Sierra Leone

„Das Baby überlebte nur zwölf Stunden in unseren Armen“

Tamba Magnus Aruna, Gesundheitsberater von Ärzte ohne Grenzen, kämpft gegen die hohe Kinder- und  Müttersterblichkeit in Sierra Leone. Annette Leopold aus  dem Wiener Büro hat ihn bei seiner Arbeit begleitet.

Das Leben seines fünften Kindes konnte er nicht mehr retten. Aber wenigstens das seiner Frau. Fassineeh Kamera ist ein junger Mann aus Bondayilahun, einem Dorf im Bezirk Kenema. Er sitzt neben Gesundheitsberater Tamba auf einer Holzbank im Schatten seines Hauses und erzählt. Alle sollen erfahren, was seiner Familie vor vier Jahren zugestoßen ist.

Fassineeh arbeitete in einem fernen Dorf, als er einen Anruf von zu Hause bekam. Seine Frau war im siebten Monat schwanger, als plötzlich Blutungen einsetzten. Er wollte sich sofort auf den Heimweg machen. Doch der war weit – und teuer. „Ich musste meine Schuhe verkaufen, um das Geld aufzutreiben.“ Angekommen, lief er mit der Hochschwangeren kilometerweit durch den Dschungel. Erst Stunden später erreichten sie einen Gesundheitsposten mit der überlebenswichtigen Blutbank.

Enttäuschung

Fassineeh spendete seiner Frau Blut und schöpfte Hoffnung. Tatsächlich hörte er bald den ersten Schrei seines Kindes. „Ich wollte vor Freude tanzen“, sagt er. Hätte ihm nicht die Kraft gefehlt. Also legte er sich zu seiner Frau und dem Frühchen ins Bett. Das Glück dauerte nur kurz. „Das Baby überlebte zwölf Stunden in unseren Armen. Dann haben wir es verloren.“ Die ärztliche Hilfe war zu spät gekommen.

Das ist kein Einzelfall, sondern Realität in Sierra Leone – einem Land, in dem Leben und Tod eng beieinander liegen: Jedes fünfte Kind im Bezirk Kenema stirbt vor seinem fünften Geburtstag. Schwangere und Mütter aus abgelegenen Dörfern kommen, wenn überhaupt, oft zu spät in die wenigen Gesundheitszentren. Tamba Magnus Aruna möchte das ändern. Der Gesundheitsberater arbeitet seit 2005 für Ärzte ohne Grenzen. Er besucht mit seinem Team Dörfer wie Bondayilahun. Oft laufen ihm die Kinder bereits winkend entgegen.

Alle in der Region kennen seinen Namen. Da viele Menschen nicht lesen und schreiben können, hält Tamba Schaubilder in die Luft. Es geht um Gesundheitsprävention und darum, was etwa bei Durchfall oder Malaria zu tun ist. Akut Kranke überweist er in einen der zehn regionalen Gesundheitsposten von Ärzte ohne Grenzen.

Fingerspitzengefühl

Tamba bringt viele dazu, heikle Themen anzusprechen. Eine fünffache Mutter tritt hervor: „Ich möchte künftig selbst bestimmen, ob und wann ich schwanger werde.“ Bei Fragen zu Verhütung, HIV und Familienplanung ist Fingerspitzengefühl gefragt. Das mobile Team ist mit medizinischer und psychologischer Hilfe zur Stelle. Tamba ist kein Hindernis zu groß, um Menschen zu erreichen, die seine Hilfe am dringendsten benötigen. Doch auch er stößt an Grenzen: „In der Regenzeit stecken wir oft stundenlang im Matsch fest.“

Im Ernstfall können aber Minuten über Leben oder Tod entscheiden. In Dörfern ohne Strom werden noch Hausgeburten mit Taschenlampe durchgeführt. Komplikationen enden da oft tödlich, erzählt Tamba: „Es zerreißt einem das Herz, eine Mutter sterben zu sehen, die versucht, ein Kind zur Welt zu bringen."

Mehr zu unserer Hilfe in Sierra Leone erfahren Sie in unserem aktuellem Magazin Diagnose:

Schatten über Sierra Leone

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