Niger

Diffa: Psychologische Hilfe für Kinder im Flüchtlingslager Kindjandi

Mehr als 250.000 Menschen haben in Diffa vor dem Konflikt zwischen Militär und nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen Zuflucht gesucht. Gemäß den Angaben von UNICEF sind 70 Prozent von ihnen Kinder.

Aïcha lebt im Lager für Vertriebene in Kindjandi in der nigrischen Region Diffa. Das Lager befindet sich am Ufer des Tschadsees, an der Grenze zwischen dem Tschad und Nigeria. Sie ist erst neun Jahre alt.

Eine bewaffnete Gruppe griff unser Dorf an und wir mussten fliehen. Wir hörten Schüsse und ein Cousin wurde, als wir flohen, von verirrten Kugeln getötet.  Fatsouma, Mutter von Aïcha

Nach unserer Ankunft hatte Aïcha ihre Lebensfreude verloren, erklärt Fatsouma, die Mutter von Aïcha. Sie spielte nicht mit den anderen Kindern und zog sich zurück. Sie hatte keinen Appetit mehr und verlor viel Gewicht. In der Nacht wurde sie von Albträumen heimgesucht. Sie stand auf und wollte fliehen, so dass ich sie festhalten musste.

Die Geschichten von Aïcha und Tausenden anderen Kindern, die nach Diffa geflohen sind, ähneln sich: Sie alle sind Opfer oder Zeugen von Gewalttaten bewaffneter Gruppen. Sie wurden entführt, von ihrer Familie getrennt oder mussten fliehen. Alle haben eines oder mehrere Familienmitglieder verloren und litten an großer Angst. Viele dieser Kinder durchleben die traumatisierenden Erlebnisse auch nach ihrer Ankunft an einem relativ sicheren Ort immer wieder aufs Neue. 

Kinder und Jugendliche, die Opfer von bewaffneten Konflikten werden, sind mit schwierigen Situationen und äußerst schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert, und sie haben noch keine Bewältigungsstrategien entwickeln können. Häufig leiden sie unter posttraumatischen Stresssymptomen oder Depressionen. Zu den verschiedenen Symptomen gehören unter anderem große Unruhe, ein permanenter Angstzustand und erhöhte Wachsamkeit, Apathie und Rückzug, Appetitlosigkeit, regressives Verhalten, Albträume, aggressives Verhalten und die Darstellung der traumatischen Erlebnisse im Spiel. 

Dazu kommt, dass bei humanitären Krisen der psychische und psychosoziale Behandlungsbedarf der Kinder in der Regel unerkannt bleibt. Obwohl das Risiko für spätere psychische Erkrankungen häufig in der Kindheit seinen Ursprung hat, werden die Kinder nicht betreut. 

Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen hat in Diffa ein Programm für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung entwickelt, um möglichst vielen Kindern, die unter den psychischen und sozialen Folgen traumatischer Erlebnisse leiden, zu helfen. Durch spezifische Aufklärungsmaßnahmen, den Einbezug bestehender Behandlungszentren und verschiedene psychologische Betreuungsprogramme will das Team erreichen, dass die psychische Gesundheit zu einem vollwertigen Bestandteil der Gesundheitsagenda in der Region wird. 

Damit mehr junge Patienten und Patientinnen am Programm teilnehmen, hat Ärzte ohne Grenzen hundert lokale Gesundheitshelfer und –Helferinnen darin geschult, die häufigsten Symptome psychischer Probleme zu erkennen. Dank diesem Vorgehen hat die Anzahl der von uns betreuten Kinder um ein Vielfaches zugenommen. Allein von März bis Juni 2018 wurden ungefähr 700 Konsultationen mit Kindern unter 14 Jahren durchgeführt. 

Damit wir diesen Kindern helfen können, müssen wir sie unbedingt zum Spielen bringen. Das erlittene Trauma kann verschiedene mentale Funktionen psychomotorischer, affektiver wie auch kognitiver Art beeinträchtigen. Im Spiel können sich die Kinder ausdrücken und gleichzeitig wird ihre Entwicklung gefördert, erklärt Yacouba Harouna, nigrische Psychologin und Verantwortliche für psychische Gesundheit von Ärzte ohne Grenzen in Diffa.

Der Gesundheitszustand der Kinder hat sich stark verbessert. Auch Aïcha geht es besser. Das Programm hat ihr sehr geholfen. Sie hat keine Albträume mehr und spielt mit ihren Kameraden, erzählt ihre Mutter. Das Programm versucht den Kindern dabei zu helfen, die erlittenen Traumata zu überwinden, aber den eigentlichen Grund ihres seelischen Leids kann es nicht beseitigen.

"In Diffa herrscht leider noch immer keine Normalität. Es gibt weiterhin Angriffe auf die Lager."  Francisco Otero y Villar, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Niger

Der Konflikt ist im täglichen Leben dieser Kinder und Jugendlichen noch immer präsent. Das Leben vieler Familien ist außerdem von materiellen Sorgen und unsicheren Zukunftsaussichten geprägt. Es fehlen Geld und Arbeitsmöglichkeiten, viele Menschen sind vollständig von humanitärer Hilfe abhängig", berichtet Francisco Otero y Villar, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Niger. 

 

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