Vera Schmitz29.08.2016

Ein verhängnisvoller Anruf: „Das Krankenhaus wird bombardiert!“

3 Kommentare

15. August 2016.

Ich bin im Jemen und gerade dabei, meinen dreimonatigen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen abzuschließen. Es ist Montagnachmittag und ich finalisiere im Büro die Apothekenbestellung. Im Nachbarzimmer führen meine Kollegen, ein Doktor und die Zuständige für Personalfragen, gerade die letzten Jobinterviews für die neue Station für mangelernährte Kinder, die in einer Woche eröffnet werden soll.

Das Projekt, in dem ich seit Anfang Juni tätig war, befindet sich im Bezirk Abs im Nordwesten Jemens. Ärzte ohne Grenzen begann hier vor rund einem Jahr zu arbeiten, um den Vertriebenen, die vor den Schrecken des Krieges geflohen sind und sich im Umkreis angesiedelt haben, Zugang zu einer Gesundheitsversorgung zu gewähren. Mehr als 16.000 Menschen sind auf der Suche nach Schutz im letzten Jahr hierhergekommen. Meist nur mit dem nötigsten in der Hand. Viele Kinder und Schwangere leben hier nun in provisorisch errichteten Hütten. Sauberes Wasser ist knapp, Nahrung ebenso. Um den Menschen die so wichtige Gesundheitsversorgung bereit zu stellen fahren unsere Teams in die verschiedenen provisorischen Camps, um in mobilen Kliniken Patienten zu versorgen und – falls nötig – in das Krankenhaus in Abs zu transferieren. Dieses Spital wird vom Gesundheitsministerium betrieben und von Ärzte ohne Grenzen unterstützt.

Im Krankenhaus gibt es eine Notaufnahme, eine Kinderabteilung und eine chirurgische Station, sowie einen Operationssaal und eine Geburtsstation. Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Spital in Abs seit Juli 2015. Seit dem Beginn unserer Aktivitäten wurden dort mehr als 11.000 Patienten in der Notaufnahme und fast 2.000 stationär medizinisch behandelt sowie über 1.500 Geburten durchgeführt. Wäre Ärzte ohne Grenzen nicht hier, hätten tausende Menschen keinen ausreichenden Zugang zu einer Gesundheitsversorgung.

Doch zurück zum 15. August 2016.

Draußen hören wir ein Flugzeug vorbeifliegen. Es ist ungewöhnlich tief, aber wir denken uns nichts weiter dabei.

Doch dann läutet mein Telefon.

Am anderen Ende der Leitung ist ein jemenitischer Kollege aus dem Spital: „Das Krankenhaus wurde bombardiert. Das Krankenhaus! Jetzt!“ ruft, nein, schreit er mir entgegen.

Meine erste Reaktion: Unglauben, Fassungslosigkeit – das muss ein Missverständnis sein. Doch gleichzeitig bekommen andere Kollegen ähnliche Anrufe, es herrschen bange Minuten des Wartens, bis die Nachricht bestätigt ist.

Unser Krankenhaus wurde angegriffen.

Was passiert mit den Patienten, mit unseren Kollegen? Sind sie verletzt, konnten sie sich in Sicherheit bringen? Das Telefonnetzwerk ist völlig überlastet, natürlich, jeder versucht Näheres, Irgendetwas, über Freunde und Familie zu erfahren, geht es ihnen gut? Nach und nach sickern Informationen durch, erste Berichte über Verletzte und Tote.

Währenddessen, wie ich erst später erfahren werde, kämpfen meine Kollegen, die sich zum Zeitpunkt des Angriffs im Spital befanden, um das Leben der Verletzten. Mehrere werden im Laufe der nächsten Stunden in das nächstgelegene Krankenhaus nach Hajja gebracht.

Nach und nach kommen die Kollegen zum Büro. Traurige Gewissheit haben wir inzwischen über den Tod von Abdul Kareem Al-Hakimi, einer unserer technischen Mitarbeiter.

Wir wissen nun auch schon, dass auch andere Menschen bei diesem unfassbaren Angriff gestorben sind. Die Bombe traf in die Mitte des Krankenhausgeländes. Einen Bereich, der zeitweise voller Menschen ist: Patienten, Mitarbeiter, Angehörige.

Für die Mitarbeiter mit leichten Verletzungen richten ein Arzt und ich ein kleines „Lazarett“ ein, um ihre Wunden zu versorgen. Zum Glück geht es den meisten aber gut. Äußerlich zumindest, den Schock kann man jedem im Gesicht ablesen – wie auch die Trauer um den Verlust unseres Kollegen. Ein Kollege berichtet mir mit bebender Stimme, dass ein Freund und seine zwei Kinder vermisst werden. Andere weinen. Das Team steht sich gegenseitig bei in diesen schweren Stunden.

Auch ich bin gefangen von Trauer und Wut, aber auch von der Hilflosigkeit, meinem Team im Spital nicht direkt beistehen zu können. Das Telefonnetzwerk ist weiterhin überlastet und Durchkommen sehr schwierig.

Und inmitten von all dem fragt sich nun jeder: Wie konnte das passieren? Die Koordinaten sind allen Beteiligten in diesem Krieg bekannt, es war bekannt, dass dies ein Krankenhaus war. Ein Ort, an dem Menschen um ihr Leben kämpften und andere Menschen alles gaben, um Leben zu retten.

19 Menschen sind gestorben.
Über 20 wurden verletzt.

Die Notaufnahme des Spitals schwer beschädigt. Die medizinischen Aktivitäten werden durch das Personal des Gesundheitsministeriums weitergeführt; Ärzte ohne Grenzen hat vorübergehend alle Mitarbeiter zurückgezogen (siehe Pressemitteilung) und führt derzeit eine interne Untersuchung der Vorfälle durch.

Ich bin noch immer tief bewegt von den Erlebnissen des 15. August 2016. Zivilisten und Krankenhäuser dürfen keine Angriffsziele sein. Denn selbst im Krieg gibt es Regeln.

Kommentare

Birgit
unfassbar !!! Kriege an sich sind das Schlimmste und Grausamste was es gibt- denn sie sind bewusst durch Menschen herbeigeführt . Das Menschen wie ihr euch freiwillig in diese Höllen begebt ist unglaublich mutig ! Tiefster Respekt ! Aber dass ihr nun auch noch um euer Leben fürchten müsst, weil irgendwelche hohlköpfigen, gewissenlosen "Menschen" sich nicht an bekannte Regeln halten ,ist einfach nur entsetzlich! Ich hoffe, dass die Verletzten schnell wieder gesund werden .Und ich trauere mit euch um die Toten ... Gott, Allah oder welcher Gott auch immer hat mit diesem ganzen Mist nichts zu tun... das machen Menschen - und Menschen leiden deshalb ... Danke für euren Einsatz!!!! <3
Adolf Schwaiger
Frau Birgit hat recht, Kriege werden bewusst von Menschen angefangen und jahrelang fortgeführt. Die Machtinteressen vieler Staatsführer und die Geschäftsinteressen der Waffen-Geld-Öl und Rohstofflobbys sind die Ursache für die Kriege, diese Verursacher der Kriege müssten jeden Tag gefragt werden warum sie den Krieg nicht beenden. Jede Kriegsmaschinerie kommt innerhalb weniger Monate ohne Nachschub zum Stillstand. Hilfe und Wiederaufbau wäre das menschliche Geschäftsmodell.
Helmut Seufert
Ich frage mich, kann man solche Individuen noch Menschen nennen, die sich für so etwas hergeben?

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