23.07.2026
Gabriela Adam ist Bauingenieurin und seit mehreren Jahren mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz – zuletzt in Madagaskar. Im Blog erzählt sie, wie sie ohne Kran einen Schiffscontainer versetzt und warum sie nie ohne Schokolade anreist.

Ich rufe meinen Vorgesetzten an: „Ich habe die Container – wo ist der Kran?“ Die Antwort: „Tut uns leid, wir können keinen schicken.“ Ich bin im Südosten Madagaskars, in einer sehr abgelegenen Region.  

Hier soll ich ein Logistiklager aus Schiffscontainern bauen. Die Container sind da – aber die Straßen sind so schlecht, dass die meisten Fahrzeuge nicht durchkommen. Wir sind mit dem Motorrad gekommen. Ein Kran hat keine Chance.

Also improvisieren wir: Zuerst müssen wir die Container vom LKW herunterbekommen. Wir binden dazu einen Container nach dem anderen an einen Zaunpfosten, der Lkw fährt an, die Container rutschen herunter. Der erste Schritt ist geschafft. Dann heben wir sie mit Holzbalken und 25 Menschen Stück für Stück auf das Fundament.  

Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann. Aber gemeinsam schaffen wir es. 

Genau das zeigt, wie wichtig Teamwork ist – und wie sehr man sich unter diesen Bedingungen anpassen muss. 

Gabriela Adam als Bauingenieurin im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Gabriela Adam
Das Foto zeigt uns, nachdem wir die Container positioniert haben. Freude pur.

Wer ich bin – und wie ich zu Ärzte ohne Grenzen gekommen bin

Mein Name ist Gabriela Adam. Ich komme aus Rumänien und lebe seit 16 Jahren in Österreich. Ich habe Bauingenieurwesen studiert und bin dann nach Wien gezogen, um meinen Master zu machen – und bin geblieben.  

Schon damals habe ich gewusst: Ich will für internationale Organisationen arbeiten und Menschen helfen, die es am dringendsten brauchen. Bei Ärzte ohne Grenzen habe ich genau das gefunden – eine Organisation, die neutral und unparteiisch ist und dort hilft, wo die Not am größten ist. 

Direkt nach dem Master wollte ich mich bewerben. Doch mir hat die nötige Berufserfahrung gefehlt. Also habe ich sie gesammelt – und mich dann beworben. Ich wurde angenommen und habe seither mehrere Einsätze gemacht. Zuletzt als Bauingenieurin in Madagaskar, seit Kurzem arbeite ich als Energieeffizienz-Spezialistin. Und ich hoffe, es werden noch viele Einsätze mehr. 

Was in meinem Koffer nie fehlt

Mein erster Einsatz hat mich in die Zentralafrikanische Republik geführt. Ich weiß noch, dass ich sehr nervös und aufgeregt war. Man bekommt vorab Informationen über das Einsatzland – aber die Realität versteht man erst, wenn man vor Ort ist. Heute bin ich viel entspannter. Und ich weiß, was ich einpacken muss und was nicht. 

Was in meinem Rucksack nie fehlt? Sonnencreme, gute Schuhe, Regenjacke – und Snacks. Müsliriegel und Schokolade.

Das Team liebt es, wenn jemand Neues Schokolade, Käse oder sogar Salami mitbringt. Handtücher müssen keine ins Gepäck: Die nehmen nur Platz weg und man findet immer welche vor Ort, egal wo auf der Welt. 

Kein „Nine-to-Five” Job

In diesem Job ist jeder Tag anders, jeder Kontext anders, jede Aufgabe anders. Als Construction Managerin bin ich für Bau- und Logistikaktivitäten verantwortlich: vom zyklonsicheren Hangar über die Renovierung von Krankenhäusern. Für alles, was unsere medizinischen Teams brauchen, um ihre Arbeit machen zu können. 

Gabriela Adam als Bauingenieurin im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Gabriela Adam
Für kurze Strecken muss man im Einsatz oft viel Zeit einplanen. Hier bringt uns ein großes Floß mitsamt unseren Motorrändern über den Fluss.

Typische Tage gibt es nicht. Ich bin viel draußen in den Projekten, wenig im Büro. Es geht ständig ums Problemlösen. Jede Kultur ist anders, jeder Ort ist anders. Flexibel sein, improvisieren, Ruhe bewahren – das ist mein Arbeitsalltag. 

Meine neue Mission: 50 Prozent weniger CO2-Emissionen

Seit Kurzem arbeite ich als „Flying Energy Efficiency Specialist“. Das heißt: Ich unterstütze unsere Einsatzländer dabei, Maßnahmen zur Energieeffizienz umzusetzen.  

Denn Ärzte ohne Grenzen hat sich verpflichtet, die eigenen CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren.

Die Aktivitäten sind vielseitig: Wir installieren Solaranlagen auf Krankenhäusern, Unterkünften und Büros. Wir pflanzen Bäume gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung. Oder wir implementieren Maßnahmen, um weniger Treibstoff zu verbrauchen – etwa durch Hybrid- und Elektroautos. 

Was mich antreibt, wenn es hart wird

Manchmal komme ich in ein Projekt und die Bedingungen im Krankenhaus sind furchtbar: Schimmel an den Wänden, keine Fenster, Löcher im Dach. Dann renovieren wir das Gebäude.  

Und wenn ich danach wieder in dieses Krankenhaus gehe, sehe ich, was wir geschafft haben: neue Betten für Patient:innen. Ein Wartezimmer, sodass niemand mehr draußen im Regen warten muss.  

Das ist unglaublich bereichernd – und es geht schnell. Anders als hier in Europa, wo der Bau eines Krankenhauses oft Jahre dauert. Am Ende eines Einsatzes sehe ich direkt das Ergebnis meiner Arbeit.

Auch die Anerkennung der Menschen vor Ort bedeutet mir viel. Ärzte ohne Grenzen ist in vielen Regionen bekannt und wird dringend gebraucht. Wenn ich auf der Straße gehe, kommen Menschen auf mich zu und sagen Danke. Genau das motiviert mich, wenn die Bedingungen hart sind.  

Gabriela Adam als Bauingenieurin im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen
Gabriela Adam
Einige Kolleginnen und ich bei den Feierlichkeiten zum Weltfrauentag in Madagaskar.

Wie es das mit der Angst?

In Konflikt- oder Kriegsgebieten gibt es Einschränkungen:: kein Restaurantbesuch, kein Spaziergang, kein Sport im Freien. Je länger ein Einsatz dauert, desto schwerer kann das werden. Natürlich gibt es Momente, in denen ich Angst habe. Wenn man Bombenalarm hört oder weiß, dass bewaffnete Gruppen näherkommen – wir sind alle Menschen. Aber mit Ärzte ohne Grenzen fühle ich mich sicher.  

Es gibt immer eine Exit-Strategie. Es gibt immer einen Plan, um im Notfall sicher rauszukommen.

Zum Verarbeiten von Ängsten und Sorgen haben alle ihre eigenen Strategien. Mir hilft Yoga. Oder ein Bier mit Freund:innen und darüber reden. Und der Kontakt zur Familie zu Hause – Internet haben wir zum Glück immer. Gleichzeitig bietet Ärzte ohne Grenzen auch psychosoziale Unterstützung an. 

Mein Rat: Go for it

Wenn du überlegst, dich zu bewerben, sage ich: Tu es! Es ist eine Erfahrung, die du nie vergessen wirst. Und unsere Teams tun alles, um dich zu unterstützen. Es ist eine große Familie, die zusammenhält.

Ein ehrlicher Tipp: Berufserfahrung hilft sehr. Und man sollte bereit sein, auf Komfort zu verzichten. Kein Restaurant, kein Kino, kein Lieblingssnack – wer damit umgehen kann, wird belohnt. Meine nächsten Ziele stehen übrigens schon fest: Tschad, Myanmar und Bangladesch. 

Bist du auch bereit für einen Einsatz mit uns? 

Mut haben wir, dich brauchen wir.