Österreich

Traiskirchen: Ärzte ohne Grenzen fordert freien und ungehinderten Zugang für unabhängige medizinische Teams

Wien, 14. 8. 2015. Nach dem Besuch eines Teams von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) im Betreuungszentrum Ost in Traiskirchen am 6. August 2015 hat die medizinische Hilfsorganisation Vertretern des Innenministeriums heute Nachmittag in einem persönlichen Gespräch erste Erkenntnisse und konkrete Forderungen präsentiert.

Ärzte ohne Grenzen macht zunächst darauf aufmerksam, dass eine umfassende Beurteilung der medizinisch-humanitären Situation im Betreuungszentrum Traiskirchen erst möglich ist, wenn ungehinderter Zugang zu allen Bereichen des Areals gewährt wurde. Ärzte ohne Grenzen hat daher von der Bundesministerin für Inneres den vollen und uneingeschränkten Zugang zum Zentrum gefordert, der im heutigen Gespräch ab sofort zugesichert wurde.

Als weltweit in Flüchtlingskrisen tätige Organisation appelliert Ärzte ohne Grenzen an die österreichische Bundesregierung, die Länder und Gemeinden, die unmittelbare Verantwortung für die Betreuung der in Österreich Schutz suchenden Menschen wahrzunehmen und eine menschenwürdige Unterbringung, sowie eine medizinische und psychosoziale Betreuung nach gängigen humanitären Standards sicherzustellen.

Für die Zeit, bis die entsprechenden Maßnahmen implementiert sind, empfiehlt Ärzte ohne Grenzen in aller Dringlichkeit, unabhängigen Organisationen wie Caritas und Diakonie ab sofort die Möglichkeit zu geben, auf dem Gelände des Zentrums einen mobilen medizinischen Dienst anzubieten. Als Organisation, die medizinische Versorgung nur dann leistet, wenn nicht genügend andere Strukturen verfügbar sind, würde Ärzte ohne Grenzen in Traiskirchen mit Expertise unterstützend zur Verfügung stehen.

Grobe Mängel in Unterbringung, medizinischer und sanitärer Versorgung

Aus Sicht der Expertinnen und Experten von Ärzte ohne Grenzen weisen sowohl die Unterbringung, als auch die medizinische und sanitäre Versorgung der über 4.000 Menschen im Betreuungszentrum grobe Mängel auf. Die Unterbringung von Flüchtlingen unter freiem Himmel stellt eine unmittelbare Bedrohung der physischen und psychischen Gesundheit dar, insbesondere weil davon auch Kinder und traumatisierte Personen betroffen sind.

Zudem scheuen viele der Menschen im Zentrum den Arztbesuch, da sie die Weitergabe personenbezogener medizinischer Daten an die Behörden und eine dadurch bedingte Verzögerung ihres Verfahrens befürchten. Sollte diese Befürchtung berechtigt sein, läge eine schwere Verletzung medizinisch-ethischer Grundsätze vor. Andernfalls müsste mehr getan werden, um ein Vertrauensverhältnis in das betreuende ärztliche Team aufzubauen. 

Dies und die unzureichende Kapazität der derzeitigen medizinischen Betreuungseinrichtung sind die Ursachen der mangelhaften Gesundheitsbetreuung im Lager. Mehrfach berichteten Bewohner, dass sie ganze Tage in der Schlange auf eine ärztliche Konsultation gewartet hatten, ohne schließlich an die Reihe zu kommen. Ein Auswahl-System zur Erkennung vordringlicher medizinischer Fälle ist nicht in Kraft. 

Die Toiletten und Duschen für Männer und Frauen sind nicht getrennt, viele der Duschen sind frei einsichtig, wodurch keine Intimsphäre gegeben und die Möglichkeit der Körperhygiene de facto stark eingeschränkt ist.

Ärzte ohne Grenzen wird der Innenministerin den detaillierten Bericht der Bedarfserhebung bis Ende des Monats vorlegen. 

Die Empfehlungen von Ärzte ohne Grenzen werden von der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde unterstützt. 

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