Kommentar von
Laura Leyser
06.03.2026
Laura Leyser ist seit kurzem internationale Generalsekretärin von Ärzte ohne Grenzen. Was sie in dieser Position bewegen möchte, erzählt sie selbst.

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Die Welt verändern? Das scheint ein sehr großes Ziel zu sein. Aber wenn man die Situation für einen einzelnen Menschen verbessern kann, für hunderte oder sogar tausende – dann hat man etwas in der Welt bewirkt.

Das ist nicht unmöglich. Sondern der Grund, warum ich bei Ärzte ohne Grenzen bin. Zusammen mit mehr als sieben Millionen Unterstützer:innen und mehr als 67.000 Kolleg:innen weltweit machen wir einen Unterschied im Leben vieler Menschen: Allein im Jahr 2024 haben wir mehr als 16 Millionen Behandlungen durchgeführt, 360.000 Geburten begleitet und über 580.000 mangelernährte Kinder versorgt.

Was sich für mich verändert

Über sieben Jahre lang war ich Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Dabei habe ich unseren Beitrag zur internationalen Hilfe mit dem Team in Österreich weiterentwickelt und vorangetrieben. Und dann hat sich eine Möglichkeit ergeben, die ich wahrnehmen musste. Eine Chance, um noch mehr für unsere Patient:innen tun zu können.

Seit wenigen Tagen bin ich nun internationale Generalsekretärin von Ärzte ohne Grenzen, mit Sitz in Genf.

Meine neuen Aufgaben

Welche Aufgaben ich habe? Als internationale Generalsekretärin bin ich vor allem in einer strategischen und koordinierenden Führungsrolle. Ich arbeite sehr eng mit unseren Einsatzzentralen zusammen. Und stelle sicher, dass sich unsere gesamte Organisation stetig weiterentwickelt.

Gleichzeitig trete ich auf internationaler Ebene öffentlich für unsere Anliegen ein. Zum Beispiel kann das auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen sein, wenn wir dazu eingeladen werden. Zudem bin ich mit Regierungsvertreter:innen und anderen Organisationen im Austausch. In meinen Aufgabenbereichen arbeite ich eng mit Javid Abdelmoneim, dem internationalen Präsidenten von Ärzte ohne Grenzen, zusammen.

In Zeiten wie diesen

Mit dieser Rolle geht viel Verantwortung einher. Denn immer mehr Menschen benötigen dringend Hilfe: Kriege und Konflikte nehmen weltweit zu. Die Auswirkungen der Klimakrise zeigen sich immer deutlicher. Gleichzeitig wird humanitäre Hilfe zunehmend blockiert und angegriffen. Viele Regierungen kürzen ihre Hilfsgelder massiv. Ärzte ohne Grenzen nimmt keine staatlichen Gelder, unsere Arbeit wird fast zur Gänze durch private Spenden finanziert.

Wir sind eine der letzten Organisationen, die noch gut arbeiten können. Weil wir unabhängig, unparteiisch und neutral sind.

Seien Sie Teil der Hilfe!

In diesen Zeiten möchte ich unsere Hilfe stärken, noch effektiver und effizienter machen: um die wichtigsten Lücken zu schließen. Für jene Menschen, die dringender denn je medizinische Versorgung brauchen. 

Diverser werden

Als internationale Hilfsorganisation sind uns Diversität und Gleichberechtigung sehr wichtig. Von unseren mehr als 67.000 Mitarbeitenden sind 80 Prozent lokale Mitarbeiter:innen, kommen also selbst aus den Einsatzländern. Auch was die Herkunft unserer internationalen Einsatzkräfte betrifft, sind wir in den letzten Jahren diverser geworden.

Doch nur 37 Prozent aller Kolleg:innen sind Frauen – das hat verschiedene Gründe und spiegelt vielerorts die gesellschaftliche Realität wider. Es gibt in vielen Ländern weniger Bildungschancen für Frauen und oft tragen sie die Verantwortung für die Familie. So habe ich etwa im Tschad erlebt, dass die Rollenverteilung schon sehr früh beginnt: Mädchen sind von klein auf in die Hausarbeit eingebunden, Buben dürfen spielen.

Anteil an Frauen erhöhen

Wir arbeiten bewusst daran, den Anteil an Frauen in unseren Teams zu erhöhen. So müssen wir noch besser verstehen, warum sich in bestimmten Ländern deutlich mehr Männer als Frauen bei uns bewerben und wie wir das ändern können. Denn nur so lassen sich konkrete Maßnahmen setzen. Bereits jetzt ermöglichen wir gezielt Ausbildungen für Frauen in unseren Einsatzländern.

Für unsere Hilfsprojekte brauchen wir dringend weibliche Fachkräfte, um den Zugang zu Gesundheitsversorgung für Frauen zu ermöglichen, etwa in der Geburtshilfe. Denn zum Beispiel in Afghanistan dürfen dort nur Frauen arbeiten. Und gute Versorgung ist entscheidend: Mehr als 90 Prozent aller Fälle von Müttersterblichkeit treten in ärmeren Ländern auf. Frauen vor, während und nach der Geburt sind - genauso wie Kinder – vielen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.

Persönliche Veränderungen

Meine neue Rolle ist ein großer, wichtiger Schritt – auch für mich persönlich. Aber es ist natürlich nicht einfach, vor allem als aktives Elternteil: Es ist immer noch ungewöhnlich, Karriere zu machen und Kinder zu haben, zumindest für Frauen. Das geht nur mit guten Absprachen in der Familie sowie Abstrichen.

Aber wenn Männer ihre Rolle als Partner und Väter ernst nehmen, geht es ihnen ja genauso. Gleichzeitig werden weibliche Führungskräfte noch immer anders gesehen als ein männliche, und müssen sich oft mehr behaupten. Natürlich wünsche ich mir, dass hier gesellschaftlich kein Unterschied gemacht würde. Aber wichtig ist es, sich davon nicht aufhalten zu lassen. Sondern sich trauen, den eigenen Weg zu gehen.

Was mir Kraft gibt

Einerseits finde ich viel Kraft in meiner Familie. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die wunderschön sind. Andererseits bin ich sehr dankbar dafür, dass ich in einem sicheren Land lebe, in dem meine Grundbedürfnisse gedeckt sind und eine Zukunft für Kinder möglich ist.

Das ist keine Selbstverständlichkeit: Viele Menschen weltweit haben diese Sicherheiten und Privilegien nicht. Und genau deswegen möchte ich meine Kraft dafür einsetzen, dass die Welt sich verändert. Denn ich weiß, dass wir für Millionen Menschen einen Unterschied machen können: Das ist mein Antrieb, meine Motivation.

Wenn ich etwas weitergeben möchte, dann das: Wir sollten uns gegenseitig mehr unterstützen – und mehr an uns selbst glauben. Denn eine Veränderung für die Welt fängt auch in uns selbst an.

Portrait Laura Leyser
Tina Götz/MSF
Seit März ist Laura Leyser internationale Generalsekretärin von Ärzte ohne Grenzen mit Sitz in Genf.

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