Elfenbeinküste

Elfenbeinküste: Auf der Chirurgiestation in Bangolo

Die friedliche und ruhige Atmosphäre im Krankenhaus von Bangolo muss für die meisten Patienten und Patientinnen, die hier gegenwärtig behandelt werden, ein erstaunlicher Kontrast sein. Erst vor ein paar Tagen haben viele von ihnen bei gewaltsamen Angriffen im Gebiet um Duékoué im Westen von Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) schreckliche Verletzungen erlitten. Heute warten sie auf einen chirurgischen Eingriff oder erholen sich bereits davon.

Im Operationssaal reicht Olga chirurgische Bestecke an Martial, Chirurg von Ärzte ohne Grenzen. Man hört, dass sie hinter ihrer OP-Maske leise singt. Im Gegensatz zur Mehrheit des medizinischen Personals in der Region ist Olga Oulaï nicht vor der Gewalt geflohen. Neben ihrer wertvollen Hilfe als Krankenschwester ist ihr Gesang für das restliche Team eine sehr willkommene Aufmunterung – und eine, die dringend benötigt wird.Seit vor zwei Wochen in der Region Duékoué die gewalttätigen Auseinandersetzungen begannen, hat das chirurgische Team von Ärzte ohne Grenzen 180 Menschen behandelt,  die von den Auswirkungen der Feindseligkeiten gezeichnet sind: Sie haben Verletzungen davongetragen, die durch Schüsse, Jagdgewehre oder Macheten verursacht wurden. Nachdem die meisten Chirurgen die Gegend verlassen hatten, mussten die übrig gebliebenen Kollegen ein riesiges Arbeitspensum absolvieren. Das Eintreffen eines Teams von Ärzte ohne Grenzen-Chirurgen im Krankenhaus von Bangolo war dem schließlich einzig verbliebenen Chirurgen vor Ort mehr als willkommen. Nur eine Handvoll Gesundheitseinrichtungen sind im westlichen Teil der Elfenbeinküste überhaupt noch in Betrieb.

Schlimme Infektionen

Martial Ledecq, Chirurg von Ärzte ohne Grenzen, ist erfahren mit kriegsbedingten Verletzungen. Er operiert einen Patienten, der von einer Kalaschnikow im Knie getroffen wurde. "Diese Art von Geschossen verursachen großflächige Wunden, weil sie im Körper rotieren und gewaltige Schäden anrichten, wenn sie an anderer Stelle austreten. In diesem Fall ist der Kopf des Oberschenkelknochens völlig zerschmettert worden, und der Mann wurde mit einem großen, von totem Gewebe umgebenen Loch zurückgelassen: ein ideales Umfeld für Mikroben und Infektionen."Die Infektion des Patienten wurde noch schlimmer, weil er sich tagelang im Busch versteckte, bevor er sich zum Krankenhaus durchschlagen konnte – wie ihm erging es vielen anderen. Seit dem ersten großen Ansturm von Patienten zwischen dem 28. März und dem 1. April gibt es ständigen Zulauf von neuen Verwundeten, die sich tagelang im Busch versteckt halten. Auf den Krankenstationen hier sind ihnen ein paar Tage Ruhe vergönnt, für die sie mit ihren manchmal schrecklichen Verletzungen bezahlen. Menschen aus allen Communities – Militärangehörige wie Zivilisten – landen hier. Der Konflikt wird aber nie über die Schwelle des Krankenhauses getragen.Im grünen Krankenhausbereich, wo die am wenigsten dringenden Fälle warten, teilt Martial den Patienten mit, dass sie sich noch ein bisschen gedulden müssen. Vier Schwestern, darunter eine Fünfjährige, werden noch ein paar Tage länger warten müssen, bevor ihnen die kleineren Gewehrkugeln aus Beinen und Hüften entfernt werden. Mit einem Augenzwinkern und einem kleinen Scherz gelingt es ihm sogar, ihnen ein Lächeln zu entlocken.

Sichtbare und unsichtbare Narben

Auf dem Fußboden neben ihnen sitzt ein kleines Mädchen, dem der Fuß amputiert werden musste: "Amputieren zu müssen, empfindet man immer als Misserfolg. Es bedeutet, alles andere ist erfolglos, im Grunde ist es der letztmögliche Ausweg", sagt Martial.Ein paar Räume weiter befindet sich eine Frau, deren Hand amputiert werden musste. Als sie und  Martial die Entscheidung dafür treffen mussten, fragte sie ihn: "Wenn Sie meinen Arm kürzer machen, wird dann auch mein Leben kürzer?", worauf er mit "Nein" antwortete. Da sagte sie, er könne fortfahren, denn wegen ihrer Kinder müsse sie lange am Leben bleiben.Wie es im Leben der Menschen weitergehen soll, bleibt eine große Unbekannte. Manche sind zu verängstigt, um in ihre Dörfer zurückzukehren, anderen wurden die Häuser niedergebrannt oder geplündert. Die sichtbaren Narben, die ihnen durch die jüngste Gewalt zugefügt wurden, werden viele eine Leben lang behalten. Mit den unsichtbaren Narben wird es leider nicht anders sein. Nach der Gewalt im Anschluss an die Wahlen in der Elfenbeinküste hat Ärzte ohne Grenzen die Menschen Gesundheitszentren und Krankenhäuser an mehreren Standorten im westlichen Teil des Landes und in Abidjan unterstützt sowie mobile Kliniken organisiert. Zudem helfen Teams der Organisation Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung  im benachbarten Liberia. Gegenwärtig sind in der Elfenbeinküste 50 internationale Mitarbeiter der Organisation im Einsatz, die mit 150 ivorischen Kollegen  zusammenarbeiten. In Liberia sind es zehn internationale und 30 liberianische Mitarbeiter. Ärzte ohne Grenzen wahrt als unparteiische humanitäre Organisation bei den Einsätzen strikte Neutralität. Die Aktivitäten in der Elfenbeinküste werden ausschließlich durch private Spenden finanziert, um die Unabhängigkeit der Arbeit sicherzustellen.

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