Zentralafrikanische Republik

„Trotz aller Risiken fühlen wir uns noch immer verpflichtet, hier zu arbeiten“

Sechs Monate sind seit dem bewaffneten Raubüberfall auf das Ärzte ohne Grenzen-Krankenhaus in Boguila, im Norden der Zentralafrikanischen Republik, vergangen. Bei der Tragödie im April 2014 waren sechzehn Zivilisten und drei lokale Mitarbeiter getötet worden. Die Situation in dem Land ist seit dem Machtwechsel von 2013 generell instabil und mit Gewalt und Vertreibungen verbunden, weshalb die Menschen dort dringend humanitäre Hilfe benötigen. Aufgrund des Vorfalls traf Ärzte ohne Grenzen die schwere Entscheidung, die Aktivitäten in der Region auf das Nötigste zu reduzieren. Ein kleines Team arbeitet weiterhin in Boguila. Im Interview beschreibt unser Projektkoordinator Roelant Zwaanswijk den dringenden Bedarf und die Risiken der Hilfe.

Wie hat sich die Arbeit im Krankenhaus infolge der Angriffe verändert?

Das Krankenhaus in Boguila funktioniert nicht länger als Krankenhaus. Es hat eher den Charakter eines erweiterten Gesundheitszentrums. Früher hatte es 140 Betten. Die stationäre Abteilung ist geschlossen. Immerhin hat die Ambulanz sechs Betten, in denen Patienten stabilisiert werden, bevor sie mit dem Motorrad zu einem Krankenhaus in einer sichereren Gegend überführt werden. Wir haben die Personalstärke halbiert auf etwa 70, alle kommen aus dieser Gegend. Sobald es Drohungen oder Gerüchte über einen Angriff gibt, verstecken sich die Mitarbeiter in der Wildnis. Trotz aller Risiken fühlen wir uns noch immer verpflichtet, hier zu arbeiten. Aber die Sicherheitssituation hat sich nicht verändert. Ich hatte erwartet, die bewaffneten Gruppen würden während der Regenzeit weniger aktiv sein, doch im September und Oktober wurden noch immer Dörfer angegriffen, darunter Boguila. Wieder plünderten die Angreifer, was sie kriegen konnten und töteten unschuldige Menschen. Bewaffnete kamen zum Krankenhaus, doch alle unsere zentralafrikanischen Mitarbeiter konnten rechtzeitig fliehen. Internationale Mitarbeiter waren nicht anwesend und nichts wurde aus dem Krankenhaus entwendet.

Wie gehen die Menschen vor Ort damit um?

Die Menschen leben in ständiger Angst, angegriffen zu werden. Sie versuchen, ihre Häuser wieder aufzubauen und auf den Feldern zu arbeiten. Doch sobald eine Art Stabilität hergestellt ist, werden sie erneut angegriffen.

Wie wirkt sich das auf die medizinischen Bedürfnisse der Menschen aus?

Malaria ist das Hauptproblem, doch auch Atemwegs- und Durchfallerkrankungen sind verbreitet. Die Menschen fliehen aus ihren Unterkünften und leben über längere Phasen in der Natur, was Auswirkungen auf ihre Gesundheit hat. Häufig können sie bei der Flucht ihre Moskitonetze nicht mitnehmen. Ein anderes großes Problem ist die Mangelernährung; die Menschen können nicht auf den Feldern arbeiten, und der Transport von Nahrungsmitteln ist eingestellt. Also sind sie abhängig von dem, was sie draußen finden. Wir erleben Kinder, die schwer mangelernährt sind, weil ihre Mütter nicht in der Lage waren, sie zu einem Gesundheitszentrum zu bringen. Viele Frauen haben Angst, die Zentren in den Dörfern aufzusuchen und Schwangere bringen ihre Kinder in der Wildnis zur Welt.

Wie kann man diese Menschen medizinisch versorgen?

Um denjenigen zu helfen, die im Busch oder in Dörfern ohne Gesundheitszentren leben, üben wir mit einigen Mitgliedern dieser Gemeinschaften, Malaria selbständig zu diagnostizieren und zu behandeln. Einer hat dann einen Rucksack voller Schnelltests und Medikamente – so wird das gemacht. Wir unterstützen auch vier dörfliche Gesundheitszentren und wir impfen Kinder, in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium. Zudem leisten wir medizinische Basishilfe im Krankenhaus, wie die Versorgung von Schwangeren und Müttern sowie die Behandlung von Tuberkulose und HIV.

Wie kommt das Team damit klar, unter so schwierigen Bedingungen zu arbeiten?

Wir waren schockiert nach der Tötung unserer leitenden Krankenschwester, unserer Wachen und weiterer 16 Personen, die damals im Krankenhaus waren, um die Probleme zu diskutieren, die ihre Gemeinden mit Blick auf die Gesundheitsversorgung haben. Doch hinterher erlebten unsere zentralafrikanischen Mitarbeiter deutlich, dass die Menschen vor Ort doppelt gelitten hätten, wenn Ärzte ohne Grenzen Boguila nach dem Angriff verlassen hätte. Viele unserer Mitarbeiter entschieden, zum Wohle ihrer Gemeinden weiter zu arbeiten - andere entschieden, ihre Arbeit einzustellen. Wir haben unsere Herangehensweise verändert: Wir unterstützen Gesundheitszentren und Krankenhaus durch internationale Mitarbeiter aus der Ferne und machen im kleinen Team verdeckte unangekündigte Blitzbesuche. Wir würden gerne mehr tun, doch je mehr wir uns bewegen, desto mehr laufen wir Gefahr, in problematische Sicherheitssituationen zu geraten.

Was sind jetzt die wesentlichen Herausforderungen für Ärzte ohne Grenzen in Boguila?

Die erste Herausforderung ist es, nicht zu verzweifeln, wenn wir trotz hoher Nachfrage nicht alles geben können. In den vergangenen drei Monaten haben wir rund 15.000 Konsultationen monatlich geschafft. Doch wenn es Sicherheitsprobleme gibt, bricht diese Leistung ein. Eine der größten Herausforderungen ist es, in solch einem unsicheren Umfeld auch weiterhin mit den bewaffneten Gruppen in Diskussion zu bleiben, um sicherzustellen, dass sie unsere Arbeit verstehen. Wie an vielen anderen Orten auf der ganzen Welt, spricht Ärzte ohne Grenzen mit allen Seiten, ob bewaffnet oder nicht, um Zugang zur Zivilbevölkerung zu verhandeln

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik. Wir haben unsere medizinische Unterstützung seit 2013 verdoppelt und die Anzahl unserer Projekte erhöht, um auf die aktuelle Krise reagieren zu können.

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