Pakistan

Pakistan: Geburtshilfe vor und nach der Flut

Seit März 2010 betreibt Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Dera Murad Jamali in der pakistanischen Provinz Belutschistan eine Geburtsklinik. Während in den ländlichen Gebieten im südlichen Pakistan bereits vor den Überschwemmungen ein kritischer Mangel an Gesundheitsversorgung für werdende Mütter herrschte, hat sich die Situation durch die Flutkatastrophe weiter verschärft.

Gulatuns Geburtstermin ist in zwei Monaten, doch die Plazenta blockiert ihre Gebärmutter. Das bedeutet, dass sie einen Kaiserschnitt benötigt. “Als die Blutungen begannen und einige Tage dauerten, bekam ich Angst um mein Baby. Jemand im Lager empfahl mir, ins Krankenhaus zu gehen. Ich hoffe, dass es meinem Baby gut geht”, sagt Gulatun.

Gulatun lebt seit den schweren Überschwemmungen, die seit August große Zerstörung in weiten Teilen Pakistans verursacht haben, in einem improvisierten Lager außerhalb der Stadt Dera Murad Jamali. Sie zählt zu jenen Millionen Menschen, die durch die verheerenden Fluten ihr Zuhause verloren haben.

Haseena, ihre Bettnachbarin im Mutter und Kind-Krankenhaus in Dera Murad Jamali, ist zum neunten Mal schwanger. Nur vier ihrer Kinder haben überlebt, und im letzten Monat ihrer jüngsten Schwangerschaft erlitt sie einen Gebärmuttervorfall. Haseena betet für das Überleben ihres ungeborenen Kindes. “Ich hoffe, mein Baby kommt gesund zur Welt”, sagt sie.

Haseena und Gulatun sind zwei von Hunderten Frauen, die wegen zu erwartenden Komplikationen bei der Geburt im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Dera Murad Jamali stationär aufgenommen wurden. Das Krankenhaus wurde im März 2010 eröffnet und bietet kostenlose Geburtshilfe und neonatale, antenatale und postnatale Versorgung.

“Vor den Fluten – zum Beispiel im Juni – hatten wir 13 Fälle komplizierter Geburten und haben vier Kaiserschnitte durchgeführt. Jetzt im September, nach den Fluten, hatten wir 79 komplizierte Geburten und zehn Kaiserschnitte”, erklärt Dr. Linnea Ekdahl, Expertin für Geburtshilfe, am Beginn ihrer morgendlichen Visite in der Geburtsklinik.

Bereits vor den Überschwemmungen herrschte in den ländlichen Regionen im Süden Pakistans ein kritischer Mangel an Gesundheitsversorgung für werdende Mütter. Üblicherweise bringen Frauen ihre Kinder hier zu Hause unter mangelhaften hygienischen Bedingungen mit Hilfe einer privaten Hebamme zur Welt. Als Folge dessen sind Neugeborene einem höheren Risiko tödlicher Infektionen ausgesetzt – und das Risiko hat sich durch die Flut noch weiter erhöht. Gleichzeitig bedeutet der Mangel an Wissen und der mangelnde Zugang zu medizinischer Hilfe während der Schwangerschaft auch für die Mütter ein viel höheres Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden oder bei der Geburt zu sterben.

“Ich spürte einen Schmerz und hatte während der letzten fünf Monate meiner Schwangerschaft Fieber, doch ich dachte, das sei normal, und ging niemals zum Arzt”, sagt Jamila, die vor kurzem einen Buben zur Welt brachte. Es stellte sich heraus, dass die Schmerzen und das Fieber Symptome einer zerebralen Malaria waren. Seit dem erhält sie im Krankenhaus eine entsprechende Behandlung.

Gefahr durch unbedachten Einsatz des Hormons Oxytocin

“Ich hatte solche Angst um Jamila. Am Anfang dachte ich, sie und ihr Baby würden nicht überleben”, erzählt Dr. Ekdahl. Aber noch etwas anderes beunruhigt sie: In Pakistan ist die Abgabe eines Hormons namens Oxytocin während der Geburt weit verbreitet. Oxytocin ist ein natürliches Hormon, das während des Geburtsvorgangs ausgeschüttet wird. Bei Abgabe der richtigen Dosis zum richtigen Zeitpunkt kann synthetisches Oxytocin dann helfen, wenn sich der natürliche Geburtsprozess verzögert. Eine unnotwendige Abgabe von Oxytocin, oder eine Verabreichung zum falschen Zeitpunkt oder in falscher Dosis, kann nicht nur für das Baby gefährlich sein, sondern auch zu einem Zerreißen der Gebärmutter führen, was oftmals den Tod der Mutter oder des Babys zur Folge hat.

“Leider herrscht in Pakistan die Meinung vor, dass eine gute Geburt vor allem schnell sein muss. Deshalb verabreichen die Ärzte oftmals eine große Menge Oxytocin - manchmal acht Mal soviel wie erlaubt wäre - was die Entbindungen komplizierter und gefährlicher macht. Das ist das größte Problem, mit dem wir hier konfrontiert sind“, erklärt Dr. Ekdahl. „Noch mehr Sorgen bereiten uns jene Fälle, in denen die Person, die die Entbindung durchführt, bereits erkennt, dass die Situation kritisch geworden ist, sich jedoch weigert, die Mutter ins Krankenhaus zu bringen, damit sie das Geburtsgeld kassieren kann“, berichtet sie weiter.

Nach der Geburt auf der Entbindungsstation von Ärzte ohne Grenzen werden Babys, bei deren Geburt es Komplikationen gab, in eine Säuglingsstation gebracht, wo sie rund um die Uhr betreut werden. Die meisten dieser Babys werden aufgrund einer Frühgeburt,  Atemlähmung bei der Geburt, Tetanus oder Gelbsucht behandelt. Auf der Säuglingsstation werden auch Kinder aufgenommen, die anderswo geboren wurden, aber intensivmedizinische Behandlung brauchen.

Linnea Ekdahl lächelt, als sie erzählt, dass Haseena zwei Tage nach ihrer Aufnahme in der Krankenstation per Kaiserschnitt einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Auch Jamila erholt sich von der Malaria-Attacke - ihr und ihrem Baby geht es wieder gut. Ärzte ohne Grenzen leistet in Pakistan seit 1988 medizinische Hilfe für afghanische Flüchtlinge und die lokale Bevölkerung in den Provinzen KPK, FATA, Belutschistan, Sindh, Punjab und Kaschmir, die mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung haben und unter den Folgen von bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen leiden.   Seit der Eröffnung des Geburtshilfe- und Neugeborenenprogramms in Dera Murad Jamali im März 2010 hat Ärzte ohne Grenzen hier 339 Entbindungen durchgeführt, davon 41 mit Kaiserschnitt. Der Großteil dieser Frauen wäre ohne die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen gestorben. Außerdem wurden 247 Neugeborene auf der Säuglingsstation aufgenommen.Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Arbeit in Pakistan keine öffentlichen Gelder an und finanziert die Hilfsprogramme einzig aus privaten Spenden.

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