"Junge Bräute"

"Junge Bräute"
Kommentar von Ursula Wagner
06.02.2015
„Wie alt ist die Braut?“, frage ich. „12.“ - „Und der Bräutigam?“ - „15.“ Ein toller Einstieg ins Thema, findet doch genau heute, wo wir mit dem Dorfvorsteher und der Männergruppe Kinderheirat und die daraus folgenden sehr frühen Schwangerschaften besprechen, d.h. eigentlich aus medizinischer Sicht problematisieren wollen, tatsächlich eine solche Hochzeit statt. Ich bin frohen Gemüts in das Dorf unweit von Am Timan aufgebrochen, aber jetzt schwanke ich kurz zwischen ironischer Verzweiflung und Erleichterung, dass das Thema dermaßen tagesaktuell ist. Verzweiflung, weil ich auf ein etwas höheres Alter der Braut gehofft hatte und jetzt nicht weiß, wie unsere Sensibilisierung ankommt. Erleichterung, dass das blutjunge Mädchen nicht wie sonst des Öfteren in dieser Region mit einem viel älteren Mann verheiratet wird. Das vergleichsweise höhere Alter der Männer hängt damit zusammen, dass diese oft erst das Geld für den Brautpreis zusammensparen müssen, der insgesamt 300 bis 700 Euro beträgt. Alles in allem, also mit Geschenken, Fest und Brautpreis kommt eine Heirat auf gut 3.000 Euro, hat mir unser Fahrer am Weg ins Dorf erklärt. Der Altersunterschied ist in manchen Fällen auch deshalb groß, weil die Braut die zweite, dritte oder vierte Ehefrau ist. Die Ehen werden in erster Linie von den Eltern arrangiert, und das Mädchen wird oft vor vollendete Tatsachen gestellt. In Einzelfällen lehnt ein Mädchen den vorgeschlagenen Kandidaten, der sich zuvor mit Geschenken angetragen hat, ab. Beziehungsweise beginnen sich auch hier die Traditionen zu ändern, und die jungen Mädchen, die in der Nähe der Stadt aufwachsen, schlagen nun selbst ihren Heiratskandidaten vor. In manchen Fällen werden die Mädchen noch jünger als mit 12 Jahren verheiratet, sie bleiben dann aber bis zur Geschlechtsreife im Haus der Eltern. Insgesamt werden im Tschad zwei Drittel aller Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Damit hat der Sahelstaat neben Mali, Niger, Zentralafrikanische Republik und Bangladesch trotz Radiokampagnen nach wie vor eine der höchsten Kinderheiratsraten der Welt.
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Diskussionsrunde mit meiner Mitarbeiterin Zamzam und Männern in einem Dorf in der Nähe von Am Timan (c) Ursula Wagner/MSF

Dies hat nicht nur soziale Konsequenzen wie etwa Abbruch der Schule oder Überforderung der Mädchen mit den vielen neuen Aufgaben im Haushalt ihres Mannes, sondern bringt auch medizinische Risiken für das junge Mädchen und ihre Babies mit sich, wenn es als Teenager schwanger wird. Das ist der Grund, warum sich Ärzte ohne Grenzen – insbesondere in einem Land mit einer enorm hohen Mütter- und Säuglingssterblichkeit – mit diesem Thema befasst, und warum wir die Männergruppe dafür sensibilisieren wollen. Meine Mitarbeiterin Zamzam erklärt die möglichen medizinischen Komplikationen, wenn ein nicht ausgewachsenes Mädchen schwanger wird. Es geht um erhöhte Raten von Früh- und Fehlgeburten und um Schwierigkeiten bei der Geburt, weil das Becken zu eng ist. Dies kann zu einem verlängerten Geburtsprozess und zur Entstehung von Genitalfisteln führen. Letztere sind im globalen Norden so gut wie unbekannt, betroffen sind vor allem Mädchen und Frauen in armen Ländern. Genitalfisteln entstehen, wenn das das Kind zu lange im Geburtskanal feststeckt, die Blutversorgung durch den oft über mehrere Tage lang ausgeübten Druck unterbrochen wird und das Gewebe zwischen Vagina und Blase und/oder Darm abstirbt. Inkontinenz ist die medizinische, Exklusion die soziale Folge. Von Genitalfisteln betroffene Frauen werden oft von ihren Ehemännern und Familien regelrecht verstoßen. Dieses Schicksal soll den jungen Mädchen in der Salamat-Region erspart bleiben. Daher frage ich vorsichtig, warum Mädchen so jung verheiratet werden, und es bestätigt sich nicht das, was ich aus der Literatur kenne. Denn oft wird das ökonomische Argument in den Vordergrund gestellt, dass ein Kind Geld kostet (Essen, Kleidung, Schule,..) und es aus dieser Perspektive wichtig ist, die Mädchen schnell zu verheiraten. Ein weiterer Grund ist, dass mit einem möglichst jungen Alter auch am ehesten die Jungfräulichkeit gewährleistet werden kann. In der Diskussion tauchen jedoch ganz andere Motive auf. Einer der Männer meint, dass ein junges Mädchen am besten zur Arbeit taugt. Ein anderer meint, dass man ein „gutes“ Mädchen möglichst schnell in den eigenen Kreisen verheiraten muss, damit sie nicht wer von einem anderen Dorf wegschnappt. Weil Mädchen nicht „ruhig“ sind, weil sie einem sonst Schande bereiten und außerhalb der Ehe schwanger werden, ist ein weiterer Einwurf. „Und die Jungs dann? Sind die ruhiger?“, frage ich. Ja, Jungs wären kein Problem, die sind ruhiger. Für mich sind das sehr interessante Geschlechtervorstellungen, denn man muss bedenken, dass die Mädchen bereits beschnitten wurden (dazu in einem späteren Blog), um „ruhiger“ zu sein. Wir versuchen als Fazit der Infosession zu vermitteln, dass ein Mädchen erst mit 18 ausgewachsen ist und man mit dem Kinderkriegen bis dahin warten soll. Die Runde ist sich dann beim abschließenden von Ärzte ohne Grenzen gesponserten Cola einig – das übrigens immer gut ankommt...
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Wir verteilen während der Diskussionsrunden „sucreries“ (süße Getränke wie Cola), die sich hier enormer Beliebtheit erfreuen (c) Ursula Wagner/MSF

... dass ihre Töchter zumindest nicht vor dem 15. Geburtstag verheiraten werden, was dem gesetzlich festgelegten Mindestalter für Heirat für Mädchen entspricht. Alles darüber hinaus scheint doch zu waghalsig, da der Ehestand in dieser Gesellschaft insbesondere für Frauen zentral ist, um ein Leben in Ehre führen zu können. Bisherige Beiträge von Ursula Wagner lesen: Heute geht's ums Essen! Drillinge in der Stadt der Zwillinge Kulturelle Identität oder: Die Angst vorm weißen Haus Dorfgeschichten Bienvenue à Am Timan Gedanken am Weg ins Projekt
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10.03.2015
11:25
Helga Rei

Hallo Ursi! Ich hab nicht bemerkt, dass der Blog umgezogen ist. Daher hier nochmal: Danke für deine immer spannenden und informativen Geschichten! Ich hoffe, es geht dir gut! LG aus dem noch etwas frostigen Wien =) Helga R.

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