Emails aus dem Einsatz30.12.2014

Ein Ebola-Zentrum auf einem Fußballfeld

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Sierra Leone wurde von der Ebola-Epidemie besonders hart getroffen – die Behandlungszentren sind überfüllt, das Gesundheitssystem überlastet. Marcus Bachmann aus Osttirol ist unser Einsatzleiter vor Ort und koordiniert den  Bau eines neuen Ebola-Behandlungszentrums in der Hauptstadt Freetown.

1. Dezember 2014

Heute haben wir hoffentlich den idealen Platz für unser Ebola-Behandlungszentrum gefunden: Ein Fußballfeld in Kissy, einer der am schwersten betroffenen Gebiete in der Stadt. Am meisten war ich berührt (und dadurch habe ich es gefunden), weil die lokale Bevölkerung von allein begonnen hat, ein Übergangszentrum zu errichten, um sich zu schützen – dort werden Verdachtsfälle isoliert. Einfache und arme Menschen organisieren sich und tun, was sie können. Normalerweise ist die Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung eine große Herausforderung, wenn man Behandlungszentrum für Ebola/Cholera/Hepatitis E errichten will. Doch in Kissy werden wir mit offenen Armen empfangen. Wenn es dann noch gelingt, das Gesundheitsministerium von dem Ort zu überzeugen, dann könnten wir am Dienstag mit dem Bau beginnen… Hoffentlich!

9. Dezember

Am Samstag haben wir endlich das Abkommen mit der Regierung von Sierra Leone unterschrieben, um das Behandlungszentrum mit 60 Betten in Kissy zu errichten. Zusätzlich zu den "normalen" Ebola-Fällen wollen wir einen Schwerpunkt auf Schwangere, die mit Ebola infiziert sind, legen.


Hier soll innerhalb von 2 Wochen das Ebola-Behandlungszentrum stehen:
Am Fußballfeld der „Methodist Boys High School“ in Kissy im Osten von Freetown.
© Marcus Bachmann/MSF

19. Dezember 2014

In jedem unserer Meetings ist "Biosicherheit" ein Fixpunkt – das ist mein Auftrag. Meine argentinische medizinische Koordinatorin, Carolina, erinnert immer wieder aufs Neue alle an die Regeln. Es ist irgendwie sehr komisch, wir haben noch kein Ebola-Behandlungszentrum, und auch wenn ständig die Rettungswagen mit den Ebola-Kranken oder Teams, die für sichere Bestattungen zuständig sind, durch die Stadt rasen, bleibt Ebola seltsam abstrakt.

Ich bin überzeugt, dass wir das Ansteckungsrisiko unter Kontrolle haben: Wir bewegen uns sehr vorsichtig, wir vermeiden belebte Plätze - Märkte sind zum Beispiel für uns Tabu. Wir setzen uns nirgendwo hin, fahren nur in unseren eigenen Autos. Es gilt "No Touch", also keine Berührungen, wenn wir Menschen begrüßen - Abstand halten. Das Virus ist nicht gerade robust, sobald es auf irgendwelchen Oberflächen austrocknet, ist es nicht mehr infektiös. Bei der Hitze hier geht das sehr schnell.

Die meisten Ebola-Fälle hier hatten direkten Kontakt mit einem Leichnam oder einem Erkrankten. Unter den ersten 25 Fällen von unseren Schweizer Kollegen im Ebola-Behandlungszentrum Kingtom hatten über 70% an einem traditionellen Begräbnis teilgenommen, bei der der Leichnam gewaschen, berührt und geküsst wird. 20% hatten andere Familienmitglieder mit Ebola im Haushalt.

21. Dezember 2014

Jetzt biege ich in die Schlussgerade 2014 ein, das Ebola-Behandlungszentrum muss fertig werden, die zweite Runde der Malaria-Verteilaktion (wie in meinem letzten Blogpost berichtet) muss perfekt vorbereitet werden – also noch einmal alles geben und eine Schlussoffensive einläuten. Zwischen Weihnachten und Neujahr erwarte ich 25 neue MitarbeiterInnen, it's gonna be busy…


Entladen des ersten Sattelschleppers voll mit Malaria-Medikamenten,
vier weitere folgten. © Marcus Bachmann/MSF

23. Dezember 2014

Nach meinem Aufenthalt 2013 in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, ist es das zweite Mal in Folge, dass ich Weihnachten auf Einsatz verbringe. Allerdings fühlte sich Bangui ganz anders an als Freetown. Hier das Gegenteil: Große religiöse Toleranz. Muslims, die Weihnachten kaum erwarten können. Das ist ein wunderbarer Kontrast zu Weihnachten 2013.

Für morgen habe ich ein Barbecue vorbereitet: George, unser Logistiker aus Israel, ist Grillmeister, und wenn mich mein Fischer nicht im Stich lässt, dann gibt es morgen gegrillten Fisch. Die Lichtgirlande auf unserer Palme blinkt und verbreitet Weihnachtsstimmung.

27. Dezember 2014

Ich habe ein riesiges Glück mit meinem Team, wirklich super hart arbeitend und dabei nett und entspannt. Vorgestern kamen 6 neue dazu, heute Nacht kommen 8 weitere, übermorgen 6 weitere. Das tut uns gut, denn die Neuankömmlinge bringen frischen Wind ins Team.

Ebola hält uns leider auf Trab, pro Woche werden mehr als 300 neue Fälle in Sierra Leone erfasst, die Dunkelziffer ist riesig. Und mehr als 70% davon sterben, das ist die traurige Realität. Die meisten Fälle in Sierra Leone passieren hier in Freetown und wenn ich in der Stadt unterwegs bin, vergeht keine Fahrt, bei der ich nicht Ebola-Opfer sehe, die gerade von der Rettung abgeholt werden oder, falls zu spät, von den Beerdigungsteams. Guinea meldete vergangene Woche die höchste Anzahl an Neuerkrankungen seit Beginn des Ausbruchs (156). Und noch vor Neujahr wird die Marke von 20.000 Ebola-Opfern überschritten werden. Es heißt jetzt: Nerven bewahren, Prioritäten setzen, denn hier gibt es viel mehr zu tun, als unsere 42 x 2 Hände jemals tun können.

Morgen ist Sonntag und ich habe allen Projektkoordinatoren gesagt, sie müssen ihren Teams mindestens einen halben Tag frei geben. Ich hoffe, dass das für die meisten klappt.

29. Dezember 2014

Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr! Dem schließt sich das Team hier in Sierra Leone an - siehe Foto, das wir am 24. Dezember gemacht haben:


Die Hälfte unseres Teams, das nach Barbecue, Chorizo, Jamon und
spanischem Wein noch auf den Beinen war. © Marcus Bachmann/MSF

Weihnachten und Neujahr wurden ja hier von Präsident Koroma abgesagt, alle Versammlungen und Feiern sind verboten, alle Restaurants, Bars und die Strände sind per Erlass gesperrt. Über Weihnachten sind auch alle Märkte und Geschäfte zwangsweise geschlossen. Alle Provinzgrenzen sind ebenfalls gesperrt, damit die Menschen, die ansonsten zu ihren Familien in die Dörfer fahren, nicht Ebola weiter verbreiten können.

Freetown gleicht zur Zeit einer Geisterstadt. Wenn man eine afrikanische Hauptstadt kennt, dann berührt einen das sehr. In Bangui vor einem Jahr war es die entsetzliche Gewalt, hier ist es Ebola. Mein Fahrer Idrissa antwortete auf meine Frage, wann er Freetowns Straßen zuletzt so leergefegt gesehen habe, dass das im Bürgerkrieg (1991 - 2002) gewesen sei.

Gar nicht leicht, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Erst als am 24. Dezember abends auf der Heimfahrt von der Arbeit im Autoradio die kitschigsten Weihnachtsongs erklangen, war Weihnachten für uns da. Trotzdem haben wir versucht, einen Moment innezuhalten. Denn die nächsten Wochen werden sehr intensiv. Die Vorbereitungen auf die zweite Runde der Verteilaktion von Malaria-Medikamenten, die Mitte Jänner stattfinden wird, sind voll angelaufen. Diesmal bereiten wir uns auf 1,8 Menschen vor, die wir erreichen wollen. Und unser Ebola-Behandlungszentrum in Kissy wird in den kommenden Tagen eröffnet werden. Mit jedem Flug kommen eine Menge neuer Kollegen an, am 25.12. sechs neue, heute sechs weitere, am Dienstag nochmals 7 neue. Die Neuankömmlinge sind voller Energie und das ist für uns alle hier gut.

Österreich ist ja hier gut vertreten. Arianna kam gerade aus Bo zurück, wo sie in einem unserer Ebola-Behandlungszentren erste praktische Erfahrung sammeln konnte. Derzeit hilft sie beim Training der einheimischen Kollegen aus. Aber bald wird es für sie und unsere Teams ernst werden, wenn wir unsere ersten Patienten in unserem Behandlungszentrum in Kissy aufnehmen werden. Das ist auch bitter notwendig, bei wöchentlich mehr als 300 neuen bestätigten Fällen in Sierra Leone, davon mehr als die Hälfte in Freetown. Vorige Woche gab es in Freetown außerdem mehr als 400 Verdachtsfälle, die isoliert und getestet werden mussten.

30. Dezember 2014

Gestern ist's passiert. Die Zahl der gemeldeten Ebolafälle in den drei vom Ausbruch hauptbetroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone ist auf 20.081 gestiegen mit 7.842 Todesfällen. Fast die Hälfte (9.446) der gemeldeten Erkrankungen entfällt nunmehr auf Sierra Leone. Innerhalb von 10 Monaten hat Ebola in Westafrika ganze Familien ausgelöscht, zahllose Gemeinden zerrissen, die Gesellschaft erschüttert und die Staaten in eine tiefe Krise gestürzt. Über 200 Angestellte des Gesundheitssystems in Sierra Leone haben sich bisher angesteckt. Das ist katastrophal für ein Land mit gerade einmal 2.400 Angestellten im Gesundheitssystem. 11 Ärzte sind an Ebola verstorben, davon vier in den vergangenen drei Wochen - bei nur insgesamt 120 Ärzten im ganzen Land...

Der Schmerz, die Angst und das Leid der Ebola-Infizierten und ihrer nächsten Angehörigen sind unermesslich. Eine ganze Nation ist im Schock. Wenn man eine Bilanz dieses Ebola-Ausbruchs in Westafrika zieht, dann muss das individuelle Leid ganz oben stehen. Die Konsequenzen und Nebenwirkungen sind schrecklich. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass sich keine Familie oder Gemeinschaft, kein Staat oder Kontinent und auch nicht die internationale Gemeinschaft den menschlichen und wirtschaftlichen Preis dieser Katastrophe leisten kann.

Für das neue Jahr wünsche, ja fordere ich, dass alle an einem Strang ziehen, um in allergrößter Bestimmtheit null Ebola-Fälle zu erreichen. Null Toleranz für Ebola! Je früher, desto besser! Und danach gilt es, das Gesundheitssystem wiederaufzubauen, wie auch Gesellschaft und Wirtschaft.

Ein gutes Neues Jahr,
Marcus


Seit März 2014 arbeitet Ärzte ohne Grenzen in Westafrika an der Eindämmung der Ebola-Epidemie. Derzeit ist die Organisation in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Mali tätig. Die Organisation betreibt sieben Ebola-Behandlungszentren mit einer Gesamtkapazität von mehr als 600 Betten. Derzeit arbeiten rund 300 internationale und mehr als 3.100 nationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den betroffenen Gebieten: Zur Aktivitätenübersicht

Weitere Beiträge von Marcus lesen:
Dezember 2014 / Sierra Leone: Wie man 1,5 Millionen Menschen vor Malaria schützt
Juli 2014 / Afghanistan:
Wenn sich Patienten Betten teilen...
Jänner 2014 / ZAR: Inmitten der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik
August 2013 / Südsudan: Impfkampagne im Flüchtlingslager Batil

Kommentare

Ulrich Schneeberger
Hallo. Ich bin bewegt von den Berichten und würde gerne aktiv Hilfe. Wenn von April bis September 2015 noch Leute gebraucht werden, würde ich mich freuen Infos zu erhalten. Komm aus Österreich, arbeite derzeit als Assistenzarzt in der Notfallmedizin in Zürich. Bitte um kurze Rückmeldung via Email. Danke.
hanna.spegel
Lieber Herr Schneeberger, vielen Dank für Ihr Interesse an einer Mitarbeit in unserer Organisation! Sie finden auf unserer Website ausführliche Informationen zu den Möglichkeiten einer Mitarbeit und zu den Voraussetzungen: http://msf.at/auf-einsatz-gehen Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Bewerbung und bedanken uns bei Ihnen, dass Sie sich für andere Menschen einsetzen möchten! Herzliche Grüße, Hanna Spegel Web & Social Media Editor Ärzte ohne Grenzen Österreich

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