Kenia

Sexuelle Gewalt: Das Schweigen brechen

Catherine Bikeri ist seit 2011 als Koordination für Gesundheitsaufklärung von Ärzte ohne Grenzen im „Projekt Mathare“ im gleichnamigen Slum in Nairobi, Kenia, tätig. Catherine Bikeri informiert die Bevölkerung über die Leistungen der Klinik „Lavender Haus“ von Ärzte ohne Grenzen, wo pro Monat rund 200 Überlebende sexueller Gewalt behandelt werden. Die Klinik ist die einzige im Osten Nairobis, die 24 Stunden geöffnet hat. Um das Bewusstsein für das medizinische Angebot aber auch zur Prävention von sexueller Gewalt zu schaffen, arbeitet ein neunköpfiges Team rund um Catherine Bikeri eng mit den Bewohnern und Bewohnerinnen des Slums zusammen. Im Interview mit dem Magazin Diagnose (01/2017) erzählt Cathy mehr über das Projekt und die Herausforderungen:

Was zeichnet das „Projekt Mathare“ aus?

Wir haben die Gesundheitsaufklärung 2010 begonnen. Für Themen wie sexuelle Gewalt muss die Bevölkerung involviert werden. Wir müssen die Menschen rund um die Klinik einbeziehen. Es war notwendig, ein Bewusstsein für unsere Themen zu schaffen und eine Beziehung mit der Gemeinschaft, der wir dienen, aufzubauen.

Warum ist dies gerade in der Arbeit mit Überlebenden von sexueller Gewalt wichtig?

Cathy BikeriSexuelle Gewalt geht tiefer als man gemeinhin meinen würde. Sie geht über die Betroffenen, die die in eine Klinik kommen, weit hinaus. Um Patientinnen und Patienten überhaupt dazu zu bringen, eine medizinische Einrichtung aufzusuchen, muss das Thema enttabuisiert werden: Das Schweigen muss gebrochen werden. Sie müssen auf das Service hingewiesen werden und dabei kann man nicht unbedingt ein großes Schild an die Klinik hängen. Das wäre nicht genug. Es ist wichtig mit den Menschen zu sprechen. Darauf hinzuweisen was sexuelle Gewalt überhaupt ist und welche medizinische Hilfe angeboten wird.

Hat es funktioniert: Wird das Angebot in Mathare in Anspruch genommen?

Ich beobachte eine positive Entwicklung. Das lässt sich sicherlich darauf zurückführen, dass die Menschen in der Umgebung unser Angebot jetzt gut kennen. Sie wissen dass wir 24 Stunden für sie da sind. Und sie nehmen unsere Hilfe in Anspruch. Neben den steigenden Zahlen haben wir aber auch bemerkt, dass die Menschen immer früher reagieren. 80 Prozent der Überlebenden kommen innerhalb von 72 Stunden, was sehr gut ist. Es ist wichtig, zeitnah medizinisch versorgt zu werden. Zunehmend kommen die Menschen aber auch zu uns, wenn sie einfach über sexuelle Gewalt sprechen und wissen möchten, wie sie verhindert werden kann. Hier klären wir auch über Mythen auf.

Was ist einer der großen Mythen rund um sexuelle Gewalt?

Der gängigste Mythos ist immer noch, welches Geschlecht am meisten betroffen ist. Viele denken, dass die meisten Überlebenden Frauen sind - und das stimmt ja auch. Aber es ist nicht nur ein „Frauenthema“. Das ist also etwas, wo wir ansetzen und in Schulen zum Beispiel mit den Buben und jungen Männern arbeiten. Das ist für die Präventionsarbeit sehr wichtig.

Ein anderer Mythos ist, dass die Täter sind Fremde. Auch hier klären wir auf und vermitteln, dass die Täter oft die eigenen Väter, Onkel, Nachbarn sind.

Wie erreichen Sie die Menschen?

Jeden Morgen treffen mein Team und ich uns und gehen zum Beispiel in die umliegenden Kliniken. Wir nutzen die Wartezeit der Patienten und Patientinnen für Gesundheitsaufklärung. Wir haben auch andere Aktivitäten wie Aktionstage mit kleinen Theateraufführungen, Puppentheater- und Roadshows und gehen an die Arbeitsplätze von Menschen oder in Schulen und Kirchen, um sie über sexuelle Gewalt aufzuklären. 

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