22.09.2025
Die Logistikerin Sabrina Morgenbesser war in Kenia. Sie erzählt, wie sich ihr erster Einsatz in einen Noteinsatz verwandelte – und was ihr dabei geholfen hat.

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Es hat als gewöhnlicher Einsatz begonnen: Ich war in der Küstenstadt Mombasa in Kenia. Wir haben dort mit mobilen Kliniken geholfen und bestehende Einrichtungen unterstützt. 

Dann hat sich plötzlich alles geändert: Zwei Epidemien sind ausgebrochen.  
 

Sabrina Morgenbesser, Logistikerin bei Ärzte ohne Grenzen

Cholerastation in 80 Stunden

Zuerst ist im Juni Cholera ausgebrochen. Mit meinem zwölfköpfigen Logistik-Team habe ich in 80 Stunden eine Cholerastation aufgebaut. 

Noch während wir versucht haben, die Epidemie einzudämmen, wurde unser Logistik-Team erneut angefragt: wegen Mpox in Utange. Plötzlich liefen zwei Notfalleinsätze parallel. Das war sehr herausfordernd - vor allem, da es mein erster Einsatz war. 

Schutzkleidung Team
Sabrina Morgenbesser / MSF
Beim Aufbau der Mpox-Station in Schutzausrüstung.
Cholerastation Ärzte ohne Grenzen
Sabrina Morgenbesser / MSF
Die Cholera-Station ist bereit für die Patient:innen.

Lernen und anwenden

Was mir dabei geholfen hat: Letztes Jahr habe ich auf der Freiluft-Ausstellung „Ärzte ohne Grenzen hautnah“ in Wien mitgearbeitet. Dort habe ich den Architekten Ricardo kennengelernt. 

Gemeinsam haben wir Zelte und Latrinen für die Ausstellung aufbaut. Dieses praktische Wissen war für meine Arbeit in Kenia wertvoll. Denn bei Cholera zählt jede Stunde, um Leben zu retten.

Wasserkanister zum Zeltbau

Ich habe bei Ärzte ohne Grenzen viele Kolleg:innen aus aller Welt kennengelernt. Und das Schöne ist: Sie sind oft nur einen Anruf entfernt. So konnte ich mir oft Unterstützung im Einsatz holen. 

Als wir die Cholerastation in Kenia errichten mussten, wusste ich schon aus Wien, wie die Zelte aufgebaut werden. Aber als wir sie im Boden verankern wollten, standen wir vor einem Problem: Der Boden war gepflastert. Wir hatten kein passendes Material und der Zeitdruck war hoch.

Ärzte ohne Grenzen-Team beim Aufbau der Cholera-Station
Sabrina Morgenbesser / MSF
Wir bauen die Zelte für die Cholera-Station auf.
Cholera-Zelt von Ärzte ohne Grenzen steht
Sabrina Morgenbesser / MSF
Mit Sandsäcken haben wir die Zelte niedergespannt, um sie dann mit befüllten Wasserkanister zu fixieren.
Cholera-Zelt aufgebaut
Sabrina Morgenbesser / MSF
Hier steht die Cholera-Station.

Ich rief Ricardo per Videocall an. Sein Tipp: Verwendet gefüllte Wasserkanister, um die Zelte an den Ecken zu beschweren. In Mombasa gibt es jede Menge Kanister. Das war eine einfache und geniale Lösung, und so stand bald die Station.

Mobile Kliniken

In Kenia hat mein Logistik-Team auch die mobilen Kliniken unterstützt. Damit bringen wir die Hilfe zu den Menschen, ohne dass sie weite Wege auf sich nehmen müssen. Wir behandeln sie medizinisch, bieten psychologische Beratungen und bringen ihnen Hygienemaßnahmen näher.

Wir haben immer mit dem medizinischen Team gemeinsam geplant: Wo kommt die mobile Klinik hin? Ist es dort sicher? Welche und wie viele Hilfsgüter brauchen wir? 

Von Blutdruckmessgeräten bis zu Impfstoffen – als Logistik-Team organisieren und transportieren wir alles.

Oft merkt man gar nicht, dass Logistiker:innen überhaupt da sind, weil wir im Hintergrund alles am Laufen halten. Aber sobald mal eine Minute kein Internet oder kein Strom da ist, dann werden wir „sichtbar“. Und dann muss es oft schnell gehen.

Montag ist Energietag

Natürlich muss man immer mit unvorhergesehenen Dingen rechnen: ein Alarm im Serverraum, ein Stromausfall, ein platter Reifen. Das sind Dinge, die nicht planbar sind, aber zur täglichen Arbeit dazugehören.

Damit wir nicht nur auf Probleme reagieren müssen, haben wir einen vorbeugenden Wartungsplan.

Montag ist Energietag, da kümmern wir uns um alles von der Steckdose über die Generatoren bis zum Solarpanel. Dienstag ist Wassertag: Da kontrollieren wir die Tanks, die Pumpen und reinigen die Wasserspender. 

Damit das Wasser läuft

In unseren Einsatzgebieten ist Wasser nicht selbstverständlich. In unserem Projekt in Mombasa kommt es über eine Hauptwasserleitung und wird in einem Tank gesammelt. Aber einmal pro Woche platzt irgendwo eine Leitung oder fällt eine Pumpe aus. Und dann gibt es natürlich kein Wasser. Deswegen müssen wir hier vorbeugen.

Sabrina Morgenbesser bringt Wasser zum Laufen
Sabrina Morgenbesser / MSF
Die Freude, wenn das erste Mal Wasser fließt ist einfach riesig!
Wassertestung Sabrina Morgenbesser von Ärzte ohne Grenzen
Sabrina Morgenbesser / MSF
Wir testen: Wieviel Chlor brauchen wir für 10.000 Liter Wasser?
Sabrina Morgenbesser vor Containern
Sabrina Morgenbesser / MSF
Auf der Suche nach einem günstigen Container.

Wichtig ist, dass das Wasser sauber ist. Wir führen daher Wassertests in unserem Projekt durch, um sicherzustellen, dass keine Bakterien im Wasser sind.

Medikamente bestellen

Die Beschaffung von Hilfsgütern und Material ist herausfordernd, da vieles nicht lokal verfügbar ist. Wir müssen internationale Bestellungen machen. Dabei planen wir den Bedarf sehr genau, da die Güter per Flugzeug oder auch Schiff geliefert werden und das teuer ist. Wir haben immer einen Sicherheitsbestand, damit nichts ausgeht. 

Besonders kritisch sind Medikamente, weil wir die Kühlkette exakt einhalten müssen. Auch Impfstoffe sind sehr teuer und wertvoll, und müssen genau temperaturkontrolliert überwacht werden.

Ein erster Einsatz von vielen

Als ich 18 Jahre alt war, wusste ich nicht, was ich machen möchte. Ich habe ein Buch geschenkt bekommen, in dem von der Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen erzählt wurde. Da war mir sofort klar: Das ist es! 

Ich habe Logistik studiert und Berufserfahrung gesammelt. Es hat 20 Jahre gedauert, aber die Erfahrungen in der Privatwirtschaft haben mir im Einsatz sehr geholfen – Strukturen zu schaffen, Planung umzusetzen, Verantwortung für Mitarbeiter:innen zu übernehmen.

Was mir besonders an der Arbeit als Logistikerin gefällt: dass es niemals langweilig ist. 

Ich bin jeden Tag aufs Neue gefordert. Das Schönste ist die Zusammenarbeit im Team und zu sehen, dass es den Menschen besser geht und wir Leben retten können.

MSF-Team mit Sabrina Morgenbesser
Sabrina Morgenbesser / MSF
Das Beste an der Arbeit: Mein Team!

Ein Job, der Sinn macht

Einmal hat ein Patient im Krankenhaus zu mir gesagt: „Danke. Jetzt haben wir wieder Hoffnung!“ Das hat mich so glücklich gemacht. Das ist der Grund, warum ich diese Arbeit mache. Und immer wieder auf Einsatz gehen werde.

Ich möchte alle motivieren, sich zu trauen, sich bei Ärzte ohne Grenzen zu bewerben. Auch als Mama oder Frau in der Logistik gibt es keine Grenzen. 

Es ist ein Job, der Sinn macht und gibt – und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen den Mut haben, für Ärzte ohne Grenzen in den Einsatz zu gehen.

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