Jemen

Jemen: Ärzte ohne Grenzen behandelt Dutzende Verletzte nach Angriffen auf Märkte und Wohngebiete

In den vergangenen Tagen hat Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) nach Luftangriffen und Artillerie-Beschuss in verschiedenen Landesteilen des Jemen Dutzende Verletzte behandelt. Die internationale Hilfsorganisation betont, dass Luftangriffe in dicht besiedelten Gebieten inakzeptabel sind.

Am Wochenende musste ein Team von Ärzte ohne Grenzen in Beni Hassan, im Bezirk Harad im Nordwesten des Landes, nach einer Serie von Luftangriffen auf einen belebten Markt 67 Verwundete behandeln. Die Angriffe fanden am Samstagabend statt, als die Bewohner gerade das Ramadan-Fasten brachen. Der Angriff auf den Markt begann um 20.30 Uhr, als eine Kochgas-Station getroffen wurde. Eine halbe Stunde später folgte ein zweiter Angriff auf das Zentrum des belebten Marktes. Dabei wurden auch zwei Restaurants und ein Hotel getroffen.

Ein Team von Ärzte ohne Grenzen traf etwa eine halbe Stunde später ein, während Privatautos und öffentliche Transportmittel bereits Dutzende Verletzte in das Gesundheitszentrum brachten. Die Helfer stabilisierten die Verletzten und überstellten drei Patienten in die größeren Krankenhäuser der Region in den Städten Hajjah und Hodeida. Die medizinischen Teams in Beni Hassan, wo Ärzte ohne Grenzen seit Mai tätig ist, waren überfordert von der großen Zahl an Patienten und dem Schweregrad ihrer Verletzungen. „Es war schrecklich. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im kleinen Gesundheitszentrum von Beni Hassan so viele Schwerverletzte gleichzeitig behandeln müssen“, sagt ein Arzt, der für Ärzte ohne Grenzen in dem Ort tätig ist. „Das ganze Team ist schockiert, vor allem weil dies Menschen passiert ist, die einen Abend im Ramadan genossen.“

Angriffe auf dicht besiedelte Gebiete inakzeptabel

Rund 20 Personen wurden bei den Angriffen auf den Markt getötet, das Team hat am nächsten Tag neun Leichen aus den Trümmern geborgen. Auch wurde ein verletzter älterer Mann geborgen; er wurde in das Gesundheitszentrum von Beni Hassan gebracht. Ärzte ohne Grenzen hat nach den Angriffen Material zur Behandlung von 100 Verletzten an das Krankenhaus in Hajjah geliefert, in das insgesamt 40 Verletzte gebracht wurden, und stellte Rettungswagen und Benzin zur Verfügung.

„Es ist inakzeptabel, dass Luftangriffe an dicht besiedelten Gebieten stattfinden, wo Zivilisten ihrem Alltag nachgehen, insbesondere in Zeiten des Ramadan“, erklärt Colette Gadenne, die Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen im Jemen.

Im Süden des Jemen haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen gestern 23 verletzte Zivilisten nach einem Luftangriff auf den Alfayush-Markt im Gouvernement Lahj behandelt. In der nahe gelegenen Stadt Aden wurden am 1. Juli nach dem schweren Beschuss eines Wohnviertels im Bezirk Al-Mansoora mehr als 80 Verletzte von Ärzte ohne Grenzen behandelt, darunter waren auch Frauen und Kinder. Aufgrund von Artillerie-Beschuss und Kämpfen in Aden werden laufend Verletzte in die chirurgische Notfallklinik von Ärzte ohne Grenzen gebracht. In den vergangenen vier Monaten wurden hier über 2.800 Verletzte behandelt.

Humanitäre Lage im Land verschlechtert sich

Im östlichen Gouvernement Amran wurden am Sonntag sieben Verletzte in ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus eingeliefert. Sie waren bei Luftangriffen auf Harf Sufian verwundet worden. Unter den Patienten waren auch drei Kinder, die jünger als 13 Jahre alt waren. Im Gouvernement Taiz im Südwesten des Jemen hat Artillerie-Beschuss viele Opfer gefordert, darunter waren auch Frauen und Kinder: Zwischen dem 2. und 5. Juli wurden nach dem Beschuss mehrerer Wohnviertel 93 Verletzte und 16 Tote in das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Al-Rawdah-Krankenhaus eingeliefert. Allein am Samstag wurden 18 Verletzte in das Krankenhaus gebracht, darunter war auch ein einjähriges Baby. Seit März wurden bereits 2.193 Verletzte und 298 Tote in das Al-Rawdah-Krankenhaus eingeliefert.

Die humanitäre Lage im Jemen verschlechtert sich zunehmend; Familien stecken zwischen den Fronten fest und haben keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, Treibstoff oder Kochgas. Neben den Angriffen auf dicht besiedelte Gebiete werden auch Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal gezielt angegriffen. Das hat schwerwiegende Folgen für die medizinische Hilfe. So wurde Mitte Juni das Krankenhaus von Harad angegriffen – eines der wenigen Krankenhäuser in der Region Hajjah, das noch funktionstüchtig war. Die Arbeit in der Einrichtung musste eingestellt werden. Bei einem Lokalaugenschein im bombardierten Krankenhaus wurde ein Team von Ärzte ohne Grenzen ebenfalls angegriffen und musste fliehen.

Die internationale humanitäre Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist weltweit in mehr als 60 Ländern tätig. Im Jemen sind Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Gouvernements Aden, Sanaa, Al-Dhale, Amran, Saada, Taiz und Hajjah im Einsatz.

Mehr erfahren: Unsere Hilfe im Überblick (Stand Juni 2015)

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