10.11.2021

Die Lage in Afghanistan ist nach wie vor schwierig. Das Gesundheitssystem leidet unter Engpässen an Versorgungsgütern, Personal und Medikamenten. Organisationen, die die medizinische Versorgung sicherstellen wollen, können keine Gehälter zahlen, weil sie Schwierigkeiten haben, Geld ins Land zu bringen.  

Die Aussetzung wichtiger internationaler Finanzmittel schwächt das Gesundheitssystem noch weiter.  

Gleichzeitig bewegt sich das Land – wegen der Sanktionen gegen die neue Regierung – auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu. Das Bankensystem ist lahmgelegt, Gehälter können nicht gezahlt werden, die Lebensmittelpreise steigen und die Menschen können nicht auf ihre Ersparnisse zugreifen.  

COVID-19 treatment facility in Herat
Sandra Calligaro
Viele Afghan:innen wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Trotz der zugesagten Unterstützung für Afghanistan sind seit der Machtübernahme der Taliban noch keine Finanzmittel in das Land geflossen. 

In Herat, im Westen des Landes, sehen wir eine besorgniserregende Zunahme der Mangelernährung, berichtet Mamman Mustapha, ehemaliger Projektkoordinator in der Provinz. 

Mehr erzählt er hier im Interview: 

Wie hat sich die Gesundheitssituation in Herat in den letzten Monaten seit der Machtübernahme der Taliban entwickelt?

Das Gesundheitssystem droht im ganzen Land zusammenzubrechen. Der Bedarf an Versorgung ist aber ist riesig. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung war schon vor der Machtübernahme durch die Taliban ein großes Problem in Afghanistan, nun hat sich die Situation noch weiter verschlechtert. Der Großteil der internationalen Hilfsmaßnahmen wurde eingestellt, einschließlich der Finanzierung der WHO-Programme für die Grundversorgung in der Provinz Herat durch die Weltbank.  

Kurz gesagt, der Bedarf ist riesig, aber das System versagt.

Die Gesundheitseinrichtungen in der Region sind entweder geschlossen oder mit den verbleibenden Mitteln auf ein Minimum an Leistungen reduziert. Wir wissen nicht, wie es mit diesen Einrichtungen weitergehen wird. Die Menschen sind arbeitslos und arm, sie können sich keine private Behandlung leisten. Einige der humanitären Organisationen, die zuvor in der Region tätig waren, haben ihre Tätigkeit noch nicht wieder vollständig aufgenommen. 

Das Krankenhaus von Herat, in dem wir eine Station für therapeutische Ernährung betreiben, hat einige seiner wichtigsten Mitarbeiter:innen verloren. Zum Beispiel den Direktor und einige der ranghöchsten medizinischen Mitarbeiter:innen, die das Land kurz vor dem Fall der Stadt durch die Taliban verlassen haben.  

In anderen Stationen wurden die Gehälter seit fünf Monaten nicht mehr gezahlt. Es gibt nicht genügend medizinisches Material und kein Geld für Instandhaltung der Stationen. Gleichzeitig sind die Krankenstationen voll mit Patient:innen. Kurz gesagt, der Bedarf ist riesig, aber das System versagt. 

Viele, auch die Vereinten Nationen, haben darauf hingewiesen, dass Mangelernährung derzeit ein großes Problem im Land darstellt. Was stellen wir in unserem Ernährungsprogramm fest?

Unsere Indikatoren zeigen, dass Mangelernährung tatsächlich ein großes Problem ist. Wir steuern auf eine Krise zu, die schon lange vor den jüngsten Ereignissen begonnen hat.  

Zwischen Mai und September 2021 haben wir im Vergleich zu denselben Monaten im Jahr 2020 einen 40-prozentigen Anstieg der Zahl an Patient:innen in unserem Ernährungsprogramm festgestellt.  

Fotos aus der Station für therapeutische Ernährung

Wir erwarteten eine Verbesserung im September, aber die Fallzahlen stiegen weiter. Die Situation sogar noch verschlimmert. Unsere Station ist mit mehr als 60 Neuaufnahmen pro Woche und einer mehr als doppelt so hohen Zahl an stationären Patient:innen ausgelastet - nun haben wir die Bettenzahl erhöht.  

Einige Patient:innen und ihre Familien kommen sogar aus den weit über hundert Kilometer entfernten Provinzen Badghis, Ghor und Farah. 

Für die Zunahme der Mangelernährungsfälle in der Region gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe: Ein Mangel an funktionierenden Gesundheitseinrichtungen, die Wirtschaftskrise, die Schließung von Banken sowie eine Dürre, die voraussichtlich bis 2021 anhalten wird. 

Die jüngsten Anschläge in Kundus und Kandahar haben uns auf schockierende Weise daran erinnert, dass nach wie vor große Unsicherheit in Afghanistan herrscht. Sind unsere Teams sicher?

In erster Linie bemühen wir uns, die Bevölkerung wissen zu lassen, dass wir da sind, um medizinische Hilfe zu leisten und nicht, um in einem Konflikt Partei zu ergreifen. Unsere wichtigsten Trümpfe sind unsere Unparteilichkeit und die Qualität der medizinischen Versorgung unter Berücksichtigung der lokalen und kulturellen Gegebenheiten. 

Die Anschläge in Kundus und Kandahar waren in der Tat schockierend.  

Wir beobachten die derzeitige Situation genauestens und versuchen, das Risiko, in einen Anschlag verwickelt zu werden, zu minimieren. Dennoch wissen wir, dass es de facto keine Möglichkeit gibt, das Risiko eines Anschlags völlig auszuschalten. 

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