Wenn die Angst der Hoffnung den Atem raubt - Ein Bericht aus Tigray

Vera Schmitz arbeitet seit 2015 als Kinderkrankenschwester für Ärzte ohne Grenzen und kann jede Menge Geschichten erzählen. Nach ihrem letzten Einsatz in Tigray, Äthiopien, fällt es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.
Kommentar von Vera Schmitz
18.03.2021

Vera Schmitz arbeitet seit 2015 als Kinderkrankenschwester für Ärzte ohne Grenzen und kann Patientengeschichten und Erlebnisse aus bereits mehr als 15 Auslandseinsätzen erzählen. Nach ihrem letzten Einsatz in Tigray, Äthiopien, fällt es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden. In ihrem Blog beschreibt sie die katastrophalen Bedingungen in einer Region, die komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. 

Es ist soweit. Das Rückflugticket ist gebucht, der Koffer gepackt. Voll mit äthiopischem Kaffee, traditionellen Schals und vor allem voll von Eindrücken und Geschichten der letzten Monate in Tigray. Geschichten von Menschen, deren Leben sich schlagartig geändert hat, die Unbeschreibliches erlebten. Geschichten über eine humanitäre Krise von unsagbarem Ausmaß. Es ist auch eine Geschichte über die völlig unzureichende internationale humanitäre Hilfeleistung.

Aber beginnen wir am Anfang.

Es ist Anfang Dezember 2020. Wir sind ein kleines Team – unser Notfalleinsatz-Koordinator, ein Logistiker, zwei Fahrer und ich als medizinische Verantwortliche, die wir uns auf den Weg Richtung Afar machen.

Zu diesem Zeitpunkt ist Tigray noch komplett abgeschottet von der Außenwelt. Telefon, Internet, Elektrizität – alles ist gekappt. Nichts soll nach außen dringen und auch eher wenig hinein. Afar ist die Nachbarprovinz – eine extrem heiße und trockene Wüstenregion. Die Gesundheitsinfrastruktur der Grenzregion zu Tigray ist nicht im Konfliktgebiet, und doch schwer getroffen von der benachbarten Krise. Die Gegend ist normalerweise im regen Handel mit Tigray – Personal, Strom, Telefon und alles andere kommt in Friedenszeiten von nebenan.

Schwerkranke Patientinnen und Patienten wurden normalerweise in das nahe Universitätsspital nach Mekele verlegt, nun sind es 9 Stunden. In die Gegenrichtung.

Während wir darauf warten, endlich die Einreisegenehmigung nach Tigray zu bekommen, unterstützen wir bereits ein kleines strategisches Spital in Abala, der Grenzstadt zu Tigray.

Mitte Dezember dürfen wir dann endlich nach Mekele (Hauptstadt Tigrays). Schnell geht es weiter, auf in den Norden des Landes, nach Adigrat.

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Das dortige Spital, welches normalerweise einer Bevölkerung von 1,4 Millionen Menschen Zugang zu sekundärer Gesundheitsversorgung bietet, funktioniert noch mit einer Kapazität von ca. 20 Prozent. Lediglich die Notaufnahme, der OP, die angeschlossene chirurgische Station sowie der Kreisssaal sind noch mehr oder weniger funktionell. Die Kinder- und Neugeborenenstation ist geschlossen, die allgemeinmedizinische Station ebenfalls. Es finden keine ambulanten Behandlungen statt, weder für chronisch Kranke (z.B. Diabetiker) noch für all Jene mit akutem Husten oder Durchfall. Viele der Patientinnen und Patienten waren tagelang zuhause, bevor sie, teils auf Eselskarren, den langen Weg ins Spital schafften. Dazu gehören Verwundete, aber auch eine Schwangere, für deren Baby jede Hilfe zu spät kam. Ich wage nicht darüber nachzudenken: Wo sind die kranken Kinder? Normalerweise sind Krankenhäuser hier voll davon.

Unser erster Arbeitstag in Adigrat ist am 24.12.

Innerhalb der nächsten Tage werden die wichtigsten Stationen und Services wiedereröffnet, wenn auch bis heute nicht alle Dienste verfügbar sind. Ressourcen und Kapazitäten sind weiterhin sehr limitiert.

Von anderen internationalen humanitären Organisationen ist in Adigrat beinahe nichts zu sehen, und wenn, dann nur als vereinzelte, punktuelle Unterstützung.

Während sich ein anderes Ärzte ohne Grenzen-Team auf den Weg Richtung Westen nach Adwa und Axum macht, um auch dort möglichst rasch Aktivitäten in Gang zu bringen, heißt der nächste Schritt: “Outreach!“ Wir planen mobile Kliniken – ambulante Behandlungen für kranke und mangelernährte Kinder, Schwangere mit Komplikationen, ein Angebot für Verhütungsmethoden und natürlich alle sonstigen Notfälle. Psychologische Unterstützung wird bald ebenfalls Teil unseres medizinischen Angebots sein. Seit Anfang Jänner waren wir fast jede Woche in einem neuen Ort, je nach Situation und Bedarf kommen wir wöchentlich oder alle zwei Wochen zurück.

Doch vor allem durch unsere mobilen Aktivitäten wurde uns das Ausmaß dieser schweren humanitären Krise erst richtig deutlich.

Kein Essen.

Ein Großteil der Bevölkerung war bereits vor der aktuellen Krise auf staatliche Nahrungshilfen angewiesen. Einige Orte haben die letzten dieser Hilfen im September erhalten. Die Menschen rationieren, eine Mahlzeit pro Tag ist manchmal alles, was es gibt. In unserem Mangelernährungsprogramm behandeln wir nicht nur Kinder, sondern auch mangelernährte Schwangere.

Es gab auch kein Geld.

Das Banksystem war eingefroren, Jobs kaum mehr vorhanden und viele Gehälter der vergangenen Monate wurden nicht bezahlt. Selbst wenn der Markt offen und Nahrung verfügbar ist – kein Geld heißt meistens auch: kein Essen.

Kein Strom.

Elektrizität war lange Zeit überall unterbrochen, und das ist sie auch heute noch in vielen Gebieten. Das heißt fast überall: kein Wasser. Die Wasserpumpen wurden oft elektrisch betrieben. Heute kommt das Trinkwasser vor allem in ländlichen Gebieten aus dem Fluss. Die hohe Zahl von Patientinnen und Patienten mit Durchfall und Hauterkrankungen ist kein Zufall.

Kein Telefon. Kein Internet. Abgeschnitten von der Außenwelt. Ich habe in der Anfangszeit einige abgerissene Papierschnipsel schnell mit ein paar Worten vollgeschrieben, als Briefe und erstes Lebenszeichen nach mehreren Wochen oder Monaten an Verwandte überbracht.

Kein Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Gesundheitszentren sind geschlossen. Personal geflohen. Die Zentren geplündert und oft mutwillig zerstört, teils bombardiert. Oft waren (oder sind) diese vom Militär besetzt. Fast alle Ambulanzen wurden gestohlen und für militärische Zwecke missbraucht. Patientinnen und Patienten ins Spital zu bringen, ist kaum möglich. Wie viele Schwangere, Kinder, Verwundete, Kranke ohne medizinische Hilfe zuhause gestorben sind, wissen wir nicht.

Kein Respekt für Zivilisten.

Die Menschen haben ein unsagbares Maß an Gewalt erfahren, verursacht von den verschiedenen beteiligten Gruppen in dieser Krise.

Wir behandelten Kinder, die ihre Eltern verloren haben sowie die schweren Verletzungen einer schwangeren Frau. Wir boten medizinische und psychologische Hilfe für Überlebende von extremer sexueller Gewalt. Wir hörten zu, als uns von Drohungen und Attacken gegenüber medizinischem Personal berichtet wurde.

Die Bevölkerung ist traumatisiert und steht unter ständiger Anspannung. Die Angst frisst die Hoffnung auf. 

Die Anzahl und das Ausmaß dieser humanitären Krise ist unbeschreiblich. Die Berichte und Erlebnisse der Bevölkerung, doch auch unsere eigenen täglichen Erfahrungen übertreffen fast alles, was ich in meiner Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen in den letzten Jahren gesehen und erlebt habe.

Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Hinzu kommt: Es gibt keine adäquate internationale, humanitäre Aktion und Antwort.

Wir arbeiten seit über zwei Monaten in Adigrat und anderen Gebieten in Tigray. Der Bedarf an humanitärer Unterstützung ist enorm. Das schaffen wir nicht allein. Doch die internationale humanitäre Gemeinschaft bleibt stumm. Nur sehr wenige andere Organisationen sind eingetroffen – und wenn, dann meist als ein kurzer Besuch.

Tigray hat mich zutiefst beeindruckt. Die Landschaft ist einzigartig, doch vor allem die Menschen sind unglaublich stark.

Sie verdienen mehr als nur Hoffnung. Sie verdienen unser Handeln und Tun. So schnell wie möglich.

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