Mexiko

Flucht durch Mexiko: Gefährliche Reise in eine bessere Zukunft - Teil 1

Emilio Lucero ist vor Kurzem aus Mexiko zurückgekehrt, wo er ein Jahr als medizinischer Koordinator gearbeitet hat.  Ein Großteil der Menschen, denen Ärzte ohne Grenzen hier Hilfe leistet, sind MigrantInnen, die von Mittelamerika in die USA unterwegs sind. Hinzu kommen PatientInnen aus dem Bundesstaat Oaxaca, die an Chagas leiden – einer parasitären Erkrankung, die durch Raubwanzen übertragen wird. Auch um Gewaltopfer aus einem Viertel von Acapulco kümmern sich unsere Teams.

Im Interview berichtet der Argentinier über die Herausforderungen vor Ort:

Warum arbeitet Ärzte ohne Grenzen in einem Land wie Mexiko?

Obwohl Mexiko ein Land mit beträchtlichen Ressourcen ist, ist ein Teil der Bevölkerung brutaler Gewalt ausgesetzt und findet nur schwer Zugang zu Gesundheitsversorgung. Kriminelle Organisationen sind in weiten Teilen des Landes aktiv; sie verwenden Methoden und Strategien, die schwerwiegende medizinische und humanitäre Konsequenzen für die Bevölkerung haben. Ärzte ohne Grenzen bemüht sich, diesen Auswirkungen zu begegnen, aber auch einen Wandel in Gang zu setzen und andere Institutionen in die Verantwortung einzubeziehen. Mexiko verfügt nämlich über ein Gesundheitswesen, das theoretisch in der Lage wäre, den Bedürfnissen der Menschen zu entsprechen.

Um welche Gewalttaten handelt es sich, und was sind die Folgen?

Einerseits gibt es direkte Gewalt: Morde, Verletzungen, sexuelle Gewalt, Vertreibung, Entführungen, Folter und deren psychische Folgen. Andererseits ist der Zugang zu Gesundheitsversorgung unzureichend und die Notfalldienste sind überlastet. Programme zur Gesundheitsförderung und Prävention wurden ausgesetzt und/oder die Gesundheitseinrichtungen sind nicht länger in Betrieb, da ausgebildetes Personal fehlt. Häufig muss das Personal seine Arbeit einschränken, da es in gefährlichen Vierteln oft selber der Gefahr ausgesetzt ist, ausgeraubt oder bedroht zu werden. Das wirkt sich alles auf die PatientInnen aus, deren Zugang zur Gesundheitsversorgung sich fortlaufend verschlechtert.

Wer sind die MigrantInnen und warum verlassen sie ihr Land?

Die meisten von ihnen sind junge Männer aus Mittelamerika, die alleine unterwegs sind. Sie sind gesund und körperlich fit, was sehr wichtig ist angesichts der Strapazen, die ihnen bevorstehen. Aber es gibt auch Familien und Frauen, die sich aufmachen, sogar unbegleitete Teenager und Kinder.

Die meisten geben an, dass sie vor der Gewalt in ihren Herkunftsländern fliehen. Ausgrenzung, Diskriminierung und fehlende Perspektiven sind Faktoren dafür, dass sie sich für die Emigration entscheiden.  Dazu kommt, dass sie oft direkter Gewalt ausgesetzt sind und z.B. von Banden bedroht werden. Ihr Ziel ist immer die USA, und sie machen sich auf den beschwerlichen Weg, weil das, was sie hinter sich lassen, schlimmer ist.

Was erzählen sie über die Reise?

Ihre Geschichten handeln von Leid. Mit Gewalt sind sie während der ganzen Reise konfrontiert, die bis zu zwei Monate dauern kann. Wenn sie mit der Bahn fahren, dem Transportmittel, das sie in Mexiko in der Regel benutzen, werden sie manchmal von kriminellen Banden angegriffen. Die durchsuchen sie, nehmen ihnen Kleidungsstücke weg, schlagen sie zusammen und stehlen ihnen ihre Habseligkeiten.

Es gibt auch Fälle von Vergewaltigung, sowohl an Frauen als auch bei Männern. Es gibt viel sexuelle Gewalt, aber da dies ein Tabuthema ist, werden die Täter kaum jemals angezeigt und ermittelt.

Wann suchen die Menschen ärztliche Hilfe auf?

Es kommen PatientInnen mit Brandblasen, Fieber oder Verletzungen, die sie sich beim Sturz von einem Zug zugezogen haben. Dazu zählen Knochenbrüche, aber auch abgetrennte Gliedmaßen. Daneben gibt es Verletzungen, die ihnen bei einer Attacke oder Entführung zugefügt wurden. All diese Verletzungen erleiden sie während ihrer Reise. Diese ganze physische Gewalt hat für die Betroffenen auch psychische Folgen, waren sie nun Opfer oder Augenzeugen. Es gibt auch PatientInnen mit Krankheiten wie Denguefieber oder Malaria, die auftreten können, wenn die MigrantInnen durch ein Gebiet gefahren sind, in dem diese Krankheiten endemisch sind.

Hat die Bevölkerung Zugang zu kostenfreier medizinischer Versorgung in Mexiko?

Theretisch ja. Die Gesundheitsversorgung in Mexiko ist für Leute, die keine Versicherung haben, kostenlos - doch die meisten Krankenhäuser verlangen, dass die PatientInnen sich an den Behandlungskosten beteiligen. Deshalb können viele MigrantInnen, selbst wenn sie das Recht auf kostenlose medizinische Behandlung haben, nicht die bestehenden Gesundheitseinrichtungen aufsuchen. Sie sind nicht in der Lage, einen Beitrag zu leisten.

Wie sieht die Nothilfe von Ärzte ohne Grenzen für diese Bevölkerungsgruppe aus?

Zuerst hatten wir zwei mobile Kliniken für MigrantInnen, die in einfachen Unterkünften lebten. Doch als wir merkten, dass diese Menschen überall im Land unterwegs sind, änderten wir die Strategie und fokussierten uns auf die Bahnlinie. Wir mussten mobiler werden. Jetzt haben wir zwei Basen eingerichtet. Die eine befindet sich in Lechería, im Zentrum; da haben wir eine mobile Klinik, was unsere Mobilität entscheidend verbessert hat. Damit folgen wir der Migrationsroute, wir halten bei Unterkünften an, bei Imbissen, an der Bahnstrecke… Migrationsrouten ändern sich ja ständig. So können wir dort sein, wo wir am meisten gebraucht werden. Dann gibt es noch die Basis in Ixtepec im Süden. Die Klinik von  Ärzte ohne Grenzen  ist direkt an der Bahnlinie. Dort bieten wir medizinische Basisversorgung und psychologische Hilfe an.

Lesen Sie hier die Fortsetzung des Interviews mit Emilio Lucero über die vernachlässigte Krankheit Chagas und ein neues Projekt zur Behandlung von Gewaltopfern in Acapulco: Flucht durch Mexiko - Teil 2

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