20.05.2021

Medikamente oder Lebensmittel? Die Hälfte der libanesischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, viele können sich die großteils privatisierte Gesundheitsversorgung im Land nicht leisten. Die Frage, ob das übrige Geld für Lebensmittel oder Medikamente ausgegeben werden soll, ist für viele Libanes:innen Realität geworden. Wie zum Beispiel für Fawziyya Al-Sahili.  

Fawziyya Al-Sahili steht am Herd und rührt in ihrem Gemüseeintopf. „Meine Nachbarn haben mir gestern dieses Essen gebracht. Frisches Gemüse hätten wir sonst keines, Fleisch haben wir seit einem Jahr nicht gegessen. Mit dem Lohn meines Sohnes können wir uns nur Brot, Bohnen und Linsen leisten. So ist das jetzt bei uns.“ Gerade für die 64-Jährige wäre gesunde Ernährung wichtig. Sie hat Bluthochdruck und Diabetes.  

Einer ihrer Söhne arbeitet in einem Geschäft und verdient 10.000 libanesische Pfund täglich, umgerechnet ist das weniger als ein Euro. Der Lohn muss für mehrere Personen ausreichen, denn sein Bruder ist arbeitslos und lebt bei der Mutter in einem Haus, das nie fertig gebaut werden konnte.

Fawziyya Al-Sahili ist froh, dass es ganz in ihrer Nähe eine Klinik von Ärzte ohne Grenzen gibt. Seit zwei Jahren kommt sie regelmäßig zu den Untersuchungen in die Einrichtung in Hermel, im Norden des Landes. Hier erhält sie ihre Medikamente sowie das notwendige Insulin für die nächsten Wochen. 

Ein Land versinkt in Problemen

So wie Fawziyya Al-Sahili ist mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung im Libanon verarmt. Das kleine Land am Mittelmeer ist nicht mehr die „Schweiz des Nahen Ostens“, wie es früher genannt wurde. Innerhalb von weniger als zwei Jahren hat sich für die Menschen viel verändert: Der Libanon ist von der Wirtschaftskrise, steigender Inflation und politischer Instabilität hart getroffen. Immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit. Durch die Inflation ist das ersparte Geld von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert. 

Die Corona-Pandemie tut ihr Übriges, um das bereits überlastete Sozialsystem zu überfordern. Im August 2020 erschütterte zudem die Explosion im Hafen die Hauptstadt Beirut: Zehntausende Menschen verloren ihr Zuhause. 

Medizinische Hilfe ist zum Luxusgut geworden

Der Bedarf an medizinischer und psychologischer Hilfe ist enorm, gleichzeitig ist ein Arztbesuch für viele Luxus geworden

Libanon

Das Gesundheitssystem im Libanon ist hochgradig privatisiert. Deswegen gibt es immer mehr Menschen, die sich keinen Arzt oder Medikamente leisten können. Wir bieten daher kostenlose medizinische Versorgung und Medikamente für alle Patient:innen.

Hammoud al-Shall, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen

Denn immer mehr Menschen müssen sich entscheiden, ob sie ihr Geld für Nahrungsmittel oder Arzneimittel ausgeben. Die Preise von beidem sind bis zu fünfmal so hoch wie früher.

Es fehlt an Medikamenten im Land

Der Preis für Medikamente ist allerdings nicht nur um ein Vielfaches gestiegen, es ist auch immer schwieriger, sie zu bekommen. Fawziyya Al-Sahili benötigt dringend ein Schmerzmittel: „Ich bin gestürzt und hatte solche Kopfschmerzen. Ich wollte Paracetamol kaufen, aber der Apotheker hatte es nicht. Also haben wir es bei drei anderen Apotheken versucht, doch es war nirgends zu finden. Das Mittel gibt es nicht mehr im Libanon.“

Solche Engpässe sind herausfordernd – auch für die Teams von Ärzte ohne Grenzen. „Mit der Wirtschaftskrise hat sich viel verändert. Die lokalen Unternehmen im Libanon haben es sehr schwer, Medikamente ins Land zu bringen. Das spüren wir am Ende des Tages auch. Und dann passiert es oft, dass die Arzneimittel, die wir dringend brauchen, nicht im Land verfügbar sind“, erzählt Karin Puchegger, Logistikerin bei Ärzte ohne Grenzen im Libanon.  

Was bleibt, ist der starke Zusammenhalt im Libanon

Fawziyya Al-Sahili fragt sich, ob ihre Familie eine Zukunft haben wird. Sie macht sich Sorgen um ihren Sohn. Er ist schon länger arbeitslos, und es geht ihm deswegen nicht gut. Während sie in der Klinik in Hermel noch einmal wegen des Sturzes untersucht wird, sind die Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen auch für ihren Sohn da: Er erhält psychosoziale Unterstützung. Zurück im Haus sitzt Faw-ziyya auf dem Teppich, vor ihr Reis, Weißbrot und der Gemüseeintopf. Oft sitzt hier auch die Angst vor der Zukunft. Doch noch hat sie nicht alle Hoffnung aufgegeben. Denn da ist auch der Zusammenhalt der Menschen im Libanon und die Unterstützung von außen: ihre Nachbarn, die ihr eine Mahlzeit vorbeibringen. Die Sozialarbeiterin und der Arzt in der Klinik, die sich um Fawziyya kümmern. Und die dafür sorgen, dass sie die dringend benötigten Medikamente bekommt. 

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