21.11.2025
Mohammad Al Hawajri hat als Operationsassistent in unserem Einsatz in Gaza gearbeitet. Sein fünfjähriger Sohn wurde bei einem Angriff verletzt und braucht dringend spezielle medizinische Behandlung. Er erzählt, wie er und seine Familie versucht haben, Sicherheit zu finden – und wie die Evakuierung gelungen ist.

Ich bin mit meiner Familie im Norden des Gazastreifens, als der Krieg ausbricht. Wir finden Schutz im nächstgelegenen Büro von Ärzte ohne Grenzen. Viele Kolleg:innen und deren Familien versammeln sich hier. Es fühlt sich sicherer an als in unseren Häusern, auch wenn uns jedes Geräusch draußen daran erinnert, dass es nirgendwo wirklich sicher ist.

Im November 2023 stürmt das israelische Militär das Al-Schifa-Spital. Gaza-Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht. Wir entscheiden uns zu fliehen, in der Hoffnung, dass der Süden eine kleine Chance auf Überleben bieten könnte.

 

Mohammad Al Hawajri mit seinem fünfjährigen Sohn Omar.

Mohammad Al Hawajri mit seinem Sohn Omar am Spielplatz des Krankenhauses in Amman, Jordanien.

Alaa hält meine Kinder, als ihn die Kugel trifft

Ärzte ohne Grenzen versucht, sichere Wege für das Personal zu organisieren – in den kurzen Zeitfenstern, die die israelischen Streitkräfte genehmigen. Ich mache mich mit meiner Familie und Kolleg:innen in unserem Autokonvoi auf den Weg. Doch das Zeitfenster schließt sich, bevor wir den Süden erreichen können. Wir müssen wieder zurück nach Gaza-Stadt.

Unser Konvoi, klar mit Logos von Ärzte ohne Grenzen gekennzeichnet, dreht Richtung Klinik um. Plötzlich wird das Feuer eröffnet. Kugeln pfeifen durch die Luft, Fenster zerbersten, und Splitter bohren sich in unsere Fahrzeuge.

Meine Kinder erinnern sich an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. Die Kugel, die knapp über ihren Köpfen vorbeizischte, bevor sie Alaa traf.

Im Chaos des Beschusses wird Alaa Al-Shawa, der als freiwilliger Notfallpfleger für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet hat, in den Kopf geschossen – während er meine Kinder hält. Er stirbt sofort.

Alaa-Al-Shawa
MSF
Alaa-Al-Shawa war freiwilliger Notfallpfleger in Gaza. Er wurde am 18. November 2023 getötet.

Die Kinder schreien, ihre Rufe erfüllen die Luft, während Alaa begraben wird. Wir stehen da, fassungslos, unfähig zu begreifen, was passiert ist. Mein ältester Sohn ist besonders traumatisiert. Jede Nacht wacht er weinend auf, verfolgt vom Bild von Alaas totem Körper und von all dem, was er gesehen hat.

Monate der Vertreibung

Als wir es schließlich Ende November 2023 in den Süden schafften, finden wir Unterschlupf bei Ärzte ohne Grenzen. Aber selbst hier holt uns der Krieg ein. Ein Einschlag in der Nähe lässt die Fenster zersplittern. Später trifft ein Panzergeschoss die Einrichtung, obwohl sie mit dem Logo von Ärzte ohne Grenzen gekennzeichnet ist. Bei diesem Angriff wird die Tochter von Kolleg:innen getötet. Es folgen Monate der Vertreibung, geprägt von unerträglichem Verlust und unmenschlichen Lebensbedingungen.

Nasser hospital
MSF
Kinder spielen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes. Gaza im November 2023.

Splitter in Omars Bein

Gerade als wir denken, das Schlimmste überstanden zu haben, trifft am 27. Juni 2025 ein Luftangriff die Straße neben unserem Zuhause in Bureij. Unser jüngster Sohn, Omar, steht gerade bei der Tür, als ihn ein Splitter ins Bein trifft. Er ist erst fünf, bereits geschwächt von Monaten voller Angst und Hunger.

Omar's story - medevac from Gaza
Mohammad Shatnawi/MSF
Omar mit seiner Schwester im Krankenhaus in Amman, Jordanien. Jetzt sind sie in Sicherheit.

In Gaza muss er mehrere Operationen über sich ergehen lassen – unter unerträglichen Bedingungen. Es herrscht Hunger, die Preise für Lebensmittel und Medikamente steigen ins Unermessliche und viele Sachen sind unter der israelischen Belagerung schlicht nicht verfügbar.

Die medizinische Evakuierung für Omar

Sechs Wochen später gelingt es unseren Kolleg:innen, uns ins Spital für rekonstruktive Chirurgie in Jordanien zu verlegen. Zu dem Zeitpunkt ist Omar bereits mangelernährt, und seine Geschwister sind gefährlich abgemagert.

Wenn wir sehen, wie er die ersten Schritte Richtung Genesung macht, erinnert es uns daran, dass das Leben  nach allem wieder neu beginnen kann.

Hier in Amman hat er weitere Operationen und psychologische Betreuung erhalten. Er kann jetzt wieder stehen, spielen und einfach Kind sein. 

Omar's story - medevac from Gaza
Mohammad Shatnawi/MSF
Omar auf dem Spielplatz im Krankenhaus in Amman, Jordanien.

Aber egal, wieviel Betreuung er bekommt – ein Teil seiner Kindheit wird immer die Narben dessen tragen, was geschehen ist. Es ist ein Genozid, von dem wir immer noch kaum fassen, dass er uns, unseren Kindern und dem Land, das wir so lieben, angetan werden durfte. 

Derzeit warten über 16.500 Menschen auf eine medizinische Evakuierung aus Gaza – darunter 4.000 Kinder wie Omar. Sie brauchen dringend spezielle medizinische Versorgung, die im Gazastreifen nicht möglich ist.  Während sie auf die Genehmigung zur Ausreise warten, können sie nicht ausreichend versorgt werden. Über 700 Menschen sind bereits gestorben, weil sie nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten.

Österreich unterstützt im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie der Schweiz keine medizinischen Evakuierungen aus Gaza.