“Motorräder ohne Grenzen”: Hilfe für Menschen in Süd-Kivu

15.12.2014
Netzwerk an Motorradfahrern transportiert Kranke und unterstützt Hilfsaktivitäten
Ein Motorradfahrer von Ärzte ohne Grenzen auf der Fahrt von Minova nach Numbi in der Provinz Süd-Kivu.
(c) Pau Miranda/MSF
Numbi, Demokr. Republik Kongo, 04.10.2014: Ein Motorradfahrer von Ärzte ohne Grenzen auf der Fahrt von Minova nach Numbi in der Provinz Süd-Kivu.

Ein Netzwerk an Motorradfahrern unterstützt Ärzte ohne Grenzen dabei, Menschen in entlegenen Gebieten der Demokratischen Republik Kongo zu erreichen. Ob beim Transport von Kranken oder bei der Unterstützung von Impfkampagnen – die Biker scheuen keine Herausforderung.

Die Route von Minova nach Numbi im Osten der Demokratischen Republik Kongo wäre der Traum vieler Motocross-Fans: Eine mehr als zweistündige Tour mit Gefälle, rutschigen Passagen und zahlreichen Hürden. Sie stellt viele einheimische Biker auf die Probe, die den Anstrengungen mit der Ruhe und Gelassenheit jener begegnen, die täglich mit Herausforderungen konfrontiert sind. Als Beifahrer auf einem Motorrad kommt man hier kaum dazu, die wundervolle Landschaft zu bewundern – zu sehr ist man auf die akrobatischen Manöver konzentriert. Doch nachdem man eine Weile das unglaubliche Geschick der Fahrer erlebt hat, ist man als Reisender gewillt, wenn nötig überall hin zu fahren.

Doch für die tausenden Einwohner von Numbi und dem umliegenden Hochland hat all das nichts mit dem Fahrspaß oder der Landschaft zu tun: Es ist die einzige Route zum See Kivu und der nächstgelegenen Stadt Minova. Für einen Kranken oder eine Schwangere ist es auch die Strecke zum einzigen Krankenhaus in dieser Gegend. In einem solchen Fall ist die Fahrt mit einem Patienten auf dem Motorrad mehr als ein Abenteuer – es ist ein Kunststück. „Ich habe noch nie eine unbewältigbare Situation erlebt, du findest immer einen Weg… Doch manchmal muss man sich rasch bekreuzigen, bevor man beschleunigt“, erzählt Shabadé. Er ist einer der Motorradfahrer, die für Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Süd-Kivu arbeiten.

Gesundheitsversorgung für viele kaum erreichbar

Diese Biker ermöglichen den Zugang zu medizinischer Hilfe für zehntausende Menschen  – ob im Fall von Patiententransporten oder mit Erkundungsfahrten, bei denen sie die Bedürfnisse der Bevölkerung in entlegenen Gebieten erheben. Der mangelnde Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein massives Problem in der Demokratischen Republik Kongo: Im Land gibt es weniger als ein Krankenhaus pro 1.000 Einwohner und nur etwas mehr als einen Arzt pro 10.000 Menschen. Damit zählt die Republik im weltweiten Vergleich zu den Schlusslichtern. „Man ist einem großen Druck ausgesetzt – du musst schnell fahren, aber auch vorsichtig sein, wenn du jemanden bei dir hast, der in einer schwierigen Situation ist”, erklärt Akonkwa, ein Motorradfahrer von Ärzte ohne Grenzen in Numbi. In diesem Dorf wurden vergangenes Jahr bei einer Granatenexplosion ein Dutzend Menschen vor der Zentrale von Ärzte ohne Grenzen verletzt. Die Biker mussten sofort Verwundete nach Minova evakuieren, von denen einige schwer verletzt waren.

Geburt auf dem Weg ins Spital

Doch manchmal reicht auch das Können dieser Fahrer nicht aus, um das Gesundheitszentrum rechtzeitig zu erreichen. „Vor kurzem fuhren wir eine schwangere Frau ins Krankenhaus, doch die Geburt setzte bereits ein. Zum Glück hatte der Fahrer schon etwas Erfahrung und wir konnten ihr helfen, das Kind auf die Welt zu bringen. Alles ging gut“, erinnert sich Brimana, einer der neuesten Mitglieder der Motorad-Truppe in Numbi. Strecken wie die von Numbi nach Minova sind für Autos nur im Ausnahmefall passierbar; bei Regen gar nicht. Daher hat Ärzte ohne Grenzen das bestehende Netzwerk an Motorradfahrern mit einigen Jungen aus der Region erweitert. Die meisten davon verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Teil des landesweiten Netzwerks an „Mototaxis“ – so wie Shabadé oder Brimana, die ursprünglich aus einem Dorf nahe Minova stammen. „Vor sechs Monaten wurde ich von Ärzte ohne Grenzen angeheuert, um einen Notfall-Patienten zu transportieren. Offensichtlich machte ich meine Sache gut, und sie boten mir einen fixen Job an. Ich bestand einen Aufnahmetest und hier bin ich nun“, erklärt der 22-jährige Brimana. Er verdient nun mehr als zuvor. „Früher musste ich Miete für das Motorrad zahlen, das ich als Mototaxi verwendete.“ Damit macht er deutlich, welche persönliche Veränderung die neue Arbeit für ihn gebracht hat. „Ich habe das Gefühl, dass ich mich weiterentwickle. In diesem Job lernst du als Mensch so viel Neues und er bietet dir ein besseres Verständnis der Gesellschaft, in der du lebst.“

Die Herausforderungen auf der Straße sind nicht die einzigen, denen die „Motorräder ohne Grenzen“ begegnen. Wie viele andere Zivilisten und Zivilistinnen sind sie mit dem gewaltsamen Konflikt konfrontiert, der viele Teile des Landes seit mehr als zwei Jahrzehnten belastet. „Einmal waren wir auf einer Erkundungstour im Süden der Provinz unterwegs, als uns Männer einer Miliz aufhielten. Die Situation eskalierte und wir mussten fliehen, als sie begannen, in die Luft zu schießen“, erinnert sich Pascal, einer der Motorradfahrer des Notfall-Teams von Ärzte ohne Grenzen in Bukavu im Süden von Minova.

Motorrad oft einziges Transportmittel

Die Motorräder sind ein essentieller Bestandteil vieler Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in der Region – wie auch der regelmäßigen Impfkampagnen. Dabei sind zwei Räder die einzige Möglichkeit, Kühlboxen mit Impfstoffen bis tief in den Dschungel zu transportieren. „Ein Motorrad transportiert manchmal bis zu 150kg – eine ganz schöne Menge“, erklärt Pascal. Dank ihnen konnten bereits mehrere Impfkampagnen in der Region durchgeführt und hunderttausende Kinder gegen Krankheiten wie Masern geimpft werden, die in der Demokratischen Republik Kongo noch immer tödlich enden können.

Wer nach der abenteuerlichen Fahrt auf dem Motorrad mit einem etwas malträtierten Rücken schlussendlich Numbi erreicht, bekommt auch eine Weiterfahrt nach Shanje angeboten. Das bedeutet eine weitere Stunde Fahrzeit auf einem steinigen, schlammigen Weg. Doch das ist kein Problem mehr – denn mit diesen Fahrern fährt man, wenn nötig, überall hin.