Kommentar von Verena Prinz
09.12.2025
Verena Prinz ist als Finanz- und Personalmanagerin im Libanon. Sie erzählt, wie das Geräusch von Drohnen ihren Alltag prägt – und was die Anspannung mit den Menschen macht.

Ich habe keine Angst vor dem Knall. Alles, was ich will, ist in meinem eigenen Bett zu schlafen“, sagt die dreijährige Tochter meiner Kollegin hier im Süden des Libanon. 

Ein Kind, das keine Angst mehr vor Bomben hat, solange die Mutter bei ihr ist. Ein Kind, das sich nichts sehnlicher wünscht, als nie wieder vor Luftangriffen flüchten zu müssen. Einfach zuhause sein. In Frieden.

Verena Prinz (rechts) mit einer Kollegin vor einer MSF Fahne in Nabatieh, Libanon.
Verena Prinz/MSF
Verena (auf der rechten Seite) mit einer Kollegin an ihrem Arbeitsplatz in Nabatieh, Libanon

Das unsichere Grundrauschen

Ich lebe und arbeite in Nabatieh, einer Stadt im Südlibanon, etwa 15 Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt. Offiziell herrscht hier Waffenruhe – aber der Himmel ist selten still.

Der Krieg im vergangenen Jahr hat den Süden des Landes stark getroffen. Seitdem kommt es trotz Waffenruhe in der Grenzregion zu ständigen Luftangriffen und Drohnenflügen.

Doch für die Zivilbevölkerung bedeuten sie ein ständiges Grundrauschen der Unsicherheit. Die Menschen hier nennen das „Routine“. Für Außenstehende klingt es nach Daueranspannung – und beides stimmt.

Mit mobilen Kliniken zu den Patient:innen

Unser Projekt in Nabatieh ist noch jung. Wir haben es im April 2025 eröffnet, um Menschen in dieser Region eine medizinische Versorgung zu ermöglichen. Denn hier ist das öffentliche Gesundheitssystem durch eine jahrelange Wirtschaftskrise und die Folgen von israelischen Angriffen geschwächt. Die Angst vor Eskalationen prägt den Alltag.

Nahezu täglich sind Drohnen zu hören, regelmäßig auch Luftangriffe in der weiteren Umgebung.

Ich bin als Finanz- und Personalmanagerin Teil des Kernteams hier. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass unsere Teams arbeitsfähig sind. Ich kümmere mich von der Rekrutierung neuer Kolleg:innen über Gehaltssysteme bis zu den kleinen, alltäglichen Strukturen.

Aktuell betreiben wir unter anderem drei mobile Kliniken. Damit fahren wir täglich in verschiedene Gemeinden der Region, um Menschen zu helfen. Unsere Teams behandeln Patient:innen, führen Beratungen durch und leisten psychologische Unterstützung.

Trotz allem bleibt die Stimmung in unserem Team ruhig, getragen von dem Bewusstsein, wie wichtig jede dieser Fahrten ist.

Jede Fahrt und jeder Einsatz bedeuten Organisation, Abstimmung und Verantwortung. Manchmal müssen wir improvisieren, wenn sich Pläne wegen Sicherheitslagen, Straßenblockaden oder Krankenständen spontan ändern.

Das Hintergrundgeräusch im Alltag

Während der Himmel summt, läuft unser Tag an. Wir treffen uns zum Briefing, besprechen Pläne und verteilen Aufgaben. Die mobilen Kliniken machen sich auf den Weg in Dörfer, in denen es sonst keine medizinische Versorgung gibt. Für viele ist es ein gewöhnlicher Tag. Für uns ist es einer, an dem Routine und Realität leise miteinander ringen.

Der Alltag funktioniert. Das monotone Brummen der Drohnen ist Teil der Umgebung geworden – wie das Ticken einer Uhr im Hintergrund, das man erst bemerkt, wenn Stille einkehrt. Manchmal ist es fern, kaum hörbar. Dann wieder lauter, schärfer, näher. 

Routine in einer Ausnahmesituation

Und dann sind da die Geräusche von Kampfjets. Unsere Gespräche stocken, Blicke treffen sich und die Luft steht still. Bei einem Luftangriff können durch die Druckwellen Fenster zerspringen und Menschen verletzen. Wir öffnen die Fenster einen Spalt, um die Gefahr von zerbrochenem Glas zu reduzieren. Wir hören zu, warten und zählen die Sekunden.

Dann kommt der Einschlag. Diesmal ist er fünfzehn Minuten entfernt – also „weit weg“. Weit in einem relativen Sinn, der hier eine neue Bedeutung bekommen hat.

Das Leben läuft weiter, weil es weiterlaufen muss. Doch ich spüre, wie tief diese Daueranspannung reicht.

Ein paar Minuten später geben unsere Teams Entwarnung. Der Alltag setzt wieder ein. Ein Kind braucht Antibiotika, ein Transport wird organisiert, jemand lacht über einen schlechten Witz im Büro.

Ein kurzes Aufatmen

Einige meiner Kolleg:innen sagen, sie empfinden für einen Moment Erleichterung, wenn eine Drohne ihr Ziel getroffen hat. Nicht, weil es vorbei ist, sondern weil sie wissen: Heute war es nicht in unserer Nähe. Sie nennen es selbst absurd und paradox.

Aber in dem Moment, in dem der Einschlag passiert, fällt für einen Atemzug unsere Anspannung ab. Für Sekunden kehrt Ruhe ein, eine trügerische Erleichterung stellt sich ein.

Die Wahl zu helfen

Zwischen Drohnenklang und Normalität, zwischen Anspannung und Gelassenheit spielt sich unser Einsatz täglich ab. Wir arbeiten, helfen, lachen, planen – und wissen doch, wie fragil alles ist.

Ich habe die Wahl zu helfen und bin deswegen hier. Es ist unsere Verantwortung hinzuschauen, zuzuhören und zu helfen, wo wir können.

Verena und ihr Team in Nabatieh
Verena Prinz/MSF
Verena und ihr Team in Nabatieh.