11.11.2025
Ann De Schutter leitet das „Earth Observation“-Team von Ärzte ohne Grenzen. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen unterstützt sie unsere Hilfseinsätze mit Satellitendaten und Analysen: auch nach Erdbeben wie jenem in Afghanistan Ende August 2025.

Bei Ärzte ohne Grenzen kann ich Menschen weltweit durch sogenannte „Erdbeobachtung“ helfen. Zusammen mit meinem Team reagiere ich direkt auf Fragen aus dem Einsatzgebiet.

Manchmal benötigen wir einfach nur ein Satellitenbild, um unseren humanitären Einsatz genauer zu planen. In anderen Fällen schätzen wir, wie viele Menschen in einem Lager für Binnenvertriebene sind oder finden Wege, wie entlegene Gebiete erreicht werden können. In Notfällen wie Naturkatastrophen nutzen wir Satellitenbilder, um Schäden durch Erdbeben oder Überschwemmungen zu analysieren.

Ann De Schutter, GIS Expertin bei Ärzte ohne Grenzen, sitzt vor ihren Bildschrimen mit Satellitenbildern
Manuela Ruzicka/MSF
Ann De Schutter arbeitet mit Satellitenbildern aus unseren Einsatzgebieten.

Wir haben den Blick „von oben“. Um unseren Kolleg:innen im Einsatz zu helfen, liefern wir mit Satellitenbildern die Vogelperspektive. So können sie wichtige Entscheidungen auf Basis von konkreten Daten treffen.

Am Anfang steht immer ein Problem

Wenn es ein spezifisches Problem im Einsatzland gibt, dann fängt unsere Arbeit im „Earth Observation“-Team an. Wir werden kontaktiert, sobald jemand eine Satellitenanalyse benötigt. Bei Notfällen kann das zu jeder Tages- und Nachtzeit vorkommen. Beim Erdbeben in Afghanistan Ende August 2025 haben wir innerhalb der ersten Stunden reagiert.

Karte des Erdbebens in Afghanistan Ende August 2025
MSF
Ende August 2025 wurden Afghanistan und Pakistan von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert.

Ich bin in der Früh in die Arbeit gekommen und die ersten Anfragen waren schon da. Wir sammeln dann alle Bilder und Daten, die aus der betroffenen Region verfügbar sind. Satellitenbilder decken in der Regel ein Gebiet von mindestens 100 Quadratkilometern ab – ein riesiges Areal, das von uns analysiert werden muss.

Wir nehmen große Bilder zur Einschätzung der Lage und können genauer hinschauen, sobald wir wissen, wo unsere Teams Hilfe leisten können.

Innerhalb von 48 Stunden haben wir eine vollständige Karte des größeren Gebiets, kombiniert mit unseren eigenen Daten. Zusammen mit den Informationen unserer Kolleg:innen vor Ort bewerten wir dann, wo und wie viel Hilfe benötigt wird.

In Afghanistan wurden durch das Erdbeben Häuser und Infrastruktur zerstört. Wir helfen jenen Menschen, die in Lagern für Binnenvertriebene untergekommen sind. In den ersten zwei Wochen nach dem Erdbeben haben wir im Vertriebenenlager Patang in Kundus mehr als 247 Patient:innen behandelt und täglich 5.000 Liter Trinkwasser bereitgestellt.

Wochen später brauchen viele Menschen noch immer Hilfe. Auch wenn die Medienberichterstattung dazu nachlässt, ist und bleibt die Situation sehr schwierig für die Betroffenen.

Satellitenbilder für den Einsatz

Wir sind oft nicht die einzige Organisation, die auf Notfälle reagiert. Die internationale „Disaster Charter“ (Katastrophencharta) ermöglicht humanitären Helfer:innen den Zugang zu wichtigen Daten. Sie wurde auch während des Erdbebens in Myanmar im März 2025 aktiviert.

Damals konnten wir dank der gesammelten Daten ein Feldspital aufbauen - und dabei gefährliche Überschwemmungsgebiete meiden. So bringen wir schnell Hilfe zu den Menschen, ohne unsere Patient:innen oder Kolleg:innen zu gefährden.

Wenn keine aktuellen Satellitenbilder verfügbar sind, beauftragen wir Satelliten, eigene Bilder für uns aufzunehmen. Wir definieren das Gebiet und prüfen, wann der Satellit die Region überfliegen wird. Dann bitten wir ihn, ein Bild aufzunehmen – vorausgesetzt, es gibt keine Wolken, die die Sicht blockieren.

Wenn wir einen Satelliten beauftragen, dauert es etwa eine Woche, bis die Bilder da sind. Wenn Wolken die Sicht blockieren, besonders während der Regenzeit, kann es manchmal Monate dauern, bis wir ein klares Bild bekommen. Wir verarbeiten dieses dann und senden es an unsere Kolleg:innen im Einsatzland.

Der Blick auf zerstörte Krankenhäuser und Vertriebenenlager

Es ist für mich auch immer wieder herausfordernd, Satellitenbilder zu sichten und zu analysieren. Bei Gewalt oder nach Angriffen ist der Blick auf zerstörte Krankenhäuser und Häuser schockierend. Aber zu wissen, dass wir mit unserer Arbeit den Menschen in den betroffenen Gebieten helfen, gibt mir die Kraft, weiterzumachen.

Einmal haben wir in einem Vertriebenenlager in Tawila im Sudan geholfen. Dafür mussten wir wissen, wie viele Menschen dort sind und wie sich die Lage entwickelt. Über die Satellitenbilder haben wir analysiert, wie das Geflüchtetenlager im Lauf der Zeit gewachsen ist. So viele Zelte auf so kleinem Raum zu sehen – das hat mich geprägt. Gerade spitzt sich die Lage im Sudan wieder zu und wir helfen in Tawila Menschen, die aus Al-Faschir vertrieben werden.

Es öffnet dir die Augen, zu sehen, wie sehr sich ein Lager in so kurzer Zeit verändern kann.

Ähnlich haben wir beobachtet, wie sich ein riesiges Geflüchtetenlager in Goma, in der Demokratischen Republik Kongo, gebildet hat. Die Satellitenbilder zu sehen und zu wissen, was die Menschen durchmachen, ist schwer. Aber ich weiß, dass ich mit meiner Arbeit unsere Hilfe möglich mache.

Später war dasselbe Lager fast leer. Viele Menschen mussten es innerhalb weniger Tage wieder verlassen. Diese Informationen sind wichtig, denn nur so können wir unsere Hilfe an die Situation anpassen.

Helfen durch Zugang zu Daten

Ann de Schutter, GIS Expertin von Ärzte ohne Grenzen
Manuela Ruzicka/MSF
Ann vor Plakaten der "Missing Maps" Initiative, bei der freiwillige beim Kartieren helfen können.

Die Aufgabe von meinem Team und mir ist es, unsere Kolleg:innen vor Ort zu unterstützen und ihnen die Arbeit zu erleichtern. Dafür arbeiten wir so effizient wie möglich und nutzen möglichst viele verfügbare Daten. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen arbeiten wir auch mit Deep Learning und KI-Modellen für Analysen. Mein Team aus Expert:innen kontrolliert dann die Ergebnisse und passt sie für unsere Bedürfnisse an.

Bei Ärzte ohne Grenzen kann ich Daten und Satellitenbilder nutzen, um weltweit Menschen zu helfen. Ich unterstütze meine Kolleg:innen, indem ich Daten und Informationen bereitstellen, damit sie wichtige Entscheidungen im Einsatz treffen können. So können wir gemeinsam die Hilfe für Patient:innen bestmöglich planen.