22.08.2025
Überlebende syrischer Gefängnisse kämpfen mit den Folgen systematischer Folter. Unser Hilfsprogramm bietet Menschen wie Suha* Unterstützung.

In den syrischen Gefängnissen und Sicherheitsbehörden hat die Dunkelheit des Unbekannten die Dunkelheit der Gefängniszellen überschattet. Während des fast 14 Jahre andauernden Krieges sind willkürliche Verhaftungen immer häufiger geworden. Menschen sind ohne Gerichtsverfahren oder Prozess in Haft gewesen. Viele Überlebende leiden heute unter körperlichen Verletzungen, psychischen Traumata und chronischen Gesundheitsproblemen aufgrund der jahrelangen systematischen Misshandlung, Folter und Vernachlässigung.

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Illustration von Suha* und weiteren Gefangenen in Syrien

„Ich bin in Einzelhaft gebracht worden, während meine Töchter in einer anderen Zelle eingesperrt gewesen sind. Ich habe nichts über sie gewusst“, sagt Suha*, eine 50-jährige Frau, die 2018 ohne Anklage festgenommen und sechs Jahre lang in einem syrischen Gefängnis inhaftiert gewesen ist. 

Die Schläge, die ich erlitten habe, sind mir egal gewesen. Ich habe nur gehofft, dass ich, wenn die Schläge aufgehört haben, etwas über das Schicksal meiner Töchter erfahren würde.

Suha*, Überlebende der Gewalt in Syrischen Gefängnissen

Für Suha*, wie Hunderte andere Gefangene und Häftlinge, haben sich die die Gefängnistore erst mit dem Sturz der ehemaligen syrischen Regierung im Dezember 2024 geöffnet. Viele von ihnen haben Jahre unter äußerst harten Bedingungen in Haft verbracht, sind von angemessener Nahrung und manchmal auch von medizinischer Versorgung ausgeschlossen gewesen – und haben endlose Zyklen körperlicher und psychischer Misshandlungen erlitten. 

Als Reaktion auf den immensen medizinischen und psychologischen Bedarf haben wir ein Programm für Überlebende von Misshandlungen in Syrien gestartet. Das Programm wurde zunächst in einem bestehenden Projekt in der Provinz Idlib getestet. Danach haben wir eine spezialisierte Klinik im Al-Mujtahid-Krankenhaus in Damaskus eröffnet. Schließlich haben wir das Programm auch in Kafr Batna in Ost-Ghouta eingeführt. Von dort stammen die meisten unserer Patient:innen. Diese Region war als ein Oppositionsgebiet eingestuft, wurde belagert und schwer bombardiert.

Unsere Klinik für Überlebende von Misshandlungen bietet allgemeine medizinische Beratungen mit Überweisungen zur weiterführenden Versorgung, psychosoziale Unterstützung und Sozialarbeit. Dabei verknüpfen wir Patient:innen mit nicht-medizinischen Hilfsangeboten lokaler Organisationen und Vereine, die weitere Unterstützung anbieten.

„Die psychischen Folgen der Haft in Syrien sind äußerst alarmierend“, sagt Laura Guardiola, medizinische Projektleiterin in Damaskus.

Unter unvorstellbaren Zuständen der Misshandlung, die körperlicher und psychologischer Folter gleichkommen, inhaftiert gewesen zu sein, hat tiefe und bleibende Wunden bei ehemaligen Gefangenen hinterlassen: Wunden, die Zeit, Unterstützung und Pflege brauchen, um zu heilen.

Laura Guardiola, medizinische Projektleiterin in Damaskus

Wir arbeiten in dem Projekt daran, mehr Frauen zu erreichen, da die sehr geringe Zahl an Patientinnen besorgniserregend ist und noch weniger Kinder Behandlung in Anspruch nehmen. Sie repräsentieren weniger als 15 Prozent der Konsultationen in den ersten zwei Monaten nach Beginn unserer Klinikaktivitäten in Damaskus. Mehrere ehemalige weibliche Häftlinge haben während ihrer Inhaftierung sexuelle Gewalt erlebt. Das hat sie möglicherweise davon abgehalten, Unterstützung zu suchen - hauptsächlich aufgrund von Stigmatisierung.

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Illustration der Gewalt in syrischen Gefängnissen.

Obwohl die Menschen die Orte, an denen sie inhaftiert gewesen sind, verlassen haben, leben sie immer noch im selben Land und werden im Alltag ständig an ihre schrecklichen Erfahrungen erinnert. Das macht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft äußerst schwierig. Suha* spricht darüber, wie sie den Mezzeh-Tunnel in Damaskus niemals vergessen wird. Dort ist ihr klar geworden, dass sie nicht unversehrt nach Hause zurückkehren wird. Sie wird immer an ihre Erfahrungen erinnert, wenn sie daran vorbeigeht.

Es gab kein Licht am Ende dieses Tunnels

Suha*, Überlebende von Gewalt in Syrischen Gefängnissen

Suha erzählt: „Ich denke oft an Rache. Abnormale Reaktionen auf normale Handlungen sind für mich zur Norm geworden. Ich möchte nicht, dass Gefühle von Hass und Bitterkeit mich überwältigen. Es schadet mir und nicht anderen Menschen. Ich möchte mich von all dem befreien, was meine Erfahrungen in mir hinterlassen haben.“

Suha* ist eine von 113 Patient:innen im Programm für Überlebende von Misshandlungen, das wir in Damaskus betreiben. Dasselbe Angebot bieten wir in zwei weiteren Projekten an. 

Sie wird weiterhin von unserem Team für Überlebende von Misshandlungen betreut. Obwohl ein langer Weg vor ihr liegt, beginnt sie Schritt für Schritt ihre Genesung. Wir sind uns sicher, dass ihr starker Lebenswille, der während ihrer Haft erschüttert worden ist, nie ganz verschwunden ist und dass sie ihr Leben für ihre Töchter neu beginnen kann.

*Name geändert