältigung von Diabetes und Bluthochdruck im nahen Bezirk Chipinge gearbeitet. Marthe schreibt aus den am stärksten betroffenen Bezirken Chimanimani und Chipinge. Sie beschreibt die Ereignisse der ersten sechs Tage und erzählt von ihrem zehnköpfigen Team, das plötzlich von der Durchführung ihrer regulären Tätigkeiten in den Ausnahmezustand wechseln musste.

“Nyamavhuvhu” – der Monat des Windes. So wird der windigste Monat vor dem ersten Regen, der August, in der Nationalsprache Shona genannt. “Mhepo iri kuvhuvhuta!” – “Der Wind bläst!“

Doch in diesem Jahr fegten in der Nacht zum 15. März Winde mit einer Windgeschwindigkeit von mehr als 200 Kilometer pro Stunde aus den Bergen und kündigten die Ankunft eines immensen Zyklons an, der nach einer langen Trockenperiode Kilotonnen Wasser über der simbabwischen Provinz Manicaland ablud.

Bis zu dieser Nacht haben wir im Zuge unseres Projekts in Chipinge “mbichana mbichana” (langsam, langsam) ein medizinisches Modell zur Behandlung von Patienten mit multiplen Krankheiten entwickelt und so Brücken zwischen Infektionskrankheiten wie HIV und TB und nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Asthma und Epilepsie zu bauen. Am meisten bereiteten uns der wirtschaftliche Konflikt in Simbabwe und die damit verbundene unzuverlässige Versorgung mit unerschwinglichen Medikamenten Kopfschmerzen.

Dann kam Idai, schmiss Bäume um und verwandelte ruhige Bäche in wilde Ströme. Brücken und wichtige Straßen wurden zerstört, ebenso Häuser und Tierheime. Erdrutsche wüteten die Berge hinab und rissen Steine mit sich - "wie tosende Lastwagen ohne Bremsen", wie ein Bewohner der Chimanimani sagte. Familien und Häuser verschwanden unter dem Schlamm und den Felsen. Als sich die Erde nicht mehr bewegte, blieb ein Massengrab zurück.   

Tag 1 (Samstag, der 16. März): Ich nehme an einer dringenden Sitzung teil, die von einer zivilen Einrichtung einberufen wurde. Als das Ausmaß der Zerstörung klar wird, und uns bewusst wird, dass die zerstörten Gebiete ab jetzt von der Außenwelt abgeschottet sind, wächst das Gefühl der Verzweiflung und Hilflosigkeit. Wir wissen, dass wir ab jetzt im Notfallmodus arbeiten müssen, unser Führungsstil wechselt von partizipativen zu direkten Anweisungen. Wir tauschen unsere zwanglosen Fußball-Shirts mit offiziellen Ärzte ohne Grenzen-T-Shirts, kürzen traditionelle Begrüßungsrituale und kommen stattdessen direkt zur Sache.

Tag 2 (Sonntag, der 17. März): Das Team von Ärzte ohne Grenzen verlässt Mutare mit dem Ziel, medizinische Versorgungsgüter ins Mutambara Krankenhaus im Bezirk Chimanimani zu bringen. Nachdem wir uns einen Tag lang durch ein Labyrinth von eingestürzten Brücken und blockierten Straßen durchschlagen, stellen wir fest, dass weder die beiden Hauptstraßen, noch die Nebenstraßen, die in den Bezirk führen, zugänglich sind. Der Bezirk ist komplett abgeschnitten. Wir beginnen unsere Vorgehensweise zu überdenken.

Tag 3 (Montag, der 18. März): Wir nehmen Kontakt zur simbabwischen Armee auf und bekommen die Erlaubnis, drei Zelte als Teil eines Stabilisierungszentrums für Überlebende an einem strategischen Punkt mit Blick auf das betroffene Gebiet in Chimanimani, nun bekannt als "Skyline", aufzustellen. Wir stellen eine Anfrage an das Militär, es soll helfen, dringend benötigte Versorgungsgüter zu abgeschotteten Krankenhäusern zu bringen. Mitglieder der örtlichen Gemeinde versammeln sich in Gruppen und diskutieren über Strategien, um das Leben von Freunden und Familienmitgliedern, die im Chimanimani Tal eingeschlossen sind, zu retten. Die Geschwindigkeit der Hilfsmaßnahmen frustriert sie. Währenddessen regnet es weiterhin in Strömen, der Nebel wird dichter. Die Helikopter müssen am Boden bleiben. Dutzende Tote wurden bereits gemeldet, Vermisstenanzeigen strömen herein. Die Uhr tickt.

Tag 4 (Dienstag, der 19. März): Der Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen aus Harare trifft uns in der „Skyline“. Ein Team aus jungen, hochspezialisierten simbabwischen Freiwilligenärzten ist scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und hat unsere Zelte in Besitz genommen. Sie stammen aus einem aktiven Netzwerk aus Kirchen, Krankenhäusern und der Universität von Simbabwe. Einige von ihnen wurden bereits mit dem Helikopter in das Katastrophengebiet geflogen. “Tinokugamuchirai mose”, rufen wir. – “Wir begrüßen euch.”

Es treffen immer mehr Notfallorganisationen ein, die Zusammenarbeit passiert ad hoc aber dennoch auf geordnete Art und Weise. Mit dem Gesundheitsministerium und anderen Akteuren vor Ort wird ein Koordinationsmechanismus eingerichtet. Der Großteil der Kommunikation passiert in Whatsapp-Gruppen wie der "Cyclone Idai medical group", in der ich selbst Mitglied bin.

Die ersten Patienten kommen, bevor Betten organisiert werden können. Manche von ihnen haben infizierte Wunden, es gibt noch kein Wasser zum Händewaschen. Die Patienten werden auf Plastikplanen und am Boden liegend von Ärzten und Krankenschwestern untersucht und stabilisiert. Der Himmel wird klarer und immer mehr Patienten mit gebrochenen Knochen oder tiefen Schnittwunden werden per Helikopter zur „Skyline“ gebracht. Private Krankenwägen bringen Patienten ins Krankenhaus, während Ärzte ohne Grenzen Menschen mit weniger schweren Verletzungen ins 50 Kilometer entfernte Krankenhaus von Chipinge transportiert.

Arbeitsabläufe und Formalitäten werden umgangen, wenn die Umstände eine zügige Koordination zwischen den Hubschrauberpiloten und den Ärzten erfordern. Zum Beispiel, wenn die Gesundheitseinrichtungen nicht über Straßen erreichbar sind. Rechenschaftspflicht wird zur Gewissensfrage. Immer wieder müssen Risiko und Nutzen so schnell wie möglich abgewogen werden.

Tag 5 (Mittwoch, der 20. März): Während die ersten humanitären Spenden verteilt werden, treffen wir auf eine Menschenmenge, die bergaufmarschiert, um den simbabwischen Präsidenten zu begrüßen, der heute erwartet wird. Ein sehr bekanntes Softdrink Unternehmen gewinnt meinen Respekt, indem es Hunderte von Trinkwasserflaschen dorthin bringt, wo sauberes Wasser dringend benötigt wird. Eine Kraftstofffirma kommt mit schwerer Ausrüstung, um die Straßen wieder zu öffnen. Währenddessen werden nach und nach mobile Toiletten aufgestellt und ein  Lebensversicherungsunternehmen stellt Betten zur Verfügung.

Wir errichten ein Apothekenlager, doch die Zelte werden vom Wind eines gefährlich nahevorbeifliegenden Helikopters vom Boden gerissen. Was für ein grober Fehler. Dennoch geht die Rettung, Stabilisierung und der Transport von Verletzten in Krankenhäuser weiter. Wir sorgen uns um die, die wir nicht erreichen können. In das Tal zu wandern ist keine Option. Die Armee und private Unternehmen vor Ort versuchen eine direkte Straße dorthin freizubekommen. Kann unser Team den Bezirk morgen erreichen?

Tag 6 (Donnerstag, der 21. März): Endlich kommt ein Wassertank in der „Skyline“ an. Die Anzahl der ankommenden Patienten mit Traumata nimmt rasch ab. Die Bewohner der Bergregion rund um die „Skyline“ kommen zu Fuß, sie sind auf der Suche nach Medikamenten für HIV, Bluthochdruck und Asthma. Manche von ihnen haben ihre Medikation in den Fluten verloren, andere können ihre Gesundheitseinrichtungen nicht mehr erreichen. Wir müssen die Lücke schließen, aus dem Stabilisierungszentrum wird eine Gesundheitseinheit. Eine Straße wird geöffnet und unsere mobilen Teams können die betroffenen Gebiete mit dem Fahrzeug erreichen. Aber nur, wenn der Regen aufhört. 

Während der laufenden Nothilfe, der Bestattung der Toten, der Unterstützung der Überlebenden und der Wiederherstellung der Infrastruktur wird mir klar, dass eine Brücke zwischen der Nothilfe und der andauernden Versorgung gebaut werden muss. Traumaopfer mit Frakturen oder Schwerverletzte benötigen mittel- bis langfristige Nachversorgung, insbesondere die mit Wirbelsäulenverletzungen. Überlebende mit posttraumatischen Belastungsstörungen laufen Gefahr, wie viele andere mit psychischen Gesundheitsproblemen unbehandelt zu bleiben. Psychische Gesundheitsdienste und Medikamente sind für viele Menschen in Simbabwe nicht ohne weiteres verfügbar. 

Der Zyklon hat eine bereits bestehende sozioökonomische Krise in der Region verschärft, die Folge ist eine vielschichtige Katastrophe: Eine Dürre, eine erdrückende Wirtschaftskrise, eine grundlegende HIV-Epidemie, wachsende Raten an Diabetes, Bluthochdruck und anderen nicht übertragbaren Krankheiten und nun die Verwüstung durch den wohl schlimmsten Zyklon, der die Region in der aufgezeichneten Geschichte getroffen hat. Wenn mittel- und langfristig Fortschritte erzielt werden sollen, ist eine vielseitige Unterstützung erforderlich. In der nächsten Zeit werden unsere Teams von Ärzte ohne Grenzen an der Seite des Gesundheitsministeriums und anderen Akteuren bleiben und Brücken bauen, wo immer sie können.

Der Einfluss des tropischen Zyklons Idai auf Simbabwes östliches Hochland war massiv: 181 Menschen verloren ihr Leben, 330 werden vermisst und fast 22 000 Menschen wurden vertrieben. Eine Vielzahl an Brücken und ganze Straßen wurden weggespült oder sind noch immer von Steinschlägen blockiert, sodass einige Gemeinden nur zu Fuß erreichbar sind. Viele haben ihr Zuhause verloren und der Zugang zu sicherem Trinkwasser ist ein großes Problem.

Das „Skyline“ Stabilisierungszentrum hat seine Aufgabe erfüllt und ist nun geschlossen. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Gesundheitsministerium in Chimanimani mit dem Patientenmanagement und hilft bei der Aufrechterhaltung der Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten. Die Wasseraufbereitung und Prävention von Durchfallerkrankungen ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen. Zurzeit sind zwei mobile Teams von Ärzte ohne Grenzen zu Fuß unterwegs und versuchen 15 der am stärksten betroffenen Gesundheitszentren und umliegende Siedlungen in Chimanimani zu erreichen, um den Gesundheitsbedarf zu ermitteln und Medikamente an Kliniken und das Dorfgesundheitspersonal zu verteilen. Unsere Teams verteilen zudem Grundversorgungsgüter und Tabletten zur Reinigung von Wasser. Zu den wichtigsten Gesundheitsbedürfnissen im Bezirk Chimanimani gehören derzeit Versorgung von Traumata, antiretrovirale Behandlung von HIV-Patienten und Medikamente gegen chronische Krankheiten.  

Bitte spenden Sie für unsere Nothilfe

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