Emails aus dem Einsatz29.01.2015

Es gibt kein Lehrbuch für Innovationen...

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Diese Woche hat Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone das weltweit erste Ebola-Behandlungszentrum für Schwangere eröffnet. In einem neuen Blogpost erzählt Einsatzleiter Marcus Bachmann von dieser und weiteren Innovationen im Rahmen der Hilfsaktivitäten in Westafrika.

Die Arbeit hier ist extrem spannend und der Kontext noch viel mehr. Ich erlebe den größten Ebola-Ausbruch der Geschichte quasi im Auge des Ausbruchs, was andrerseits dem Überblick nicht immer förderlich ist. Die Epidemie in Westafrika besteht ja aus vielen Ausbrüchen, die sich überlagern. Und der in Freetown ist bei Weitem der Größte. Im November und Dezember wuchs die Zahl der Fälle exponentiell, ein Tag nach dem anderen markierte einen neuen Tiefpunkt. Irgendwann haben wir den Gipfel überwunden und die Lage beginnt sich langsam zu stabilisieren. Dieser Wechsel von extremem Steigflug in Sturzflug hebt einen schon mal vom Sessel. Vor uns liegt nun eine lange, lange Wegstrecke bis wir die "Null Fälle"-Zielmarke erreichen können. Wenn alles sehr gut verläuft, im Juni/Juli/August?

Noch aufregender (und aufreibender) sind die Innovationen, die wir hier machen: Die weltgrößte Malariamedikamentenverteilung, die jemals gemacht wurde - die zweite Runde unserer ersten Verteilaktion im Dezember, von der ich hier bereits erzählt habe. Unsere 1,85 Millionen (so viele Menschen wie Wiens Bevölkerung) noch dazu in vier Tagen, hat es noch nie zuvor gegeben. Tür-zu-Tür in einer dichtbesiedelten afrikanischen Großstadt, 120 Slums inklusive, in Theorie mit "No Touch", also keinen Berührungen, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. In Realität ist das nicht perfekt zu schaffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO aus Genf war hier, um uns zu begleiten. Wir haben etwas geschafft, das die Malariaprävention in Krisengebieten revolutionieren wird. Unser Modell schreibt Geschichte. Aber es ist Knochenarbeit, die uns noch allen nachhängt. Uff...


Unser neu eröffnetes Ebola-Behandlungszentrum in Kissy: 40 Betten stehen für Ebola-Verdachtsfälle und bestätigte Ebola-PatientInnen zur Verfügung, weitere 33 in der Station für Schwangere. (c) Pablo Krause/MSF

Die zweite Innovation ist das weltweit allererste Ebola-Behandlungszentrum für schwangere Frauen. Dort erhalten Frauen, die Ebola haben oder bei denen der Verdacht auf Ebola besteht, erstmals weltweit eine spezialisierte Behandlung. Deren Sterblichkeit liegt bei Ebola bei rund 95%. Das wollen wir ändern. Fruchtwasser, Nabelschnurblut, Plazenta und Fötus sind die Körpergewebe mit der allerhöchsten Virusbelastung, die man je gefunden hat. Der Bauch einer Schwangeren ist - eine Virusbombe. Nun muss man ja bei Ebola nichts mehr fürchten als Körperflüssigkeiten. Man kann sich das Stresslevel für unser Team bei so einer Geburt kaum vorstellen. Eine Gebärende, die schwerstkrank ist, und intensiv betreut werden muss. Wir haben Simulationen buchstäblich bis zum Umfallen gemacht. Aber jede (Fehl-) Geburt ist ein großes Wagnis für das Team. Man stelle sich vor, all das in einem Schutzanzug in der tropischen Hitze Westafrikas. Und literweise Körperflüssigkeiten, wobei in einem Tropfen mehrere Milliarden Viren sind. Nur wenige Viren braucht es, um sich anzustecken.

Es ist alles sehr spannend, es gibt aber kein Lehrbuch - weder für die Medikamentenverteilung noch für die die Betreuung von schwangeren Ebola-Patientinnen gibt es Referenzen. Alles ist eine Premiere. Ich liebe diese Konzeptionsarbeit, allerdings ist es auch manchmal bis zum Umfallen stressig. Dazu 6.000 Mitarbeiter für die Medikamentenverteilung zu managen. Und sie "No Touch"/ohne Berührung zu bezahlen...

Well, so vieles verändert sich, so vieles ist in Bewegung.

I keep moving...


Derzeit arbeiten rund 300 internationale und mehr als 3.600 nationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in den betroffenen Gebieten in Westafrika: Zur Aktivitätenübersicht

Weitere Beiträge von Marcus von seinem Einsatz in Sierra Leone lesen:
Von der Einsamkeit der Ebola-Kranken
Ein Ebola-Zentrum auf einem Fußballfeld
Wie man 1,5 Millionen Menschen vor Malaria schützt

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