Ein verheerendes Erdbeben, bewaffnete Auseinandersetzungen, politische Spannungen, Treibstoffknappheit, COVID-19. Der Krankenpfleger Nicolas Broca berichtet...
13.12.2021

In Haiti ändert sich der Kontext ständig. Eines der wichtigsten Dinge ist, dass es immer etwas gibt, womit man nicht rechnet. Man muss sich ständig anpassen.

Erdbeben der Stärke 7,2

Drei Tage nach meiner Ankunft erschütterte das Erdbeben vom 14. August den Süden Haitis. Während die Hauptstadt Port-au-Prince nicht direkt betroffen war, füllte sich unser Krankenhaus bald mit Patient:innen, die in den südlich gelegenen Regionen verletzt wurden. 

Da es nach dem Erdbeben schwierig war sich fortzubewegen, erreichten uns manche Menschen mit schweren Verletzungen erst nach drei oder vier Tagen, als sich ihre Wunden bereits infiziert hatten. Einige hatten sogar antibiotikaresistente Infektionen entwickelt, die besonders schwer zu behandeln sind.

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Pierre Fromentin
Beratungsgespräch in einer mobilen Klinik in Solino, Port-au-Prince, Haiti

Gewalt

In der Woche nach dem Erdbeben war das Ausmaß der Gewalt in Port-au-Prince viel geringer als sonst, da die verschiedenen bewaffneten Gruppen der Stadt den Menschen mehr Bewegungsfreiheit ließen. In der darauffolgenden Woche hatte sich dies jedoch geändert.

Manchmal griff eine bewaffnete Gruppe Menschen an, indem sie ihr Haus in Brand setzte.

Menschen, die durch Gewalt verletzt wurden, kamen in ebenso großer Zahl ins Krankenhaus wie zuvor, während unsere Stationen bereits voll mit Überlebenden des Erdbebens waren.

Verbrennungen

Als Oberpfleger leitete ich die Pfleger:innen, Pflegehelfer:innen und Hygieniker:innen in den einzelnen Krankenhausabteilungen. Das Krankenhaus verfügt über die einzige Spezialstation für Patient:innen mit schweren Verbrennungen in Haiti, die wir zu Beginn des Jahres aus dem Stadtteil Cité Soleil verlegt hatten, weil es dort zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen war.

Patient:innen mit Verbrennungen sind gesundheitlich sehr anfällig, und ihre Versorgung erfordert viele Mitarbeiter:innen. Es muss immer jemand ihre Vitalwerte überwachen, und das kleinste Problem kann zu einem sehr großen Problem werden. 

Sie sind sehr anfällig für Infektionen und müssen immer wieder neu verbunden werden, was bedeutet, dass das Personal saubere Wäsche bereitstellen und medizinische Instrumente sterilisieren muss. Neben der Behandlung ihrer körperlichen Verletzungen benötigen Brandopfer auch dringend psychosoziale Fachkräfte, die ihnen helfen können, die Herausforderungen zu bewältigen.

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Pierre Fromentin
Die Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen arbeiten im Operationssaal des Hôpital Immaculée Conception in Les Cayes sowie in der Notaufnahme gemeinsam mit dem lokalen Krankenhauspersonal.

Politische Spannungen

Die medizinische Besetzung des Krankenhauses wurde erschwert, als der Verkehr in Port-au-Prince eingestellt wurde. Politische Spannungen, Streiks und Treibstoffmangel hinderten Hunderte von Mitarbeiter:innen daran, wie gewohnt zur Arbeit zu pendeln. 

Die Stadt war komplett blockiert, und obwohl die Streikenden unseren Fahrzeigen die Durchfahrt durch ihre Demonstrationen erlaubten, war es für die Mitarbeit:innen sehr belastend, sich in dieser Umgebung aufzuhalten.

Treibstoffmangel

Unser Logistikteam teilte uns mit, dass es Schwierigkeiten hatte, mehr Treibstoff für unsere Fahrzeuge und Generatoren zu beschaffen, und im Krankenhaus hatten wir nur noch genug für 15 Tage, so dass wir alles tun mussten, um unseren Verbrauch zu begrenzen und gleichzeitig die lebenswichtigen medizinischen Leistungen aufrechtzuerhalten. 

Unser gesamtes Personal arbeitet jetzt in 24-Stunden-Schichten, um die Zahl der Fahrten in den Fahrzeugen zu verringern. Wir reduzierten die Zahl der Verwaltungs- und Logistikmitarbeiter:innen. Zu guter Letzt passten wir auch unsere Aufnahmekriterien an und nahmen nur noch jene Patient:innen auf, die nicht überleben würden, wenn sie an einen anderen Ort überwiesen würden. 

Es kamen jedoch weiterhin Menschen in kritischem Zustand an, und es gab im Allgemeinen keine andere Möglichkeit, Patient:innen mit schweren Verbrennungen aufzunehmen. In Zeiten des Brennstoffmangels horteten die Menschen zu Hause Brennstoff in unsicheren Behältern, wie z. B. Plastikflaschen, und dies führte zu versehentlichen Verbrennungen. Manchmal griff eine bewaffnete Gruppe Menschen an, indem sie ihr Haus in Brand setzte.

Die Pandemie

In Haiti hört man nicht viel über COVID-19, aber auch das ist eine Herausforderung. Wir testen alle neuen Patient:innen, und um die mögliche Übertragung des Virus einzudämmen, haben wir eine sehr strenge Beschränkung für den Besuch von Personen im Krankenhaus. Aber es ist unmöglich, diese Beschränkung vollständig durchzuziehen: Wir erlauben beispielsweise Kindern immer noch die Anwesenheit eines Familienmitglieds. Und das birgt Risiken für Patient:innen und Personal. 

Wenn Mitarbeiter:innen positiv getestet werden, müssen sie zu Hause bleiben, und wenn Patient:innen positiv getestet werden, müssen sie in einem separaten Bereich des Krankenhauses untergebracht werden und bei Bedarf eine Sauerstofftherapie erhalten. Glücklicherweise haben wir bisher noch keine COVID-19-Todesfälle unter unseren Patient:innen verzeichnet. 

Ich habe meinen Einsatz in Haiti als anstrengend, aber lohnend empfunden. Die Mitarbeiter:innen sind sehr kompetent und engagiert, und das Niveau der medizinischen Versorgung, die wir bieten, ist etwas, worauf wir stolz sein können. Es ist eine sehr intensive Arbeit inmitten einer Krise. 

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