01.07.2022

Über 40 Prozent der Kriegsverletzten im Zug waren ältere Menschen und Kinder mit Explosionswunden, Amputationen aufgrund von Gewalteinwirkung, Schrapnell und Schusswunden. Dies deutet auf eine Missachtung des Schutzes der Zivilbevölkerung hin, was einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellt.

Doctors on Rails - MSF Medicalised train in Ukraine
Andrii Ovod

Dieser Artikel wurde am 25. Juli 2022 upgedatet.

Zwischen dem 31. März und dem 18. Juli evakuierten wir 1.053 Patient:innen mit dem Zug aus Spitälern im vom Krieg betroffenen Gebieten im Osten der Ukraine in Krankenhäuser in sichereren Regionen des Landes. Während der 20- bis 30-stündigen Fahrt überwachten Pflegepersonal und Ärzt:innen die Patient:innen und behandelten sie. Viele Menschen berichteten unseren Mitarbeiter:innen von ihren erschütternden Erfahrungen.

„Die Wunden unserer Patient:innen und die Geschichten, die sie erzählen, zeigen das schockierende Ausmaß des Leids, das die wahllose Gewalt dieses Krieges der Zivilbevölkerung zufügt", sagt Christopher Stokes, unser Notfallkoordinator. „Viele Patient:innen im Zug wurden durch Militärschläge verwundet, die zivile Wohngebiete trafen. Auch wenn wir keine konkrete Absicht erkennen können, auf Zivilist:innen zu zielen, bedeutet die Entscheidung, schwere Waffen in dicht besiedelten Gebieten massenhaft einzusetzen, dass Zivilist:innen unausweichlich getroffen und somit wissentlich getötet und verwundet werden."

Aus den Berichten der Patient:innen ergaben sich folgende übereinstimmende Themen:

  • Zivilist:innen wurden während einer Evakuierung beschossen oder angegriffen, als sie versuchten, Kriegsgebiete zu verlassen.
     
  • Durch wahllosen Bomben- und Granatenbeschuss wurden Menschen getötet und verstümmelt, die in Wohngebieten lebten und Schutz suchten.
     
  • Ältere Menschen wurden brutal behandelt und direkt angegriffen und ihre besonders verletzliche Lage wurde von den angreifenden Kräften völlig ignoriert.
     
  • Die Art der Verwundungen ist erschreckend und oft großflächig, und alle sind betroffen –  egal, ob männlich oder weiblich, jung oder alt.   

Bei den mit dem Zug überwiesenen Personen handelt es sich zumeist um Langzeitkrankenhauspatient:innen oder um Personen, die kürzlich im Krieg verwundet wurden und nach traumatischen Verletzungen postoperativ versorgt werden müssen. Die überwiegende Mehrheit der Patient:innen erlitt Explosionsverletzungen. 11 Prozent der kriegsbedingten Traumapatient:innen waren jünger als 18 Jahre und 30 Prozent älter als 60 Jahre. (Stand: 6. Juni 2022)

1.053

Patient:innen

wurden mit unseren medizinischen Zügen in der Ukraine zwischen dem 31. März und dem 18. Juli evakuiert.

37

Transporte

fanden zwischen dem 31. März und dem 18. Juli statt.

„Ich war auf dem Weg zur Toilette, als es eine Explosion gab. Ich verlor das Bewusstsein und fiel hin. Als ich wieder zu mir kam, war mein Gesicht mit trockenem Blut bedeckt. Ich hatte einen offenen Armbruch und muss mir beim Sturz auch die Nase gebrochen haben. Ich war allein und hatte Schmerzen, schrie um Hilfe, aber niemand hörte mich. Später fand mich ein Freiwilliger und versuchte zwei Tage lang, einen Krankenwagen zu rufen, der mich in ein Krankenhaus bringen sollte", berichtet eine 92-jährige Frau aus Lyman in der Region Donezk.

73

%

der kriegsbedingten Traumata wurden durch Explosionen verursacht. (Stand: 6. Juni 2022)

20

%

der kriegsbedingten Traumata wurden durch Granatsplitter oder Schüsse verursacht. (Stand: 6. Juni 2022)

7

%

der kriegsbedingten Traumata wurde durch andere Gewalteinwirkung verursacht. (Stand: 6. Juni 2022)

Mehr als 10 Prozent der Kriegstraumapatient:innen haben ein oder mehrere Gliedmaßen verloren, der jüngste war erst sechs Jahre alt.

Patient:innen und ihre Betreuer:innen im Zug berichten von Kindern, Männern und Frauen, die aufgrund des Konflikts festgesteckt sind und nicht weiter konnten, die in Bunkern bombardiert wurden, bei Evakuierungen angegriffen und bei Explosionen durch Bomben, Schüsse oder Minen und Schrapnell schwer verletzt wurden. Einige Patient:innen berichten, dass sie in ihren Häusern verletzt wurden. Andere gerieten unter schweren Waffenbeschuss, als sie versuchten, in sicherere Gebiete zu gelangen.

„Wie in allen Konflikten rufen wir alle bewaffneten Gruppen dazu auf, das humanitäre Völkerrecht zu respektieren und ihrer Verpflichtung nachzukommen, Zivilist:innen und zivile Infrastrukturen zu schützen, den Menschen die Flucht in Sicherheit zu ermöglichen und die sichere und rechtzeitige Evakuierung von Kranken und Verwundeten zu ermöglichen. Darüber hinaus fordern wir Zugang für humanitäre Organisationen, um den Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsort Hilfe leisten zu können. In der Ukraine sehen wir wahllose Angriffe auf die Zivilbevölkerung, unser Aufruf ist daher besonders dringlich," betont Bertrand Draguez, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Belgien.

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