Der Zugang zu angemessener Menstruationshygiene ist mitentscheidend für die Gesundheit einer Frau. Doch wie geht das in einer humanitären Krise?
14.06.2021

Die italienische Krankenpflegerin Chiara Domenichini stellt ein neues Projekt vor. Das Ziel: herauszufinden, welche Menstruationsprodukte Frauen in Krisengebieten am meisten helfen würden. 

Glauben Sie mir, Menstruationshygiene in einem Krisengebiet ist nicht einfach: Produkte für die Menstruation sind entweder knapp oder gar nicht erst vorhanden. Außerdem muss man sich über fehlende Toiletten, mangelnde Wasserversorgung und sehr eingeschränkte Privatsphäre Gedanken machen. Insbesondere, wenn man unterwegs ist. 

Aus diesen Gründen nahmen Tampons oftmals den meisten Platz in meinem Gepäck ein.

Dann habe ich Menstruations-Unterwäsche entdeckt: waschbare, strapazierfähige Unterwäsche, die den Menstruationsfluss aufnimmt, ohne dass weitere Produkte benötigt werden. 

Während eines Einsatzes in der Demokratischen Republik Kongo erzählte ich einer Kollegin von meinen persönlichen Erfahrungen und wir begannen uns zu fragen: Könnte das auch für Frauen funktionieren, die vertrieben wurden und die in Krisengebieten keinen Zugang zu Menstruationsprodukten haben? 

Der Kontext

Die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo haben Jahrzehnte des Konflikts erlebt. Wenn die Gewalt ausbricht, haben sie kaum eine andere Wahl, als zu fliehen. Sie lassen ihre Lebensgrundlage zurück und müssen oft in provisorischen Lagern leben, die kaum Zugang zu grundlegenden Dingen wie sauberem Wasser, Toiletten oder medizinischer Versorgung bieten. 

In der D.R. Kongo gibt es aktuell mehr als fünf Millionen Menschen, die auf diese Weise vertrieben wurden. In der Provinz Süd-Kivu leben alleine 400.000 Vertriebene, von denen mehr als 50 Prozent Frauen sind.   

Ein Grundrecht

Es gibt bisher nur sehr wenige Erkenntnisse über angemessene Menstruationsprodukte im Kontext von Flucht und Vertreibung.

Menstruationshygiene ist jedoch Teil der reproduktiven Gesundheit und als solche ein Grundrecht und Grundbedürfnis, das berücksichtigt werden muss.

Der Mangel an adäquaten Menstruationsprodukten und sicheren Räumen für die Menstruationshygiene kann bei Frauen großes Unbehagen auslösen. Viele empfinden Scham und sogar Angst. Hinzu kommt noch die gesellschaftliche Stigmatisierung. 

Jede Innovation beginnt mit einer Frage - und einer Idee

Wie gehen vertriebene Frauen mit ihrer Menstruation um? Und könnte es sinnvoll sein, Menstruations-Unterwäsche in die Hygienesets aufzunehmen, die unsere Teams in der D.R. Kongo verteilen?  

Wir beschlossen also, uns bei der Sapling Nursery zu bewerben. Das ist ein Fonds von Ärzte ohne Grenzen. Dieser unterstützt Teams bei der Erprobung neuer Ansätze, die das Potenzial haben, unsere Arbeitsweise zum Besseren zu verändern.  

Der erste Schritt

Wo sollten wir beginnen? Wir wollten zuerst unsere weiblichen kongolesischen Kolleginnen um Mithilfe bitten: Würden sie als erste die Periodenunterwäsche beurteilen und sich aktiv an diesem Projekt beteiligen? Die Idee fand großen Anklang. So begann unser erstes Pilotprojekt.   

Menstruationshygiene in humanitären Krisen
MSF
Das Team bei der ersten Pilotsitzung.

Bei meinen bisherigen Hilfseinsätzen habe ich gelernt, dass jeder Kontext anders ist. Humanitäre Krisen schaffen zwar Bedürfnisse, die oftmals ähnliche Lösungen hervorbringen, entscheidend ist aber, diese Lösungen kulturell angemessen zu gestalten. 
Deshalb haben wir z.B. über den Glauben und die Tabus in Bezug auf die Menstruation diskutiert. Darüber, woher man Informationen bekommen kann, über unsere ersten Erfahrungen mit der Menstruation und die häufigsten Herausforderungen. 
 

Niemand soll es wissen

Wir erfuhren, dass Privatsphäre für Frauen in der D.R. Kongo am wichtigsten ist. Tatsächlich wollen die Frauen nicht, dass irgendjemand - auch nicht eine andere Frau - weiß, dass sie menstruieren. 

Nach dieser Sitzung verteilten wir die Menstruations-Unterwäsche an unsere kongolesischen Kolleginnen. Drei Monate später kamen wir wieder zusammen, um ihre Erfahrungen mit dem Produkt zu besprechen. 

Das Feedback war insgesamt positiv. Die Unterwäsche war bequem und sauber, leicht zu tragen und zu waschen. Und am wichtigsten: Sie machte es möglich, die Privatsphäre zu wahren.   
 

Der nächste Schritt

Der nächste Schritt besteht darin, diese Idee mit Frauen in einer ländlichen Gegend in Süd-Kivu zu teilen und einen zweiten Pilotversuch mit einer größeren Anzahl von Teilnehmerinnen durchzuführen. 

Das Wichtigste für uns ist, dass die Meinung der kongolesischen Frauen im Mittelpunkt steht.

Nur so können wir gemeinsam verstehen, ob die Menstruations-Unterwäsche, die wir den Frauen zur Verfügung stellen werden, wirklich ihre Lebensqualität verbessert.  

Von Frauen für Frauen

Wir haben zusammen mit der Innovationsabteilung von Ärzte ohne Grenzen Japan Feedback-Sitzungen entwickelt, um die Überzeugungen, Tabus und Herausforderungen der Menstruation besser zu verstehen. Wir haben uns auch von Expert:innen für Gesundheitsförderung, für Community Engagement sowie für reproduktive Gesundheit beraten lassen, um das Feedback verständlich einholen und auswerten zu können.   

Uns wurde schnell klar, dass Menstruation sowohl ein sensibles Thema als auch eine Frage des Empowerments ist und als solches angegangen werden muss - von Frauen und für Frauen.
 

Eine Menge Arbeit und eine große Portion Leidenschaft

In den nächsten Wochen erwarten wir, dass eine Lieferung der Menstruations-Unterwäsche in Bukavu eintrifft, wo sie in den ländlichen Gemeinden verteilt wird. Bald werden wir mehr über die Herausforderungen der Menstruationshygiene lernen und neue Lösungen und Ansätze entwickeln können.  

Sollte das Feedback auf das Produkt positiv ausfallen, wird in einer dritten Phase geprüft, ob es in die besagten Hygienesets aufgenommen werden kann. 

Im Moment habe ich das Gefühl, dass die Suche nach kulturell adäquaten Lösungen einer unserer größten Herausforderungen in nächster Zeit sein wird. Wir sind jedenfalls sehr gespannt, wie es weitergeht und halten Sie gerne am laufenden.