Syrien

Syrien: Hebt die humanitäre Blockade auf!

Kommentar zur Blockade internationaler Hilfe in Syrien von Dr. Mégo Terzian, Präsident von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in Frankreich, und  Dr. Jean-Hervé Bradol, Koordinator der Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen in Syrien

Die diplomatischen Diskussionen über Syrien drehen sich in erster Linie um den Einsatz chemischer Waffen in Al Ghouta im Osten von Damaskus. Während diskutiert wird, sind die Bewohner dieser Gegend weiterhin Opfer von täglichen Bombardierungen; und von einer Blockade, die sie von dringend benötigten Lebensmitteln und Medikamenten abschneidet. Doch humanitäre Hilfe steht nicht auf der Agenda der internationalen Verhandlungen.

Es gibt einen auffälligen Kontrast in der Syrienkrise: Zwischen den intensiven diplomatischen Aktivitäten, und dem Fehlen von Initiativen um die Nothilfe für das syrische Volk aufzustocken. Der Gebrauch von Massenvernichtungswaffen wurde weltweit und quer durch das politische Spektrum verurteilt. Doch der Tod von Zehntausenden Zivilisten durch andere Ursachen und die Weigerung, lebensrettende humanitäre Hilfe für Millionen Menschen zuzulassen, scheint auf stille Zustimmung zu stoßen.

In den vergangenen zwei Jahren ist der Großteil der internationalen humanitären Hilfe – der von den Vereinten Nationen (UN) und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geleistet wird – über Damaskus nach Syrien geflossen und wurde nach den Launen der Regierung verteilt. Dieselbe Regierung verbietet es, Menschen medizinische Nothilfe zukommen zu lassen, die in den von der Opposition kontrollierten Gebieten leben. In Gebieten, die intensiv bombardiert werden. Dabei werden medizinische Einrichtungen ebenso gezielt angegriffen wie alle Menschen, die der Bevölkerung helfen wollen, seien es Bäcker oder Mediziner. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Feldspital in al-Bab in Nordsyrien von der syrischen Luftwaffe bombardiert; neun Patienten und zwei medizinische Helfer starben.

Aber auch manche Mitglieder der bewaffneten Opposition sind in kriminelle Handlungen verwickelt: Gegen Syrer, Helfer, Journalisten und Kriegsgefangene. Auch wenn andere Oppositionsvertreter es nicht wahrhaben wollen, gibt es diesen Missbrauch. Er verhindert die Hilfe dort, wo sie dringend benötigt wird. Deshalb müssen alle bewaffneten Gruppen sich dazu bekennen, die Sicherheit für Zivilisten, Journalisten und humanitäre Helfer zu verbessern.

Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières - MSF) ruft Staaten und internationale Organisationen dazu auf, humanitäre Hilfe für das syrische Volk jetzt zu einer Priorität zu machen. Als erster Schritt muss die humanitäre Blockade gegen Syrer, die in von der Opposition kontrollierten Gebieten leben, aufgehoben werden. Zuallererst in den östlichen Vororten von Damaskus, deren Bewohner mit chemischen Waffen angegriffen wurden und die immer noch Opfer von Bombenangriffen sind. Es müssen alle diplomatischen Mittel eingesetzt werden, damit UN-Agenturen, das IKRK und Nichtregierungsorganisationen in der Lage sind, dem syrischen Volk Nothilfe zu leisten, sei es von Damaskus oder von Nachbarländern aus. Auch müssen die Alliierten auf beiden Seiten des Konflikts Druck auf ihre jeweiligen Partner ausüben, damit diese die Sicherheit von Zivilisten, Journalisten und humanitären Helfern gewährleisten.

Als humanitäre Helfer ist es nicht unsere Aufgabe, eine Position zu einer möglichen Vergeltung für den Einsatz chemischer Waffen oder einer bewaffneten Intervention zu beziehen. Es ist aber sehr wohl unsere Pflicht auf die humanitäre Situation aufmerksam zu machen – vor allem wenn die Hilfe derart eindeutig nicht jene Menschen erreicht, die sie am dringendsten benötigen.

Dr. Mégo Terzian, Präsident von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in Frankreich

Dr. Jean-Hervé Bradol, Koordinator der Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen in Syrien

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