Kommentar von Reinhard Lassner
21.09.2023
Der Niederösterreicher Reinhard Lassner ist Finanzkoordinator bei Ärzte ohne Grenzen und war für uns unter anderem schon in Libyen, Äthiopien und Mosambik auf Einsatz. Er erzählt, wie es dazu kam, was er erlebt und warum er es nicht lassen kann, auf Einsatz zu gehen.

Früher habe ich regelmäßig an Ärzte ohne Grenzen gespendet. Jetzt bin ich als Finanzkoordinator im Einsatz dafür verantwortlich, dass das Geld gut kontrolliert und sinnvoll ausgegeben wird.

Vom Vertriebsleiter zum humanitären Helfer

Ich war 25 Jahre in der Privatwirtschaft, zuletzt als Vertriebsleiter in einer Bank, als ein Mitarbeiter zu mir gekommen ist. Er hatte ein Plakat von Ärzte ohne Grenzen mit, auf dem ein Kind abgebildet war. Darüber stand: "Wenn ich groß bin, will ich noch leben." Das ist dann ein Jahr lang an der Pinnwand gehangen. 

Dann habe ich 2012 gekündigt und bin 2013 für meinen ersten Einsatz nach Pakistan aufgebrochen.

Ich habe damals auch ein persönliches Coaching gemacht. Da kam ein schöner Satz zu meinen Gedanken rund um das Aufgeben von Dingen und die kommende Ungewissheit. Die damalige Coachin meinte: "Herr Lassner, das, was sie wollen, steht schon im Namen - Ärzte ohne Grenzen. Sie wollen keine Grenzen." 

Vertrauen und Skepsis

Als Finanzkoordinator in den Einsätzen brauche ich ein Gespür, ein gewisses Maß an Hausverstand, Vertrauen in das Team und gleichzeitig auch ein gesundes Ausmaß an Skepsis. Ein gewisser Teil ist nach über 15 Einsätzen Routine. Kurz vor der Abreise kommt oft diese Nervosität - hab ich alles? Wenn ich dann im Flieger sitze, bin ich aber wieder ganz in meinem Tun. 

Ich werde auch wieder auf Einsatz gehen. Denn das Gefühl, dass es das letzte Mal war, kann ich noch nicht akzeptieren.

Kraftquellen in herausfordernden Situationen

Ein intensiver Einsatz war in Haiti. Ich habe in einem Krankenhaus mit 460 Mitarbeiter:innen gearbeitet, wir waren nur wenige Leute in der Verwaltung. In einem so großen Krankenhaus muss immer etwas eingekauft werden. Ich war rund um die Uhr beschäftigt und an meiner Grenze. Aber ich wusste, dass es machbar ist. Mein Büro befand sich in der Geburtenklinik. Dort sind immer wieder Krankenschwestern mit Babys oder Waisenkinder, die auf ihre Adoption warteten, vorbeigekommen.

Wenn ich die Kinder lachen gesehen habe, habe ich gewusst: Ich bin hier am richtigen Ort.

Dieses Gefühl hat sich nicht geändert. Das einfache Leben auf der Straße in vielen Einsatzländern ist offener. In gewisser Weise einfacher, aber ehrlicher und - man braucht nicht viel, um dort glücklich zu sein.

Bidoibidi
Frederic NOY/COSMOS

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