Vera Schmitz21.03.2017

Grenzen überwinden

2 Kommentare

Vor wenigen Wochen bin ich in meinen mittlerweile achten Einsatz als Krankenschwester mit Ärzte ohne Grenzen gestartet – mitten ins Herz von Afrika, der Zentralafrikanischen Republik.

Das Projekt, in dem ich die kommenden Wochen und Monate verbringen werde, unterscheidet sich jedoch sehr von meinen bisherigen Einsätzen – dieses Mal bin ich Teil eines Teams für eine präventive Impfkampagne. Zielgruppe der Impfkampagne werden alle Kinder einer Region im Süden Zentralafrikas zwischen 0 und 5 Jahren sein: Und das sind voraussichtlich 40.000! Das Ganze passiert in drei aufeinanderfolgenden Runden, da der Impfschutz teilweise erst mit einer zweiten oder auch dritten Impfung wirkungsvoll ist. Wenn alles läuft wie geplant, werden all diese Kinder gegen acht häufige und gefährliche Krankheiten geschützt sein, darunter Masern, Polio, Lungenentzündung, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis und Diphterie.

Bis dahin muss jedoch noch viel getan werden. Bevor eine Impfkampagne – vor allem in diesem Ausmaß – losgehen kann, muss vor allem gut geplant werden. Soviel wie möglich und das bis ins kleinste Detail, da alles was vorher nicht geplant ist, später zu Verzögerungen führt und mitten während einer Kampagne oft nur schwer behebbar ist. Einen wesentlichen Teil dieser vorbereitenden Planung haben wir nun in den letzten beiden Wochen erledigt, während wir die gesamte Region besucht haben - das heißt, nahezu jedes kleine Dorf, oft mit langen Anfahrtszeiten bis zu 3,5 Stunden. Grenzen zu überwinden, um der Bevölkerung Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewähren, ist dabei eines der obersten Ziele. 

Das gilt vor allem für die Impfkampagne selbst, aber auch schon für unsere Besuche vorab. Die Gegend, in der wir tätig sind, ist dicht bewaldet. Die Wege, auf denen wir dabei unterwegs sind, können oft kaum als Straßen bezeichnet werden: Schmale Pfade und viele kleine Bäche und Tümpel, mit Brücken, welche nicht immer der Last eines Autos standhalten oder breit genug zum Überqueren sind.

Soweit es geht, fahren wir mit unseren Geländewagen – und all jene Dörfer die wir damit nicht erreichen können, werden entweder mit dem Motorrad oder einem schmalen Boot angefahren – und manchmal muss man sich auch auf die eigenen Füße verlassen.

Die Landschaft, in der wir unterwegs sind, ist wie ein extra Bonus. Nahezu unberührt und oft wunderschön!

Während dieser Planungsphase haben wir jedoch nicht nur die Grenzen der Natur versucht zu überwinden, sondern vereinzelt auch Landesgrenzen: So sind wir während unserer Erkundungen auf ein Dorf gestoßen, welches sich sowohl auf das Gebiet der Zentralafrikanischen Republik als auch auf das der Republik Kongo erstreckt. Um zu gewährleisten, dass auch der Teil der Bevölkerung von der Impfkampagne profitieren kann, der auf kongolesischem Boden wohnt, haben wir vor Ort sowohl mit den Dorfchefs beider Teile als auch mit den Grenzbeamten gesprochen und unser Vorhaben erklärt. Die Verantwortlichen und Respektspersonen vor Ort zu treffen, ist überhaupt von ungemeiner Wichtigkeit und fester Bestandteil unserer Besuche. In all den unzähligen Dörfern, die wir während der letzten zwei Wochen besucht haben, haben wir stets auch den ansässigen Dorfchef besucht. Akzeptanz, Kommunikation und Kooperation sind unglaublich wichtig, damit an den geplanten Tagen der Impfkampagne die Bevölkerung gut informiert ist und auch tatsächlich ihre Kinder zum Impfen bringt.

In etwas größeren Dörfern gibt es dann zumeist auch Gesundheitsposten, die oft wertvolle Informationen haben und uns während der eigentlichen Impfkampagne auch wesentlich unterstützen werden.

Die lokale Bevölkerung bereits vorab informieren, war jedoch nur einer der Gründe, warum wir die Region besucht haben. Ein weiteres Ziel dessen war, Informationen zu sammeln, und die jeweilige Situation vor Ort so gut wie möglich zu verstehen. Die meisten Orte sind nicht kartographiert, genau so wenig die Straßen und Wege, die dorthin führen. Doch für uns gilt es, wichtige Fragen zu klären:

  • Wo befindet sich welches Dorf, wie kommt man dorthin (Auto? Boot? Zu Fuß?)
  • Wie lange ist die Anfahrt?
  • Wie groß ist die Bevölkerung?
  • Reicht ein Tag oder braucht es zwei oder mehr, um alle Kinder zu erreichen?
  • Genügt vielleicht auch ein reduziertes Team, während die andere Hälfte zum nächsten Dorf fährt?
  • Wo genau vor Ort können wir impfen? Es wird bald anfangen zu regnen, da ist der Schatten unter den großen Mangobäumen nur die letzte Option, falls es keine andere Möglichkeit gibt (wie eine Kirche oder Schule).
  • Gibt es Dorfbewohner, die lesen und schreiben können, um uns beim Ausfüllen der Impfkarten zu helfen?
  • Wer kann bei der Sensibilisierung einige Tage vor der Impfung helfen, damit alle Mütter wissen, wann sie wohin kommen sollen?

All jene Informationen müssen nun zusammengefügt werden – und damit beginnt dann auch erst die eigentliche Planung der Kampagne: Welches Team fährt wann in welches Dorf? Wie viele Impfdosen müssen mitgenommen werden und wie viele Kühlbehälter und Eispackungen brauchen wir dafür? Falls die Kühlkette unterbricht, wäre das eine Katastrophe, da die Impfungen wirkungslos sind, falls sie eine gewisse Temperatur über- oder unterschreiten... Noch ist das Team auch nicht komplett, in den kommenden Tagen stehen also zusätzlich diverse Rekrutierungen und anschließend verschiedene Trainings an. 

Es gibt also noch viel zu tun – aber die Aussicht, dass bald 40.000 Kinder von gefährlichen Krankheiten geschützt sein werden, ist genug Motivation!

Kommentare

Marion
Hi Vera, danke für die tolle Erklärung, was beim Organisieren einer Impfkampagne wichtig ist. Liebe Grüße, Marion
Michael
Hallo Vera! Bin zufällig um fast 23 Uhr auf deinen Beitrag gestoßen. Wünsche dir alles Gute, viel Erfolg, Gesundheit und Energie! Danke für deine wertvolle Arbeit -für eine bessere Welt. War unglaublich erstaunt, als ich gelesen habe, dass du schon so oft auf Einsatz warst. Danke, für deinen Beitrag! Wünsche von Herzen alles Liebe! Beste unbekannte Grüße, Michael

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