Mein Freund auf der anderen Seite des Zauns

01.10.2014
Psychologin Ane Bjøru Fjeldsæter über ihren Patienten Patrick - er hat Ebola überlebt

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Das Ebola-Behandlungszentrum ELWA3 von Ärzte ohne Grenzen in der liberischen Hauptstadt Monrovia
Morgana Wingard
Monrovia, Liberia, 31.08.2014: Das Ebola-Behandlungszentrum ELWA3 von Ärzte ohne Grenzen in der liberischen Hauptstadt Monrovia - auf diesem Foto spricht unsere Mitarbeiterin Caitlin Ryan mit einer Patientin hinter dem Zaun.

Unsere Psychologin Ane Bjøru Fjeldsæter hat vier Wochen lang in unserer Ebola-Station in Monrovia gearbeitet. Sie ist vor kurzem zurückgekehrt und berichtet von ihrer Begegnung mit dem kleinen Patrick. Ihr Bericht macht die emotionale Seite ihrer Arbeit für die schwer erkrankten Patienten deutlich. Es gibt keine spezielle Therapie gegen Ebola, so dass medizinisch nur die Symptome behandelt werden können. Leider sterben sehr viele der Erkrankten. Ane Bjøru Fjeldsæter erzählt uns aber von einem Kind, das überlebt hat.

Liberia wird durch einen orangen Sicherheitszaun geteilt. Wir bauen den Zaun, um uns vor der Epidemie zu schützen. Wir bauen ihn, um uns (die Gesunden, die Privilegierten), von ihnen (den Kranken, den Bedürftigen) zu trennen. Wir bauen ihn, um uns weniger sterblich zu fühlen. Wir bauen ihn zur Seuchenprävention.

 

Patrick ist drinnen, ich bin draußen

 

Ich sehe ihn jeden Tag, wir lächeln und winken uns zu. Patrick ist noch ein Kind, aber er hängt mit Jungs ab, die fünf Mal so alt sind wie er. Als wollte er darüber hinwegtäuschen, dass er viel zu jung ist, um zu sterben. Sie spielen Schach und Poker, wenn sie die Kraft dazu haben und hören BBC Africa im Radio, das ich ihnen eines Tages in meinem Space-Invaders-Outfit gebracht habe (Anm.: Unsere MitarbeiterInnen schützen sich mit spezieller Schutzbekleidung und strikten Abläufen und Protokollen zur Infektionskontrolle) .

Patrick lächelt schüchtern und schief. Er hat eine Schramme am rechten Auge. Er hat gerade seine Mutter verloren, doch sein Vater ist bei ihm an diesem schrecklichen Ort.

Jeden Tag sage ich mir: Ane, verliere nicht dein Herz an dieses Kind, das nicht länger zu den Lebenden gehört. Er ist eine Woche hier, und dann wird er für immer gegangen sein. Wie willst du deinen Job machen, wenn er fort sein wird? Weißt du nicht, um was es hier geht? Dieses Ebola-Ding, wie sie im Radio sagen. Neunzig Prozent Sterberate. Menschen auf jener Seite des Zauns kommen nicht mehr auf diese Seite. Du weißt, es ist gefährlich, zu nahe heranzukommen.  (Anm.: Die Sterblichkeit lag am Anfang, nach der Eröffnung unseres Behandlungzentrums in Monrovia, bei 90 Prozent – die Menschen, die aufgenommen wurden, waren damals bereits schwer erkrankt. Inzwischen konnte sie dort durch die Behandlung der Symptome auf 60 Prozent gesenkt werden. Die Rate schwankt auch je nach Behandlungszentrum, in einigen Zentren ist sie noch besser als 60 Prozent. Das hängt davon ab, wie schwer erkrankt die Menschen zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung sind.)

Das alles sage ich mir Tag für Tag, doch ich will nicht hören. Es ist unmöglich, nicht nach diesem schiefen Lächeln zu suchen, wenn ich morgens zur Arbeit komme. Es ist unmöglich, nicht die kleinen Veränderungen in seinem Energiehaushalt zu sehen. Ich kann nicht widerstehen, ihm zuzuwinken oder sein Gesicht und seine medizinische Akte nach irgendeinem Zeichen abzusuchen: Irgendetwas, das mir Grund zu hoffen gibt, dass wir eines Tages zusammen Poker spielen werden, ohne die störende Schutzmaske, die Schutzbrille, die doppelten Handschuhe.

Dann kommt der schreckliche Morgen, auf den ich mich vorzubereiten versucht hatte. Der Tag, an dem Patrick nicht mehr winkt. Ich blicke durch den Zaun, und er liegt auf einer Matte im Schatten. Seine erwachsenen Freunde bewegen sich auf Zehenspitzen um ihn, sie wirken besorgt. Ich ziehe mich an. Ich befürchte das Schlimmste. Ich bahne mir meinen Weg über den Hof. Sein Vater berichtet mir, dass Patrick die ganze Nacht über Bauchschmerzen geklagt hat. Patrick hat ausgetrocknete Lippen, fiebrig glänzende Augen und keine Kraft. Als er mich sieht, versucht er zu lächeln.

 

Patrick, mein Freund, du siehst nicht so gut aus

 

“Patrick, mein Freund, du siehst nicht so gut aus. Es macht mir Angst, dich so zu sehen. Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?”

Er blickt auf, flüstert etwas und ich beuge mich näher, in meinem unförmigen Schutzanzug. Was hat er gesagt?

“Ich sagte, kannst du mir ein Fahrrad bringen?”

Oh Patrick, wo würdest du mit deinem Fahrrad fahren? Du hast deine Mutter geliebt und warst ihr nahe, als sie krank war. Jetzt bist du umgeben von orangenen Zäunen und du wirst niemals lernen, Fahrrad zu fahren. Glaubst du, das ist eine Magenverstimmung? Haben dir deine älteren Freunde nichts über Ebola erzählt? Oder haben sie die Lautstärke heruntergedreht, als BBC Africa dir sagte, dass du bald dein eigenes Blut ausscheiden wirst?

Ich gehe. Ich will nicht in meine Schutzbrille heulen. Ich hasse mich dafür, dass ich diesem Kind begegnet bin. Warum kann ich nicht einfach zu Hause bleiben?

Ich nehme mir den Rest des Tages frei. Ich entschließe mich, mir einen normalen Job zu suchen.

Am nächsten Morgen treibt mich irgendetwas zurück. Ich will für Patricks Vater da sein, egal was er durchmacht. Er sieht müde aus, doch er grinst, sobald er mich durch den Zaun sieht. Und, zusammengesunken in dem Stuhl neben ihm, schickt mir jemand sein schiefes, schüchternes Lächeln. Wir winken.

Ich sehe, dass Patrick nicht die Kraft hat, seinen Stuhl zu verlassen. Also ziehe ich meinen Schutzanzug an und gehe hinein. Obwohl er nur einen kleinen Teil meines Gesichts sieht, erkennt mich Patrick:

“Ich sehe meine Freundin. Aber mein Fahrrad sehe ich nicht!”

 

Patrick wurde vergangenen Sonntag entlassen

 

Ich kann ihm nicht sagen, dass ich nicht glaubte, er würde die Nacht überleben. Ich versuche, die richtigen Worte zu finden. Kann ich sagen, dass ich es vergessen habe? Patrick blickt mich fest an.

“Die Frau vergisst, aber der Mann vergisst nicht!”

Oh Patrick, wo lernst du nur solchen Unsinn? Hörst du solche Sprüche von deinem Gefolge? Versprich mir, dass du in Zukunft deine Zeit mit gleichaltrigen Kindern verbringen wirst!

Patrick wurde am vergangenen Sonntag entlassen, gemeinsam mit seinem Vater. Sie wirkten beide ausgezehrt. Ich kann nicht glauben, dass Patrick Ebola überwunden hat, noch bevor die Schramme an seinem rechten Auge verheilte. Er ist so abgemagert, dass er seine Hose mit einer Schnur zusammenbinden muss.

Aus diesem Lager entlassen zu werden, ist eine verwirrende Sache. Nachdem die Menschen wochenlang deine Nähe gemieden haben, wollen sie dich plötzlich umarmen und küssen. Das bringt jeden durcheinander, auch einen weltgewandten jungen Mann wie Patrick.

In den seltenen Fällen, in denen jemand gesundet, geben wir ihm ein Zertifikat, in dem wir bestätigen, dass er nicht mehr krank ist. Patrick Poopel, der hier neben mir steht, auf meiner Seite des Zauns, lächelt sein schüchternes Lächeln und kann nun Fahrrad fahren lernen.

Entgegen deiner Meinung, Patrick, ist das etwas, das die Frau niemals vergessen wird.