02.08.2021

Die aktuellen Kämpfe zwischen der afghanischen Armee und den Taliban verlagern sich zunehmend in städtische Gebiete wie zum Beispiel Laschkar Gah in der Provinz Helmand. Im dortigen Boost-Krankenhaus, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird, müssen deutlich mehr chirurgische Eingriffe vorgenommen werden als zuvor. Allein zwischen Donnerstag und Samstag (29. bis 31. Juli) haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 70 Kriegsverletzte behandelt.

„Es gibt unablässig Schusswechsel, Luftangriffe und Granatenbeschuss“, sagt Sarah Leahy, Koordinatorin des Projektes von Ärzte ohne Grenzen in Helmand. „Häuser werden bombardiert und viele Menschen werden schwer verletzt. An nur einem Tag haben wir zehn Menschen operiert, die aufgrund der Gewalt verletzt wurden. So viele Operationen an einem Tag hatten wir hier noch nie, und dabei sind wir nicht einmal die Hauptanlaufstelle für chirurgische Fälle. Bis vorletzter Woche hatten wir durchschnittlich zwei chirurgische Eingriffe pro Tag.“ 

482 Kriegsverletzte seit Anfang Mai

Insgesamt hat Ärzte ohne Grenzen seit Anfang Mai 482 Kriegsverletzte im Boost-Krankenhaus behandelt, fast alle mit Granaten- und Schussverletzungen. Ein Viertel der Verletzten war minderjährig. Die von Ärzte ohne Grenzen behandelten Patient:innen stellen dabei nur einen Bruchteil der Verwundeten infolge der Kampfhandlungen dar. Die meisten chirurgischen Eingriffe werden in einem anderen Krankenhaus in Laschkar Gah vorgenommen. Auch dort ist der Druck sehr hoch. Die Patient:innen, die dort nicht versorgt werden können, werden an Ärzte ohne Grenzen überwiesen. 

„Die Kämpfe in der Stadt erschweren unsere Aktivitäten“, sagt Leahy. „Unsere Mitarbeitenden leben hier und haben, wie viele andere auch, Angst, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Das ist viel zu gefährlich. Das Leben hier steht praktisch still. Einige unserer Mitarbeitenden bleiben über Nacht im Krankenhaus, denn das ist sicherer und so können sie die Patient:innen weiter behandeln. Die Situation hier ist schon seit Monaten schwierig, aber jetzt ist sie noch schlimmer geworden.“

Kämpfe erschweren Zugang zu medizinischer Hilfe

Nicht nur der Bedarf an der Behandlung von Kriegsverletzungen nimmt infolge der Kämpfe zu. Da das Boost-Krankenhaus das einzige Referenz-Krankenhaus in Helmand ist, an das überwiesen werden kann, steigt auch der Bedarf in anderen Bereichen wie der Intensiv-, Kinder- und Neugeborenenmedizin, der Geburtshilfe oder der Behandlung von Mangelernährung.

Seit Mai beobachtet Ärzte ohne Grenzen zudem, dass viele Patient:innen, wenn sie ins Krankenhaus kommen, bereits sehr schwer erkrankt sind. Menschen schildern, dass sie gezwungen sind, zu Hause zu warten, bis die Kämpfe nachlassen, oder gefährliche Umwege zu nehmen, obwohl sie medizinische Hilfe brauchen. Auch in der Umgebung des Boost-Krankenhauses finden Kämpfe statt und die Menschen haben Angst, ihre Häuser zu verlassen. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist deshalb gefährlich gering.

Operating Theatre | Boost Hospital - Lashkar Gah
Tom Casey/MSF
Immer mehr Schussverletzungen müssen behandelt werden.

„Wir hatten Patient:innen, die ins Kreuzfeuer geraten waren“, sagt ein Arzt, der in der Notaufnahme und Intensivstation des Boost-Krankenhauses arbeitet. „Obwohl sie eigentlich wegen schwerem Durchfall zu uns kommen wollten, hatten sie zusätzlich eine Kugel in der Schulter oder im Bein, als sie hier ankamen.“

Ärzte ohne Grenzen bietet weiterhin die dringend benötigte Gesundheitsversorgung im Boost-Krankenhaus und hat auch Projekte an vier weiteren Standorten im ganzen Land: In Herat, Kandahar, Khost und Kundus.