Kommentar von
Verena Prinz
02.04.2026
Unsere Personalmanagerin Verena Prinz ist gerade im Süden des Libanon im Einsatz, als der Konflikt mit Israel erneut eskaliert. Kurz bevor ihr Einsatz endet, wird alles auf den Kopf gestellt.

Papa, zum zweiten Mal in so kurzer Zeit sind wir wieder im Hotel. Nicht, um Urlaub zu machen wie andere – sondern um vor dem Krieg zu flüchten“, Sagt der neunjährige Sohn meines Kollegen Ali aus dem Südlibanon zu seinem Vater.

Diese Sätze sind mir geblieben.
 

Es sollte das letzte Wochenende meines Einsatzes im Libanon sein. Ich bin bereits in Beirut, bereit für die letzte Besprechung mit der Einsatzkoordination am Montag. Ein geordneter Abschluss nach neun intensiven Monaten. Doch alles kommt anders.

Wir werden gebraucht

In der Nacht von Sonntag auf Montag spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die israelischen Luftangriffe intensivieren sich rasch. Tausende Menschen werden zur Evakuierung aufgefordert und zur Flucht gezwungen. Genau die Situation, vor der sich viele lange gefürchtet hatten, ist wieder bittere Realität: Angriffe, Angst, Vertreibung.

Meine Gedanken sind bei meinen Kolleg:innen im Südlibanon, die zu diesem Zeitpunkt ihre Evakuierung von Nabatieh nach Beirut vorbereiteten. Ich mache mich auf den Weg in unser Koordinationsbüro. Dort ist die Anspannung greifbar: Verunsicherte Kolleg:innen, Sorgen, Hektik – und gleichzeitig das Bewusstsein, dass genau jetzt Ärzte ohne Grenzen dringend gebraucht wird.

Die geplanten Besprechungen sind plötzlich nebensächlich. Stattdessen beginnen wir sofort mit der Arbeit für unsere Nothilfe.

Neuer Fokus: Noteinsatz

Und so beginne ich damit, so schnell wie möglich mobile Teams aufzustellen. In den vergangenen neun Monaten habe ich als Personalmanagerin im Süden des Libanon einen großen Pool an potenziellen Mitarbeiter:innen aufgebaut – ein Netzwerk, das in diesem Moment entscheidend ist.

In dieser Phase zählt jede Stunde

Ich greife zum Telefon, rufe eine Person nach der anderen von meiner Liste an. Parallel dazu koordiniere ich mich eng mit den medizinischen und logistischen Teams, um den Bedarf zu verstehen: Wer wird wo gebraucht? Welche Kompetenzen fehlen? Und wie schnell können wir die Teams einsatzbereit machen?

Dringende Hilfe möglich machen

Schritt für Schritt fügen sich die Puzzleteile zusammen – aus Kontakten werden Einsatzkräfte, aus Planung wird konkrete Hilfe. Innerhalb von nur zwei Tagen sind wir bereit, zu helfen. Während draußen Menschen ihre Häuser verlassen und Schutz suchen, arbeiten wir daran, so schnell wie möglich medizinische Versorgung dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird.

Mein Einsatz endet anders als geplant – und vielleicht gerade deshalb bleibt vor allem eines: tiefe Dankbarkeit, Teil unserer medizinischen Nothilfe gewesen zu sein. In einem Moment, in dem unsere Hilfe so dringend gebraucht wurde.

Gleichzeitig ist mein Abschied zwiegespalten. Das Team in einer solchen Ausnahmesituation zu verlassen, ist schwer. Aber ich weiß: In den neun Monaten zuvor haben wir gemeinsam viel aufgebaut. Sie werden genau mit der Stärke weitermachen, die ich jeden Tag erleben durfte.

Am Flughafen, während ich auf meinen Flug warte, sehe ich die israelischen Einschläge in den südlichen Vororten Beiruts. Auch aus dem Flugzeug heraus, stehen Rauchwolken am Horizont und die Luftangriffe halten an. Unsere Hilfe wird weiterhin dringend gebraucht.