Ricardo Baumgarten28.05.2015

Im Kongo ist alles anders

4 Kommentare

Der Architekt und gebürtige Argentinier Ricardo Baumgarten hat mit 53 Jahren beschlossen, sein Architekturbüro in Linz aufzugeben und für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Bei seinem ersten Einsatz war er für den Bau von Krankenhäusern im Südsudan zuständig. Nun ist er als Logistiker für sechs Monate in Baraka der Demokratischen Republik Kongo und berichtet zur Halbzeit von seinem Alltag vor Ort.

Drei Monate sind schon vorbei, seit ich in der Demokratischen Republik Kongo angekommen bin. Insgesamt werde ich etwas mehr als sechs Monate, bis Ende Juli, bleiben. Die Reise begann mit dem Flug von Wien nach Amsterdam, wo ich über meine vorgesehene Tätigkeit im Projekt informiert wurde. Zweimal übernachtet und dann mit dem Flugzeug nach Kigali, Ruandas Hauptstadt. Kurz geschlafen und am nächsten Tag, gleich um 6 Uhr früh, sieben Stunden für ca. 260km mit einem Auto unterwegs Richtung Westen zur Grenze des Kongo.

Rwanda ist das Land der tausend Hügel, also rauf, runter, rauf, runter und viele, viele Kurven. Landschaftsmäßig erinnert mich Rwanda an meine Geburtsprovinz Misiones in Nordosten Argentinien. Rote Erde, Tee-Plantagen, viel Forst und auch noch einige Gebiete mit Urwald.

Im Kongo ist alles anders.

Von Bukavo, der Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu, nach Baraka sind es knappe 200km, aber fast nur schwer passierbare Straßen aus Stein/Schotter/Lehm. Die wenigen, die asphaltiert sind, haben so viele Löcher, dass es nicht viel besser macht. Also waren wir wieder sieben Stunden unterwegs.

An schlafen oder lesen zu denken ist bei diesen Straßenverhältnissen unmöglich, schon das Wassertrinken ist eine Kunst. Da ich nicht fahren muss, kann ich nichts anderes tun, als die Landschaft zu genießen – durch Palmwälder und kleine Dörfer oder den Tanganjika-See entlang. Die Häuser, besser gesagt Hütten, bestehen meistens aus selbstgebrannten Ziegeln und Strohdächern. Von den umliegenden Bergen fließen hunderte Flüsse zum See, jetzt in der Regenzeit umso mehr. Für die größeren wurden Brücken gebaut, die kleineren fließen einfach über die Straße, was die Fahrt noch mehr erschwert oder sogar für einige Stunden oder Tage unmöglich macht. Auch Brücken werden manchmal von den Wassermengen zerstört. Wenn es hier regnet, dann ordentlich!

Die Optionen sind, einen Umweg zu finden, zu warten und bei der Straßenreparatur mit zu helfen oder einfach zurück zu fahren. Hakuna matata! Kein Problem! Man kann vielleicht irgendwann später probieren oder es überhaupt lassen… Das Leben geht ohnedies weiter.

Endlich in Baraka!

Endlich erreichen wir Baraka, meinen Einsatzort. Wie soll ich es beschreiben? Ein großes Dorf mit Erdstraßen, einigen Einkaufsläden, kleinen Marktplätzen, vielen Straßenverkäufern, aber eigentlich wenig zu kaufen, da alle mehr oder weniger das Gleiche anbieten. Selten sieht man ein Auto, manchmal LKWs (übermäßig beladen), sonst unsere Toyota Landcruiser oder ein paar andere internationale Organisationen. Motorräder, ja, die gibt es schon und relativ viele, da diese von den meisten als einzig leistbares Fortbewegungsmittel (Taxi) benützt werden.

Ein Dorf – aber immerhin mit über 80.000 Einwohnern. Immer sind viele Leute auf der Straße, die meisten logischerweise Kinder, Kinder und mehr Kinder.

Baraka liegt über tausend Meter Seehöhe und direkt am Tanganjika-See – dieser ist nicht nur groß, sondern „riesig“. Wenn er in Europa wäre, würde er sich von Prag bis Venedig erstrecken, über 670km. Österreich wäre geteilt, wenn man also von Wien nach Linz fahren würde, müsste man von Sankt Pölten bis Amstetten die mehr als 50km mit dem Schiff fahren.

Nicht nur, dass er groß ist – er ist auch sehr tief: Im Durchschnitt über 570m, tiefster Punkt 1.470m. Für mich schwer zu vorstellen, dass ein See so tief sein kann.

Unser Zuhause weit weg von Zuhause

Unser Wohnbereich besteht aus Bungalows mit einem zentralen Haus für Essen, Küche und gemeinsame Sanitäranlagen. Jeder hat eine kleine, runde Hütte für sich:

Im gleichen Areal, aber getrennt von Wohnbereich, sind die Büros, die Autowerkstatt, einige Lager für nicht-medizinische Güter und die Radiozentrale. Dieses Areal, das „La Base“ (die Basis) genannt wird, liegt im Zentrum der Stadt und zehn Minuten zu Fuß vom Krankenhaus. Am Weg dorthin gibt es noch ein großes Lager für medizinische Güter zur Versorgung aller unsere Projekte in der Gegend.

Wir sind hier fix 10 internationale Mitarbeiter, die so genannten „Expats“. Im medizinischen Bereich sind das u.a. Ärzte für Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Chirurgie und HIV/Tuberkulose sowie auch zwei Krankenpfleger. Es gibt aber auch Logistiker, die sich um Personalwesen, Finanzen, Supply-Management und Technik kümmern sowie die Projektleiterin. So wie immer sind wir sehr bunt gemischt, was Nationalitäten betrifft: In letzter Zeit haben wir z.B. Kanada, USA, Deutschland, Schweden, Holland, Senegal, Kamerun, Elfenbeinküste, Pakistan, Spanien, Italien, China, Thailand und Brasilien gehabt. Und natürlich ein halb Argentinier, halb Österreicher: Ich zähle zum Logistik-Team und bin für den Bau zuständig.

Das gesamte Team, die „Expats“ plus alle einheimischen Mitarbeiter, besteht aus über achtzig Personen. Wenn die Krankenhausmitarbeiter, die zum Gesundheitsministerium gehören, mitgezählt werden, sind wir über einhundertzwanzig Leute.

Es gibt viel zu tun!

Es gibt hier ein Krankenhaus, ein Gesundheitszentrum für ambulante Patienten und ein Cholera-Behandlungszentrum. In allen drei Einrichtungen arbeiten wir gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium. Das größte Problem in der Region ist eindeutig die hohe Anzahl an Malaria-Kranken mit einer hohen Sterberate – aber auch Cholera, Tuberkulose und HIV/Aids sind präsent, und sehr stark das Problem mit Kindern, die unter Mangelernährung leiden.

Dieses Jahr haben wir einen neuen Höchstpunkt erreicht bei den Malariafällen. Das führte zu einer Überbelegung des Krankenhauses. Es war so extrem, dass in einigen Stationen, hauptsächlich bei der Kinderstation und Intensivstation, extra Betten eng zueinander gestellt wurden. Das reichte jedoch auch nicht, daher haben wir viele Betten, wo nicht nur einer, sondern bis zu drei Patienten liegen. Durch den Mangel an Pflegepersonal und die hiesige Gewohnheit, dass immer ein Familienmitglied mit im Spital dabei ist, sind die Betten mit bis zu sechs Personen belegt. Schwer, sich das vorzustellen – aber es ist die Realität. Das alles zusammen führt logischerweise zu zusätzlichen Problemen was Hygiene und Ansteckungsgefahren betrifft.

Um also die Situation im Krankenhaus etwas im Griff zu bekommen, wird auch sehr viel in sogenannte „Outreach“-Aktivitäten investiert: Das heißt, mit dem Auto oder Boot Menschen zu erreichen und Aktionen in der Umgebung zu setzen, mit der man Krankheiten vorbeugen kann – oder um Kranke rechtzeitig zu behandeln, bevor sie ins Spital eingeliefert werden müssen.

Auch das Verteilen von Moskitonetzen, Impfaktionen, Ernährungskampagnen und allgemeine Aufklärungsarbeit im Bereich Gesundheit gehören dazu.

Von Baustelle zu Baustelle

Mein Aufgabenbereich ist wie gesagt die Logistik. Ursprünglich waren es vier Projekte: Umbau einer Tuberkulose-Station und Bau eines neuen Wasserturm im Krankenhaus, Sanierung des Büros in der Basis und Neuüberdachung des Zentrallagers im Stadtzentrum. Doch manche Dinge ändern sich auch wieder. Aus der Dachsanierung im Zentrallager ist zum Beispiel eine vollständige Baustelle mit Zu- und Umbauten geworden:

Die Palme wollte ich nicht schneiden, aber ich brauchte diesen bedeckten Bereich neben der Werkstatt. Am lustigsten ist zu sehen, wie die einheimische die Köpfe schütteln und sich denken: „Musungo cheese“ (in Kisuaheli) = verrückter Weißer…

Nein, langweilig ist mir nicht, es ist eine anstrengende Arbeit in der kurzen Zeit aber es macht Spaß und es ist sehr angenehm wenn alle in dieselbe Richtung ziehen.

Besos y abrazos.
R

Kommentare

Barbara Weiss
Ola Ricardo, Danke für den interessanten und umfassenden Lagebericht und natürlich herzlichen Dank für Ihr Engagement und Ihrer Mitstreiter. Barbara
Digruber Margit
Ich bin tief beeindruckt von ihrer Arbeit und ihrem enthaltsamen Leben, das sie für die Ärmsten der Armen bereitstellen.
Sibylle Reimann
Dem Leben Sinn geben - das ist hier wohl der Fall.
Claudia Walder
Wünsche dir für deinen neuerlichen Einsatz im Kongo alles Gute! Claudia

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