14.01.2022

Im Dezember 2021 rettete die Geo Barents, unser Seenotrettungsschiff 558 Menschen bei acht Rettungsaktionen von in Seenot geratenen Booten im Mittelmeer. 

Viele dieser Menschen haben nicht nur die tödliche Überfahrt über das Meer überlebt, sondern auch schwere Gewalt - in Libyen, von wo sie in die Boote über das Meer stiegen, in ihren Herkunftsländern und auf ihrer Reise. 

"Ich habe in Libyen sehr gelitten", sagt Aissatou*, eine 21-jährige Frau aus Kamerun.

Als ich nach Libyen kam, hatte ich keine Narben. Jetzt ist mein ganzer Körper mit Narben übersät.

Aissatou

Flucht aus dem libyschen Frauengefängnis

Aissatou hat eine große Narbe auf der Brust. Sie erinnert Aissatou daran, dass sie bei ihrer Flucht aus einem Gefängnis in Libyen niedergestochen wurde.

"Es war ein Frauengefängnis, und die Wärter haben die Frauen ständig vergewaltigt. Sie ließen uns oft hungern. Wir hatten keine Kleidung, wir lebten im Dreck. Immer wenn wir versuchten zu fliehen, kamen die Wärter und peitschten uns aus oder schlugen uns mit ihren Kalaschnikows." 

Eines Tages gelang es einigen Frauen, darunter auch Aissatou, aus dem Gefängnis zu fliehen. "Als die Wärter sahen, dass wir fliehen wollten, nahmen sie alles, was sie in die Finger bekommen konnten - Eisenstangen, Waffen - um uns zu schlagen. Ein harter Gegenstand traf mich auf der Brust. Ein Wärter stach mit einem Metallrohr auf mich ein", erinnert sich Aissatou. "Viele Mädchen wurden verletzt, aber wir rannten trotzdem. Meine Kleidung war durchtränkt von Blut. Ich habe die Leute auf der Straße angefleht, mich zu verstecken.“ 

Angegriffen, geschlagen und verbrannt

"Die Leute erzählen uns, dass sie mit Holz- oder Metallstöcken oder sogar Schusswaffen geschlagen oder angegriffen wurden", sagt Stefanie Hofstetter, unsere medizinische Leiterin an Bord der Geo Barents. "Wir sehen auch Menschen mit kleineren Wunden am ganzen Körper: Wenn wir sie nach diesen Wunden fragen, sagen sie in der Regel, dass sie mit kochendem Wasser oder geschmolzenem Plastik, verbrannt wurden." 

Hofstetter berichtet, dass die medizinischen Teams auf den Rettungsschiffen im Mittelmeer schon seit Jahren gerettete Menschen mit solchen Verletzungen behandeln. "Die Situation hat sich nicht geändert: Diese Art von Gewalt findet immer statt.“ 

„Du hattest keine Wahl“

Mehrere Überlebende, die im Dezember 2021 von der Geo Barents gerettet wurden, geben an, sexuelle Gewalt - sowohl in Libyen als auch in ihren Herkunftsländern - erlebt zu haben. Viele haben diesen Missbrauch über einen langen Zeitraum hinweg erlebt. 

Aissatou gehört auch dazu. Sie wurde von Menschenhändlern in großen Lagerhallen in Meeresnähe festgehalten, bevor sie in das Boot stieg, das Libyen verließ.

 

Die Schmuggler vergewaltigten uns in den Lagerhallen. Wenn du dich geweigert hast, setzten sie dir das Messer an die Kehle. Du hattest keine Wahl.

Aissatou

Jemanden um Hilfe bitten oder über die schrecklichen Erlebnisse sprechen, konnte Aissatou lange nicht: "Wir haben viel gelitten, aber wir haben nicht darüber gesprochen. Bei wem sollten wir uns beschweren? Es galten dort keine Gesetze. Du konntest nur zu Gott beten, dass dich jemand rettet."

Darüber sprechen und gehört werden

Für Überlebende, die lange Zeit Angst und Stress im Zusammenhang mit schwerer Gewalt erlebt haben, bietet unser medizinisches Team auf der Geo Barents eine grundlegende psychologische Betreuung. Diese soll den Patient:innen ein Gefühl von Sicherheit und Würde vermitteln. 

Hager Saadallah, unsere Psychologin, sagt, dass die Möglichkeit für Überlebende, mit einer medizinischen Fachkraft zu sprechen und sich ihre Erfahrungen bestätigen zu lassen, oft zu den wichtigsten Dingen gehört, die das Team anbieten kann. "Was die Menschen zu diesem Zeitpunkt brauchen, da sie noch unterwegs sind, ist einfach die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen", sagt sie. "Die Möglichkeit zu sprechen und jemanden zu haben, der zuhört, ist für Sie und mich völlig normal. Menschen auf der Flucht haben diese Möglichkeit oft nicht." 

Für Überlebende von sexueller Gewalt ist die Möglichkeit über das Erlebte zu sprechen besonders wichtig, meint Kira Smith, Hebamme an Bord der Geo Barents.  

"Wenn ich mit Überlebenden spreche, ist es oft das erste Mal, dass sie mit jemandem über das Erlebte sprechen", meint Smith. "Ich versuche ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Wertschätzung zu geben. Und sie wissen zu lassen, dass es nicht ihre Schuld ist.” 

Es gibt zwar vieles, was wir in der kurzen Zeit auf dem Schiff nicht für die Menschen tun können, aber sie haben es verdient, dass man ihnen zuhört und sie mit Würde behandelt.

Kira Smith, Hebamme

Auch für Aissatou ist es wichtig über das zu sprechen, was sie auf der Flucht erlebt hat. Zum einen hilft es ihr, die schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten. Zum anderen hilft sie mit ihrer Geschichte auf Missstände aufmerksam zu machen und so hoffentlich irgendwann den Kreis der Gewalt zu durchbrechen. 

*Name wurde zum Schutz der Person geändert. 

Unsere Hilfe im Mittelmeer

Wir führen seit 2015 Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer durch und arbeiteten auf acht verschiedenen Rettungsschiffen, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen NGOs. Unsere Teams haben mehr als 80.000 Menschenleben gerettet. Seit Beginn der Such- und Rettungsaktionen an Bord der Geo Barents im Mai 2021 hat Ärzte ohne Grenzen 1.903 Menschen gerettet und die Leichen von 10 Verstorbenen geborgen. 

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