Italien

Italien: Ärzte ohne Grenzen stellt Arbeit im Erstaufnahmezentrum Pozzallo ein

Rom/Wien, am 30. Dezember 2015 – Die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières(MSF) wird die medizinische Arbeit im Erstaufnahmezentrum in Pozzallo und das psychologische Hilfsprogramm in den Aufnahmezentren in der sizilianischen Provinz Ragusa beenden. Der Grund für diesen Schritt ist die Tatsache, dass  die Minimalbedingungen für eine effiziente Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden nicht mehr erfüllt werden. Die Hilfsorganisation appelliert erneut an die Behörden, für angemessene Aufnahmebedingungen zu sorgen und insbesondere die Bedürfnisse der schwächsten Flüchtlinge, Migranten und Asylwerber zu berücksichtigen.

Ärzte ohne Grenzen hat in monatelangen bilateralen Verhandlungen und in einem Bericht, der im vergangenen Monat einem parlamentarischen Ausschuss vorgelegt wurde, wiederholt auf die Mängel des italienischen Erstaufnahmezentrums hingewiesen. Dennoch haben bisher weder die lokalen noch die nationalen Behörden den politischen Willen gezeigt, die Situation zu verbessern. Es ist zu befürchten, dass ein strukturell unangemessenes Aufnahmesystem in Italien die Norm wird.

Menschenunwürdige Bedingungen

„Trotz unserer Forderungen sind die Aufnahmezentren nach wie vor überfüllt, gibt es zu wenige Informationen über den rechtlichen Status, werden die Menschen nicht ausreichend geschützt und sind die Bedingungen, unter denen die Ankommenden in Sizilien aufgenommen werden, menschenunwürdig“, erklärt Stefano die Carlo, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Italien. „Unter den Ankommenden befinden sich verletzliche Personen wie etwa Schwangere, Minderjährige und Folteropfer. Doch angesichts der derzeitigen Bedingungen in Pozzallo und den sekundären Aufnahmezentren in der Provinz Ragusa ist unsere Fähigkeit, effizient auf ihre medizinischen und psychologischen Bedürfnisse zu reagieren, extrem eingeschränkt.“

Von den mehr als 150.000 Menschen, die im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Italien kamen, sind rund 15.000 im Hafen von Pozzallo an Land gegangen. Das Team von Ärzte ohne Grenzen – bestehend aus Ärzten, Pflegepersonal, Psychologen und interkulturellen Mediatoren – hat die lokalen Gesundheitsbehörden im Erstaufnahmezentrum von Pozzallo unterstützt, indem es dort medizinische Untersuchungen durchgeführt und einen 24-Stunden-Ärztedienst angeboten hat. Seit Februar 2015 wurden mehr als 3.000 medizinische Behandlungen durchgeführt. In den sekundären Aufnahmezentren der Provinz Ragusa hat Ärzte ohne Grenzen psychologische Unterstützung angeboten, vor allem Personen, die traumatische Erlebnisse gemacht haben. Insgesamt wurden über 800 psychologische Behandlungen  durchgeführt.

Unzureichendes Aufnahmesystem wird zur Norm

„Dem Schutz verletzlicher Personen, die nach langen Reisen über das Meer ankommen, wird immer weniger Beachtung geschenkt. Bei der Ankunft und der Erstaufnahme in Pozzallo sollte die Gesundheit und das psycho-soziale Wohlergehen der Neuankömmlinge jedoch oberste Priorität haben“, sagt Federica Zamatto, die medizinische Koordinatorin der Migrationsprogramme von Ärzte ohne Grenzen. „Da Pozzallo ein sogenannter ‚Hotspot‘ werden soll, sind wir sehr besorgt darüber, dass dieses Aufnahmesystem – das wir als völlig unzureichend betrachten – in ganz Italien zur Norm wird.“

Ärzte ohne Grenzen wird die Aktivitäten für Flüchtlinge und Migranten in anderen Projekten auf Sizilien und am Festland fortführen. Die Hilfsorganisation unterhält Hilfsprogramme in Trapani, Catania, Rom und Gorizia.

Im Mai 2015 hat Ärzte ohne Grenzen einen Rettungseinsatz im Mittelmeer gestartet. Mit drei Rettungsschiffen wurden bis heute mehr als 23.000 Menschen unterstützt. Ein weiteres Team hat damit begonnen, psychologische Erste Hilfe zu leisten. Das Team, das aus einem Psychologen und interkulturellen Mediatoren besteht, wurde bisher nach 14 Vorfällen in acht verschiedenen italienischen Häfen aktiv und hat 2.500 Überlebende unterstützt, die während der Seereise traumatische Ereignisse miterlebt haben.

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