07.03.2022

Seit über 20 Jahre Jahren ist Doris Burtscher nun als Medizin-Anthropologin im Einsatz. Dabei war sie in über 20 Ländern in unseren Projekten tätig. Was sie dort tut? Doris fährt in unsere Einsatzgebiete, arbeitet eng mit den lokalen Akteur:innen zusammen und stellt fest, ob und wie unsere Hilfe dort gebraucht wird. In ihren eigenen Worten sorgt sie für „ein besseres Verständnis der Bedürfnisse der Bevölkerung – um bestmögliche Hilfe zu leisten und unsere Projekte entsprechend zu adaptieren“  

Im Zuge des Weltfrauentags haben wir uns mit Doris über ihre Arbeit unterhalten. Sie erzählt von Teenage-Mothers in der Demokratischen Republik Kongo, diskreten Möglichkeiten zu Schwangerschaftsabbrüchen und die Chance junger Frauen auf ein selbstbestimmteres Leben. 

Hat sich im Bereich der Frauengesundheit in den 20 Jahren, in denen du mittlerweile für Ärzte ohne Grenzen tätig bist, etwas verändert? Hat sich der Schwerpunkt deiner Arbeit verlagert? 

 

Ja, es hat sich viel getan. Ich war zwei Mal in Sierra Leone im Einsatz, 2004 und 2020, da lässt sich das ganz gut vergleichen. Die Grundprobleme sind teilweise die gleichen geblieben – zum Beispiel ist in ländlichen Gegenden die Infrastruktur eher schlecht, finanziell und zeitlich ist es für viele Menschen ein großer Aufwand, zu Gesundheitseinrichtungen zu gelangen. Aber ich habe den Eindruck, die Menschen wissen mehr über die medizinische Versorgung, die vorhanden ist. Sie wissen, was “westliche” Medizin bewirken kann, wie sie hilft. Bei den jungen Frauen, die ich interviewt habe, hat sich deutlich gezeigt, dass sie klassische schulmedizinische Versorgung wollen. Sie wollen das Beste für sich und ihre Kinder.  

Portrait Doris Burtscher

Die jungen Frauen sind hier in den letzten 20 Jahren auf alle Fälle selbstbestimmter geworden. Wobei das familiäre Umfeld und die Gemeinschaft, in der sie leben, immer eine große Rolle spielt.

Wo hast du besonders gemerkt, dass der familiäre Kontext und die Gemeinschaft, in der die Frauen leben, stark prägend ist? 

 

Nun, ich war im Süd-Sudan in einem Projekt. Dort wird Sexualität vor der Ehe sehr offen gehandhabt. Hat eine unverheiratete Frau dort ein Kind, dann ist das etwas Gutes – es zeigt ihre Fruchtbarkeit. In der Demokratischen Republik Kongo verhält sich das ganz anders. Eine junge unverheiratete Frau, die schwanger ist muss dort die Schule verlassen, da sie sonst ein schlechtes Beispiel für andere ist. Sie wird zum Beispiel vom Kirchenchor ausgeschlossen und hat eher Probleme damit, einen Mann zu finden. Sie befindet sich in einer ausweglosen Situation.  
Ich habe mit vier jungen kongolesischen Frauen gesprochen, so genannte Teenage-Mothers, die so heißen, weil sie bei ihrer ersten Schwangerschaft noch Teenagerinnen waren. Diese vier jungen Frauen haben insgesamt 15 Kinder zur Welt gebracht. Sie wurden sehr früh in ihrem Leben schwanger, wurden dann von ihren Partnern verlassen und mussten ihr Kind ohne ihn versorgen. Sie lernten wieder jemanden kennen, hatten gehofft, dass dieser Mann sich um sie und ihr Kind kümmert, wurden erneut schwanger und der neue Partner war auch weg.

Portrait Doris Burtscher

Wenn solche jungen Frauen die Möglichkeit hätten, schon die erste Schwangerschaft diskret und ohne die Sorge von Verurteilung seitens ihrer Familie abzubrechen, würden sie vielleicht gar nicht erst in so eine verzweifelte Lage geraten. 

Und Ärzte ohne Grenzen bietet solche diskreten Schwangerschaftsabbrüche als medizinische Behandlung an? 

 

Jein. Unsere internationalen Mitarbeiter:innen bieten in unseren Gesundheitseinrichtungen Beratungen an, falls es „Probleme“ mit der Schwangerschaft gibt. Sie geben so den Patientinnen die Möglichkeit, sich diskret über einen Schwangerschaftsabbruch zu informieren und, so gewünscht, die nötigen Medikamente zu bekommen. Wir unterstützen so das Recht von Frauen, selbst über ihren Körper entscheiden zu können und ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Mittlerweile ist ein Abbruch im frühen Stadium einer Schwangerschaft durch Tabletten möglich, die auch Zuhause eingenommen werden können. Dadurch muss nicht einmal die Familie der Frau etwas von der Schwangerschaft mitbekommen. Sie kann für sich selbst entscheiden, ohne dass sie von ihrer Familie und Gemeinschaft dafür verurteilt wird.  

 

Außerdem müssen sie nicht auf sehr viel gefährlichere Methoden des Schwangerschaftsabbruchs zurückgreifen? 

 

Genau. Öffentlich wird meist davon gesprochen, dass Schwangerschaftsabbrüche etwas Schlechtes sind, das kennt man ja auch in Europa. Frauen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, werden stigmatisiert. Das führt dann dazu, dass es heimlich gemacht wird. Dass nicht medizinisches Personal den Abbruch durchführt, und es zu Verletzungen, Blutungen und Unfruchtbarkeit kommt.

Portrait Doris Burtscher

Ärzte ohne Grenzen setzt sich deshalb für die Entstigmatisierung von Abtreibungen ein. Diese Entscheidungskraft über den eigenen Körper ist ein starker Indikator für ein selbstbestimmteres Leben für viele Frauen.  

Deine Arbeit ist ohne Frage sehr herausfordernd. Was lässt dich trotzdem immer wieder auf Einsatz gehen?  

 

Zu wissen, dass es Situationen gibt, auf die man keinen Einfluss hat, das lässt einen nicht ganz los. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass ich dort bin. Was mich immer wieder auf Einsatz fahren lässt, ist, dass ich weiß, dass ich dadurch, dass ich mit den Menschen spreche, ihre Geschichten erzähle, ihnen eine Stimme gebe, vielleicht etwas für sie zum Besseren verändern kann. Das gibt mir sehr viel Kraft. 

 

Gibt es noch etwas, was du sagen möchtest? 

 

Ja, unbedingt. Wir haben hier von der Selbstbestimmtheit von Frauen gesprochen, und diese ist unheimlich wichtig! Doch eines ist für mich ganz klar: Nur die Selbstbestimmtheit der Frauen zu fordern, reicht nicht! Man muss gleichzeitig auch die Männer sensibilisieren, auch sie müssen miteinbezogen werden!  
Responsible men empower women!  

Portrait Doris Burtscher

Verantwortungsvolle Männer stärken Frauen!

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