09.10.2025
Rachel Yantzi ist Krankenschwester und mobile Support-Technikerin mit einer Spezialisierung auf pädiatrische und neonatale Palliativpflege. Sie arbeitet mit den Teams von Ärzte ohne Grenzen in verschiedenen Kontexten zusammen, um die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern. Hier teilt sie die fünf häufigsten Missverständnisse über ihre Arbeit – und was Palliativpflege wirklich bedeutet.

Missverständnis #1: Palliativpflege bedeutet, dass die aktive Behandlung beendet wird

Eines der größten Missverständnisse ist, dass wir Patient:innen aufgeben oder Behandlungen abbrechen, die eigentlich fortgesetzt werden sollten. Ich verbringe viel Zeit damit, Menschen zu erklären, dass wir die Behandlung an den Zustand und die Prioritäten der Patient:innen anpassen. Wir hören niemals auf, Maßnahmen fortzuführen, die ihnen noch nützen könnten. Das ist ganz klar.

Manche denken auch, Palliativpflege und Euthanasie seien dasselbe – das stimmt überhaupt nicht. Kurative und palliative Behandlung sind keine Gegensätze und können in vielen Fällen parallel zueinander stattfinden.

Missverständnis #2: Palliativpflege ist nur für ältere Menschen gedacht

Viele sind überrascht zu hören, dass ich mit Neugeborenen und kleinen Kindern arbeite, weil Palliativpflege oft mit älteren Erwachsenen oder Krebspatient:innen in Verbindung gebracht wird.

Die Vorstellung, dass Kinder und Babys Palliativpflege benötigen könnten, löst bei vielen Überraschung und Traurigkeit aus. Manche denken, dass diese Arbeit furchtbar deprimierend sein muss.Sie ist oft traurig, aber auch sehr bereichernd, denn es ist schön, Mitarbeitende darin zu unterstützen, diese Form der Pflege für Kinder und ihre Familien zu leisten

Leider ist der Tod in unseren Projekten unvermeidbar. Ob wir es nun Palliativpflege nennen oder nicht – unsere Teams kümmern sich um Menschen am Lebensende. Indem wir das Personal unterstützen, können wir etwas, das immer schmerzhaft ist, in vielen Fällen in eine bestärkende Erfahrung verwandeln.

In meiner Arbeit mit einem neonatologischen Team in Burkina Faso war die Kommunikation mit den Familien entscheidend. Ich habe gesehen, wie Kolleg:innen Vertrauen zu Familien aufbauen konnten – was bedeutet, dass diese auch bei einem schwierigen Ausgang dankbar waren, dass sie gut informiert wurden und wussten, dass wir alles getan haben, was möglich war.

Viele meiner Kolleg:innen haben mir gesagt, dass das ihre Arbeit als Ärzt:innen und Pflegekräfte verändert hat. Früher war das Überbringen schlechter Nachrichten oft ein Moment des Konflikts zwischen medizinischem Personal und Familie. Heute halten manche Ärzt:innen und Pflegekräfte noch Monate später Kontakt zu Familien – auch dann, wenn das Kind nicht überlebt hat. Durch offenere Kommunikation entstehen starke, vertrauensvolle Beziehungen.

Eine Krankenschwester hält die Hand des 10-jährigen Haidara Atim in unserem Krankenhaus im Tschad.
Finbarr O’Reilly/VII Photo

Missverständnis #3: Medizin bedeutet immer Leben retten

Wir haben eine moralische Verpflichtung gegenüber unseren Patient:innen, ihnen auch dann bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen, wenn wir ihr Leben nicht retten können.

Als humanitäre Organisation sprechen wir oft über Lebensrettung, Leidenslinderung und die Wahrung der Würde unserer Patient:innen. Wenn wir uns nur auf das Lebensrettende konzentrieren, vergessen wir einen wesentlichen Teil dessen, was uns wichtig ist.

Missverständnis #4: Palliativpflege ist nur im globalen Norden relevant

Oft wird angenommen, Palliativpflege sei eine Idee, die im globalen Norden entstanden und dann in die Welt exportiert worden sei.

Tatsächlich sollte man sich bewusst machen, dass Menschen in allen Kulturen und Regionen Wege haben, mit Verlust umzugehen und für schwerkranke oder sterbende Menschen zu sorgen. Gute Palliativpflege baut auf diesen bestehenden Stärken auf.

In humanitären Krisen – etwa bei Konflikten oder Naturkatastrophen – können diese traditionellen Formen der Fürsorge gestört werden. Deshalb ist es so wichtig, anzuerkennen und zu unterstützen, was Menschen ohnehin schon tun.

Eine Frau nimmt an einer von Ärzte ohne Grenzen organisierten Selbsthilfegruppe für Gebärmutterhalskrebspatientinnen teil.
Diego Menjibar

Missverständnis #5: Morphin und Opioide können nicht sicher verwendet werden

In Kanada gibt es große Probleme mit Opioidabhängigkeit und -missbrauch, daher verstehe ich, dass viele Menschen vor diesen Medikamenten Angst haben. Aber mit den richtigen Kontrollen können wir diese Mittel sicher den Patient:innen zugänglich machen, die sie wirklich brauchen.

Für manche Ärzt:innen und Pflegekräfte bei Ärzte ohne Grenzen, die wenig Erfahrung damit haben, erscheint es anfangs sehr riskant, solche Medikamente zu verschreiben – sie befürchten starke Nebenwirkungen.

In gewisser Weise ist das eine Frage der Wahrnehmung. Doch diese ändert sich meist, sobald die Mitarbeitenden mehr Erfahrung und Sicherheit in der sogenannten „Comfort Care“ gewinnen und verstehen, wie und wann man Schmerzbehandlung richtig einsetzt.

Außerdem denken manche, Palliativpflege beschränke sich auf Schmerzmanagement. In Wahrheit ist sie ein ganzheitlicher, patientenzentrierter Ansatz, der auch psychisches, emotionales, soziales und spirituelles Leiden berücksichtigt.