Guinea

“Für manche ist Ebola nahezu etwas Übernatürliches”

Eine Ebola-Epidemie wütet aktuell in Guinea, Liberia und Sierra Leone in bislang unbekanntem Ausmaß. Seit März dieses Jahres hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 250 bestätigte PatientInnen behandelt.Die Ärztin Dr. Hilde de Clerck und der Epidemiologe Dr. Michel Van Herp von Ärzte ohne Grenzen haben beide große Erfahrung mit Ausbrüchen des hämorrhagischen Fiebers. Sie haben bereits bei sechs Ebola-Ausbrüchen mitgeholfen – in der Demokratischen Republik Kongo, in Uganda und nun in Guinea. In diesem Interview sprechen sie über den aktuellen Ausbruch und die Herausforderungen, denen die Teams von Ärzte ohne Grenzen gegenüberstehen.

Wir sehen aktuell einen Wiederanstieg bei den Erkrankungen durch das Ebola-Virus in Westafrika, insbesondere in Guinea. Wie ist die aktuelle Lage

Hilde de Clerck: Noch vor ein paar Wochen gab es lediglich zwei Dörfer in Guinea, wo Ärzte ohne Grenzen noch Kontaktpersonen überwachen musste – Personen, die nachweislich mit Ebola-Patienten in Kontakt waren. Deshalb waren wir zuversichtlich, dass wir bald das Ende des Ausbruches erreichen würden.Doch plötzlich bekamen wir Anrufe von drei verschiedenen Orten in Guinea. Innerhalb von fünf Minuten drehte sich alles um 180 Grad. Es stellte sich heraus, dass mehrere Fälle auch in Dörfern im benachbarten Sierra Leone auftraten, die nahe an der Grenze zu Guinea liegen. Für die Menschen hier existiert die Grenze nicht in der Art, wie sich viele eine Grenze vorstellen würden. Hier ist die Grenze sehr durchlässig, und die Leute reisen regelmäßig hin und her. Sie haben Familie auf beiden Seiten und fahren zum Beispiel häufig zu Märkten oder Beerdigungen.

Zusätzlich zu den Hinweisen aus diesen Dörfern in Sierra Leone gab es auch neue Verdachtsfälle innerhalb von Guinea – in Télimélé, einer bergigen Region 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Conakry und ebenfalls in der Hauptstadt selbst.

All diese neuen Verdachtsfälle bedeuteten, dass unsere Teams allein in Guéckédou, einer der am stärksten betroffenen Regionen im Südosten Guineas, anstelle von zwei Dörfern, die wir dort überwachten, nun 40 Dörfern monitoren mussten mit mehr als 500 Ebola-Kontaktpersonen. Wenn man epidemiologische Analysen macht, die sich auf die Erfassung von Kontaktpersonen stützen, dann kann man gut prognostizieren, wo weitere Fälle auftreten dürften. Es gibt viele betroffene Dörfer. Dies ist jetzt der größte Ausbruch, dem wir je gegenüberstanden – im Bezug auf seine Dauer und auf die Anzahl der Fälle.

Warum ist dieser Ausbruch so schwer zu kontrollieren?

Michel Van Herp: Fehlendes Wissen der Bevölkerung über Ebola, die hohe Mobilität der Menschen in der Region und die weite geografische Verteilung der Fälle – alles zusammen genommen macht es schwer, den Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen.

Es ist das erste Mal, dass Guinea, Sierra Leone und Liberia mit dem Ebola-Virus zu tun haben. Die Menschen haben Angst und tun sich schwer, zu glauben, dass die Krankheit wirklich existiert. Manche DorfbewohnerInnen in der Nähe von Guéckédou (Guinea) haben Ärzte ohne Grenze n sogar beschuldigt, das Virus in ihre Region eingeschleppt zu haben. Ein DorfbewohnerInnen sagte zu uns: Unsere Vorfahren haben nie über diese Krankheit berichtet. Warum sollte sich das heute ändern?

Die Gemeinden hier sind nicht vertraut mit der Krankheit. Wir arbeiten deshalb auch mit AnthropologInnen bei unserer Epidemie-Bekämpfung zusammen. Die AnthropologInnen helfen uns, die Bevölkerung besser zu verstehen und unsere Beziehungen zu PatientInnen und Gemeinden zu unterstützen.

Bei einer Sterblichkeitsrate von bis zu 90 Prozent denken die Leute sofort an Tod, wenn sie von Ebola hören. Das erzeugt enorme Angst, und für manche Menschen hier ist Ebola nahezu etwas Übernatürliches. Sie sind davon überzeugt, dass wenn man ‚Ebola' laut ausspricht, es dann auch auftritt. Und auch das Gegenteil wird geglaubt: Wenn man nicht an die Existenz von Ebola glaubt, kann es einen nicht treffen. Diese Angst und dieser Aberglaube sind verständlich, wenn man zum Beispiel daran denkt, wie manchmal Krebspatienten in westlichen Ländern mit der Krankheit umgehen. Zum Beispiel gibt es Krebspatienten, die ihre Diagnose nicht anerkennen, um die Konsequenzen der Diagnose ignorieren zu können.

Die hohe Mobilität der Bevölkerung ist ein weiterer erschwerender Faktor bei der Verbreitung der Krankheit. Die Menschen in dieser Region Westafrikas sind mobiler als in Gegenden von früheren Ebola-Ausbrüchen, bei denen Ärzte ohne Grenzen im Einsatz war, in Uganda oder der Demokratischen Republik Kongo. Ein Patient, den wir behandelten, war in einer Woche durch fünf Dörfer gereist, bevor er in unser Behandlungszentrum kam. Das heißt, dass er Menschen in jedem dieser Dörfer, durch die er gereist ist, angesteckt haben könnte.

Viele in der Bevölkerung misstrauen den Ärzten. Wie sehr erschwert das die Bemühungen, die Ausbreitung von Ebola einzudämmen?

Hilde de Clerck: In Macenta in Guinea sind 15 Mitglieder einer Familie an Ebola gestorben. Allerdings ist es uns gelungen, das Familienoberhaupt und seine Frau zu retten. Deshalb sind wir davon ausgegangen, dass der Rest der Familie sich anschließend schnell an unsere Ärzte und Ärztinnen wenden würde, sollte es bei weiteren von ihnen Symptome der Krankheit geben. Nur wenige Tage später erkrankte ein kleiner Junge innerhalb dieser Familie. Seine Tante floh mit ihm in ein Nachbardorf, wo er kurze Zeit später starb. Es reicht eben nicht, einzelne Mitglieder einer Familie von unserer Arbeit zu überzeugen. Wenn wir die Übertragungskette durchbrechen wollen, müssen wir quasi das Vertrauen einer jeden einzelnen Person gewinnen. In manchen Gegenden sind die Menschen uns gegenüber immer noch sehr feindlich gesinnt. Es gibt etwa 20 Dörfer rund um Guéckédou, die den Medizinern den Zutritt verwehren. Wir sind aber weiterhin mit den örtlichen Autoritäten im Gespräch, damit sich das ändert. Es ist wichtig, dass sich genaue Informationen Ebola betreffend so schnell wie möglich verbreiten, um die Furcht davor zu bekämpfen.

Weiß man, von wo die Epidemie ausgegangen ist?

Michel Van Herp: Die Epidemie scheint von einem Dorf Nahe Guéckédou in Guinea ausgegangen zu sein, von wo aus sich die Krankheit dann verbreitet hat. In dieser Gegend jagen die Menschen besonders häufig Fledermäuse. Genauso wie viele andere Familien in diesem Gebiet hat auch die erste Familie aus dem Dorf, die sich infiziert hat, angegeben, dass sie zwei Arten von Fledermäusen gejagt hat. Bei diesen Arten handelt es sich um Hypsignatus monstrosus und Epomops franqueti, die beide den Ebola-Virus übertragen können. Fledermaus-Kolonien wandern über enorme Entfernungen - wir gehen davon aus, dass sie das Virus zuerst untereinander verbreitet haben und es so vom Osten bis in den Westen Afrikas gelangt ist. Das Ebola-Virus wird dann auf die Bevölkerung übertragen, wenn sie in Kontakt mit infizierten Tieren kommt.

Der Anstieg von Infektionen in Sierra Leone scheint auch mit dem sozialen Status der Infektionsquelle zu tun zu haben – also dem Status von einem der ersten Fälle. In Sierra Leone bedeutete der Umstand, dass der Heiler einer Gemeinde infiziert war, dass sich die Krankheit rasch verbreiten würde. Bei Begräbnissen werden die Verstorbenen häufig gewaschen und umgezogen, wie es auch in westlichen Gesellschaften der Brauch ist. Doch auch nach dem Tod bleibt der Ebola-Virus weiterhin in den Körpern der Verstorbenen aktiv, daher kann jeder Kontakt mit dem Körper eine Infektion auslösen. In Anbetracht des hohen Stellenwerts des Heilers in dieser sozialen Struktur dürften sich etliche Menschen bei seinem Begräbnis angesteckt haben. Das ist ein großer Unterschied zu beispielsweise einem erkrankten Kind – es wird im Normalfall nur wenige Menschen anstecken. Doch ein mobiler Erwachsener mit einer starken Rolle in der Gesellschaft wird mit weitaus mehr Menschen Kontakt haben und die Krankheit so weiter verbreiten. Dementsprechend ist der soziale Status bzw. die Rolle einer infizierten Person in einer traditionellen Gesellschaft ein weiterer kritischer Faktor in der Verbreitung des Virus.

Was sind nach wie vor die größten Herausforderungen?

Hilde de Clerck: Mit dem signifikanten Anstieg neuer Behandlungsstationen muss Ärzte ohne Grenzen seine Teams in einem viel größeren Gebiet verteilen. Ärzte ohne Grenzen hat sehr erfahrene EinsatzmitarbeiterInnen, aber nicht endlosen Nachschub – es gibt nur eine begrenzte Anzahl von ihnen, da wir auch in anderen Notfall-Projekten auf der ganzen Welt arbeiten. Unsere Teams arbeiten an vielen verschiedenen Orten, um bei der Eindämmung des Ausbruchs zu helfen – die vielfältigen Tätigkeiten umfassen dabei die Beobachtung von Kontakten, epidemiologische Befragungen, Gesundheitsaufklärung, Beratung von PatientInnen und Gemeinden, Quarantäne, medizinische Versorgung, ambulante Behandlungen, Desinfektion von Häusern und auch Begräbnisse. Andere Gruppen helfen dabei, Teile dieser Aufgaben zu übernehmen, doch auch diese Teams sind nur klein und haben oft nicht die nötige Erfahrung.

Derzeit besteht ein dringender Aufruf an alle beteiligten Akteure, ihr Personal und ihre Kapazitäten nach Möglichkeit aufzustocken, um mit diesem Notfall umgehen zu können – vor allem erfahrene Leute werden gebraucht. Es geht bei dem Versuch der Eindämmung dieses Ausbruchs mehr um Erfahrung als um medizinische Komplexität. Die Arbeit unserer Teams, bei der Eindämmung von Ebola zu helfen, ist nach medizinischen Gesichtspunkten nicht sehr kompliziert. Doch es gibt äußerst strenge Prozesse, die in jedem Fall eingehalten werden müssen, um Menschen nicht einer Ansteckungsgefahr auszusetzen. Um die Personalkapazitäten zu erweitern, würden im Idealfall Teams von zwei Personen von jeweils einer erfahrenen Person für ein bis zwei Wochen - oder wenn möglich länger - ausgebildet werden.

Mit welchen Schwierigkeiten sind die Teams von Ärzte ohne Grenzen in einem Notfall wie diesem konfrontiert?

Hilde de Clerck: Abgesehen vom sehr großen Arbeitsumfang ist dieser Kontext für unsere Teams sowohl physisch als auch emotional extrem herausfordernd. Unsere Einsatzteams müssen oft lange Strecken bewältigen, um die betroffenen Gemeinden zu erreichen. Viele kennen auch welche der betroffenen Familien persönlich und erleben herzzerreißende Momente wenn Menschen ihre Familien oder Gemeinschaften verlassen müssen, um ein Behandlungszentrum aufzusuchen.

Die Teams in den Behandlungszentren müssen Ganzkörperanzüge aus Plastik und Tauchausrüstung tragen, die angesichts der hohen Temperaturen extrem unbequem und nur schwer auszuhalten sind. Doch nachdem wir so viele PatientInnen haben, müssen wir besonders aufpassen, Überhitzung und Dehydrierung zu vermeiden.

Emotional betrachtet ist diese Arbeit ziemlich extrem. Viele PatientInnen sterben, darunter auch Kinder. Die palliative Betreuung ist bei dieser Krankheit besonders schwer, denn die PatientInnen sind hochgradig verängstigt. Wir kümmern uns um die PatientInnen, so gut es geht. Wir sind die letzten Menschen, die sie berühren, und viele von ihnen bitten uns, ihre Hand zu halten. Diese Momente sind emotional gleichzeitig schwierig und intensiv. Doch auch wenn es sich um einen Notfall handelt, versuchen wir, so menschlich und behutsam wie möglich zu sein.

Verlangt eine beispiellose Epidemie beispiellose Maßnahmen?

Michel Van Herp: Auf Grund der geografischen Verbreitung des Virus und der Menge neuer Behandlungsstationen hat Ärzte ohne Grenzen das absolute Limit verfügbarer Personalkapazitäten erreicht. Derzeit versuchen rund 300 MitarbeiterInnen, den Ausbruch einzudämmen. Wir müssen den Fokus unserer medizinischen Teams weiterhin auf die medizinische Betreuung und die Arbeit unter Quarantäne legen, nachdem Ärzte ohne Grenzen eine der wenigen Organisationen ist, die die entsprechende technische Expertise besitzt – vor allem hinsichtlich der Quarantäne von PatientInnen. Damit dies weiterhin möglich ist, brauchen wir dringend andere, die einige der übrigen Aufgaben übernehmen, die wir ebenfalls erledigen, damit wir uns wirklich auf die medizinischen Aspekte konzentrieren können. Deshalb müssen andere Gruppen, die sich auf Aufklärungsarbeit und den Austausch mit Gemeinden sowie die Beobachtung von Kontakten spezialisieren, unbedingt ihre Aktivitäten aufstocken. Eine große Herausforderung ist auch die Überwachung von grenzüberschreitenden Kontakten und die Koordination der medizinischen Hilfe.

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