Kommentar von Diyani Dewasurendra
28.08.2025
Als Ärztin bringt Diyani medizinische Versorgung zu Menschen, die sonst keine hätten. Zuletzt hat sie im größten Geflüchtetenlager der Welt in Bangladesch etwas aufgebaut, das es hier noch nicht gab: eine Klinik für Hepatitis C. Wie behandelt man eine Krankheit, von der die meisten nicht einmal wissen, dass sie sie haben?

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Cox Bazar, Bangladesch

Der Regen hat den Boden aufgeweicht. Ich stapfe durch Schlamm. Alles ist voller Müll, überall liegt Plastik. Ein unangenehmer Geruch hängt in der Luft. Ich bin gerade erst im Geflüchtetenlager Cox’s Bazar in Bangladesch angekommen – und schon bleibt mir die Luft weg. Ich war schon in vielen Krisenregionen, aber Lebensumstände wie diese habe ich noch nie gesehen.

Für die nächsten zwei Monate bin ich hier, im größten Geflüchtetenlager der Welt, um etwas aufzubauen, das es bisher noch nicht gibt: eine Klinik für Hepatitis C. Eine Krankheit, die viele hier haben – und die trotzdem kaum jemand kennt.
 

Leben in der Streichholzschachtel

Cox’s Bazar liegt im Süden von Bangladesch, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Myanmar entfernt. Von einem Hügel aus schaue ich hinunter auf das Geflüchtetenlager – erst jetzt begreife ich, wie groß es wirklich ist. Fotos, die ich im Vorfeld gesehen hab, haben mich nicht auf die Realität vorbereitet. Über eine Million Menschen leben auf engstem Raum. Rohingya, die vor Gewalt, Diskriminierung und Verfolgung aus Myanmar geflohen sind. In der Hoffnung auf Sicherheit und Zukunft haben sie hier Schutz gesucht. Doch was sie gefunden haben, ist ein menschenunwürdiges Leben. Ein Leben in der Streichholzschachtel. 

Zum Vergleich: Während in meiner Heimatstadt Velden durchschnittlich 170 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, sind es hier im Lager 45.000 Menschen. Es ist nicht nur das größte, sondern auch das überfüllteste Geflüchtetenlager der Welt. Ein Meer aus Bambushütten, Wellblech und Plastikplanen. Die winzigen Häuser kleben so dicht aneinander, dass ein Funke genügt, um ein ganzes Viertel in Flammen zu setzen – wie es vor ein paar Jahren passiert ist. 

Zwischen den Hütten fließen schwarze Rinnsale – verschmutztes Wasser voller Müll. Der Gestank wird bei Regen fast unerträglich. Sauberes Wasser zum Trinken oder Waschen ist Mangelware. Durchfallerkrankungen, Cholera und auch Dengue-Fieber sind allgegenwärtig.
 

Three Rohingya photographers tell us about their daily lives in exile in 20 images
Three Rohingya photographers tell us about their daily lives in exile in 20 images
Three Rohingya photographers tell us about their daily lives in exile in 20 images
Three Rohingya photographers tell us about their daily lives in exile in 20 images
Ro Yassin Abdumonab

Eine Generation ohne Perspektive

Das Schlimmste ist die Perspektivenlosigkeit. Die Menschen dürfen das Lager nicht verlassen. Sie dürfen nicht arbeiten, nicht studieren. Und zurück nach Myanmar können sie auch nicht. Die meisten sind bereits seit 2017 hier, viele auch schon davor. Die Menschen hängen fest ohne Perspektive. Kinder haben noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen. Jugendliche werden erwachsen, ohne je lesen oder schreiben zu lernen. Eine ganze Generation wächst heran, ohne Perspektive, ohne Ziel, ohne Zukunft. Es ist ein Dahinvegetieren und Warten. Ein Warten auf nichts. Was das mit einem Menschen macht, kann man sich kaum vorstellen.

Erschreckend hoch

Ich bin mit einem klaren Auftrag gekommen: eine Hepatitis-C-Klinik aufbauen. Denn was wir durch eine große Studie herausgefunden haben, ist erschreckend: Jede fünfte getestete Person im Lager ist mit aktiver Hepatitis C infiziert. Diese Zahl ist sehr, sehr hoch. Und deutlich höher als im Rest des Landes. Dazu kommt: Viele wissen gar nicht, dass sie krank sind.

Hepatitis C: die stille Bedrohung

Hepatitis C tötet leise. Oft verläuft die Erkrankung über Jahre ohne Symptome, bis die Leber irgendwann versagt oder sich Krebs entwickelt – und wir nur mehr palliativ unterstützen können. Und genau deshalb ist es so wichtig, früh zu behandeln.
Denn Hepatitis C ist heilbar. Eine Tablette täglich, drei Monate lang – und der Virus ist verschwunden. Keine Spezialklinik, keine Infusionen. Aber nur, wenn man überhaupt weiß, dass man infiziert ist. Genau daran scheitert es hier. Es gibt kein Bewusstsein, keine Routinetests, keine Diagnosemöglichkeiten – und vor unserem Projekt auch keine Behandlung. 
 

Unsichtbar, aber gefährlich

Das Virus wird im Lager nicht durch Drogenkonsum übertragen, wie es in anderen Kontexten der Fall ist. Hier passiert die Ansteckung durch alltägliche Praktiken: Ohrlochstechen mit derselben Nadel bei mehreren Kindern. Hausgeburten mit derselben Schere für mehrere Nabelschnüre. Oder kulturelle Beschneidungen mit derselben Klinge für mehrere Jungen.  

Was in anderen Teilen der Welt undenkbar wäre, ist hier – aus Unwissen heraus – Alltag. Viele haben noch nie davon gehört, wie Infektionen übertragen werden. Hier gilt: „Wenn kein Blut oder Dreck zu sehen ist, ist es sauber.“ Dass ein Virus wie Hepatitis C unsichtbar ist und bis zu sieben Tage auf einer Nadel überleben kann – das weiß hier so gut wie niemand. Und deshalb ist unsere Klinik so wichtig. 
 

Rohingya: Hep C Testing
Ante Bussmann/MSF
MSF launches large hepatitis C "test and treat" campaing in Bangladesh Rohingya camps
Tania Sultana/MSF
Die neue Hepatitis C Klinik in Cox Bazar, Bangladesch
MSF
Rohingya: Hep C Testing
Ante Bussmann/MSF
A new chapter of hope: Breaking the chain of hepatitis C transmission in the Rohingya camps
Farah Tanjee/MSF
Hepatitis C Klinik in Cox Bazar
MSF
Unsere neue Hepatitis C Klinik in Cox Bazar, Banlgadesch
MSF

Eine Klinik aus dem Nichts

Gemeinsam mit einem lokalen Team habe ich die Klinik von Grund auf aufgebaut: Personal zusammengestellt und rekrutiert, Schulungen organisiert, medizinische Materialien beschafft, Übersetzungen koordiniert und die nötigen Strukturen geschaffen. Viele im Team – Ärzt:innen, Pfleger:innen, Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen – hatten vorher noch nie mit Hepatitis C gearbeitet. Umso wichtiger ist es, sie gut vorzubereiten.

Unser Ziel ist klar: Bis Ende nächsten Jahres wollen wir 30.000 Menschen behandeln. Das ist enorm – aber dringend notwendig.

Die Klinik entstand in kürzester Zeit – mitten im Lager, eingebettet in unsere bestehende medizinische Versorgung. Und bald konnten wir bereits die ersten Patient:innen aufnehmen. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine Klinik von Grund auf mitentwickeln konnte. Und ich bin stolz auf das, was wir gemeinsam möglich gemacht haben.
 

„Du kannst dich wieder anstecken.“

Wir behandeln nicht nur – wir klären auch auf. Denn was ganz wichtig ist im Kampf gegen die Verbreitung von Hepatitis C: Wissen. Jede Therapie ist nur so gut wie das Verhalten danach. Wir müssen den Menschen erklären: Ja, du bist jetzt geheilt. Aber wenn du wieder dieselben Risiken eingehst, kann alles von vorne beginnen. 

Allerdings gibt es oft sprachliche Hürden zwischen den Rohingya und den Bangladescher:innen. Und wie erklärt man eine unsichtbare Gefahr, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt? Oder wenn viele Patient:innen nicht lesen oder schreiben können? Wir arbeiten mit Bildern, Symbolen, kleinen Geschichten – damit die Botschaft ankommt (Foto). 

Mein Wunsch

Ich wünsche mir, dass wir viele Menschen mit unserer Klinik erreichen. Und wir Partner:innen finden, die uns helfen, alle Menschen im Lager zu behandeln. Denn wir allein schaffen das nicht. Vor allem aber wünsche ich mir eines: eine echte Zukunft für die Menschen hier. Dass Kinder eine richtige Kindheit haben und zur Schule gehen dürfen – träumen, lachen, lernen dürfen. Dass Familien nicht nur überleben, sondern leben können.

 

Deine regelmäßige Spende als Einsatzpartner:in macht Hilfe wie diese möglich. Dafür danke ich dir von Herzen. 

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