27.10.2025
Unsere Redakteurin Astrid Glatz erzählt über ihren ersten Mapathon: Wie sie digitale Landkarten in Indonesien mitgestaltet - und warum jeder Klick zählt.

Meine Augen wandern über den Laptop. Das Satellitenbild taucht auf: mit Wäldern, Wegen, erdigen Flächen und schemenhaften Formen.

Ein Satellitenbild zu entschlüsseln ist nicht leicht: Es braucht Konzentration und vor allem Übung. Heute soll ich hier Gebäude finden und sie auf einer Karte einzeichnen. Das hilft uns bei zukünftigen Hilfseinsätzen. 
 

Gemeinsam am Start

Ich befinde mich im größten Raum unseres Büros von Ärzte ohne Grenzen. Etwa 20 freiwillige Unterstützer:innen und Kolleg:innen sitzen hier mit ihren mitgebrachten Laptops. Zusammen werden wir in einen Mapathon starten – mein erster überhaupt. Aber was ist ein Mapathon eigentlich?

Was ist ein Mapathon?

Im Grunde geht es darum, digitale Landkarten zu erstellen. Und das nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen.

Mapathon Ärzte ohne Grenzen
MSF/Tina Götz
Unser heutiges Projekt wird vorgestellt.
Marion Jaros Mapathon
MSF/Tina Götz
Gemeinsam kann man mehr bewegen...
Manuela Ruzicka Mapathon
MSF/Tina Götz
... und das macht sichtlich Spaß.
Missing Maps
MSF/Tina Götz
Missing Maps heißt: Fehlende Landkarten erstellen.

Heute kartieren wir in Indonesien. Dafür müsst ihr euch erst einmal einloggen und das richtige Projekt öffnen“, teilt mir Manuel Stenger mit, bevor er mich genau dabei unterstützt. 

Manuel ist mein Kollege. Und er leitet heute den “Missing Maps Mapathon” - gemeinsam mit Leslie Jessen, Expertin für Geoinformationssysteme, und unserer Online-Fundraiserin Marlene Gatterwe.

Landkarten, die helfen

Satellitenbilder sind sehr wichtig für unsere Noteinsätze. Denn in Krisengebieten gibt es oft keine verlässlichen Landkarten: Es sind keine Flüsse, Straßen oder Häuser eingezeichnet. 

Das große Problem: Wer auf keiner Karte existiert, wird leicht übersehen. Deswegen gibt es für diese Gemeinschaften oft keine ausreichende Gesundheitsversorgung oder Infrastruktur.

Mapathon Leslie Jessen
MSF/Tina Götz
Unsere Expertin Leslie Jessen weiß, worum es geht.

Damit wir Menschen helfen können, müssen wir wissen, wo sie sind und wie viel medizinische Versorgung sie brauchen. Im Notfall können wir schneller reagieren, wenn wir detaillierte Landkarten haben. Landkarten, die es oft noch nicht gibt.

Die Lösung: Missing Maps

Deshalb haben sich 2014 Ärzte ohne Grenzen, das Amerikanische Rote Kreuz, das Britische Rote Kreuz und das Humanitarian OpenStreetMap Team zusammengeschlossen, um die Initiative Missing Maps zu gründen. Mittlerweile arbeiten noch viele weitere Organisationen an dem Projekt mit. 

Weltweit erfassen Freiwillige Häuser, Straßen und Wasserwege anhand von Satellitenbildern. Diese sogenannten Geodaten werden in OpenStreetMap veröffentlicht, und sind so weltweit frei zugänglich für alle.

So werden gefährdete Regionen kartiert - schon bevor eine Krise passiert. 

Das hilft humanitären Organisationen, ihre Einsätze besser zu planen und schneller dort Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird. Und genau dazu tragen wir mit dem Mapathon bei.

Mapathon_Laptop mit Satellitenbild
MSF/Tina Götz
West-Guinea: Vom Satellitenbild zur Landkarte.

Unser Projekt: West-Guinea kartieren

Im heutigen Mapathon geht es für uns nach West-Guinea in Indonesien. Ärzte ohne Grenzen ist dort seit 1995 im Einsatz. Ländliche Gemeinden in der Region sind oft schwer erreichbar. 

Diese Karten helfen uns, neue Wege für den Transport zu planen und Notfallmaßnahmen umzusetzen.

Asta Man, Unterstützung der Einsatzleitung

Die Bevölkerung in West-Guinea ist von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Tsunamis oder Erdbeben bedroht. Wenn ursprüngliche Wege überschwemmt oder verschüttet sind, müssen wir rasch einen neuen finden. Eine detaillierte Landkarte hilft dabei, dringend benötigte Hilfe zu leisten. 

Gebäude sichtbar machen

Nach der Einleitung bekommen wir die Regeln erklärt: Nichts löschen. Nur bestehende Markierungen verbessern und hinzufügen. Wir verschieben die Zeichnungen von Gebäuden und richten sie gerade. Schritt für Schritt verwandeln wir die unscharfen Flächen auf den Satellitenbildern in Linien und klare Strukturen auf einer Landkarte.

Satellitenbilder
MSF/Tina Götz
Marlene Gatterwe erklärt, wie wir Häuser einzeichnen.

Anhand von Beispielen erklären uns Manuel, Leslie und Marlene die Satellitenbilder: wie wir Häuser erkennen und wie runde Hütten mit Stroh- oder Blechdächern von oben aussehen. Manche Flächen sind sofort erkennbar. Doch manchmal ist es schwierig, etwas richtig einzuschätzen.

Haus oder Felsen?

Dann legen wir los, und ich bin mittendrin: Ich vergesse die anderen Teilnehmenden um mich herum, sehe nur noch das Satellitenbild vor mir. Scanne die Fläche ab. Scrolle langsam. Das ist doch ein Haus – klick, klick, schon ist es auf der Karte eingezeichnet.

Und dann wird es schwierig: Ist das ein Gebäude oder ein Felsen? Keine Ahnung. Also schreibe eine kurze Nachricht ins Programm. Diese geht an die sogenannten "validators", sehr erfahrene Mapper. Sie kontrollieren die kartierten Flächen.

Später bekomme ich eine nette Antwort per Mail: „Danke für deinen Kommentar. Stimmt, das sind Felsen – unregelmäßige Form und Farbe. Gut erkannt. Alle anderen Gebäude sind korrekt kartiert.“

Kartieren Satellitenbilder
MSF/Tina Götz
Ein Stück habe ich schon geschafft!

Das fühlt sich gut an. Und gleichzeitig zeigt es, wie es weitergeht: Denn was wir hier beim Mapathon einzeichnen, wird von Expert:innen aktiv überprüft. Im nächsten Schritt arbeiten Menschen aus der lokalen Gemeinschaft weiter an den Karten. Sie bestätigen die Details vor Ort und fügen sogar lokale Namen hinzu. 

Vom Bildschirm in die Realität

Mit jedem Klick entsteht etwas, das in der Realität eine enorme Wirkung hat. Denn die fertigen Landkarten helfen nicht nur unseren Teams Impfkampagnen zu planen, mobile Kliniken aufzubauen und schneller in Katastrophengebiete zu gelangen. Sie werden auch von anderen Organisationen und den Gemeinschaften selbst genutzt.

Ein Mapathon zeigt, wie vernetzt wir arbeiten: Heute sitzen wir Freiwillige in einem Raum in Wien, doch unsere Arbeit wird bald in Indonesien nützlich sein.

Jeder Klick zählt

Ein Mapathon ist ein wunderbarer Startpunkt fürs Kartieren: Man ist gemeinsam mit anderen am Werken. Und es sind Expert:innen da, die bei Fragen sofort helfen. So kann man sich langsam einarbeiten und sicherer im Kartieren werden. 

Manuel Stenger erklärt Mapathon
MSF/Tina Götz
Manuel Stenger erklärt, wie das Kartieren geht.
Mapathon
MSF/Tina Götz
Geschafft - ein Kartenstück ist vollendet!
Laptop Satellitenbild
MSF/Tina Götz
Hier ist schon einiges eingezeichnet.
Marlene Gatterwe erklärt Mapathon
MSF/Tina Götz
Marlene Gatterwe steht für Fragen bereit.

Am Ende des Abends sehe ich die Fortschrittsanzeige: Hunderte neue Gebäude sind auf der Karte eingezeichnet. Unser Projektgebiet in West-Guinea in Indonesien ist greifbarer geworden. Mein erster Mapathon war mehr als ein Experiment. Es war das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. 

Und das Beste daran: Jeder kann mitmachen. Alles, was man braucht, ist ein Laptop, Internet und ein paar Stunden Zeit. Klick für Klick entsteht eine Karte. Eine Karte, die Leben retten kann.