Vera Schmitz30.03.2020

Die Frau am Wegesrand

1 Kommentar

Auf dem Motorrad durch Sümpfe und dichte Wälder: Unsere Krankenschwester Vera Schmitz fährt mit ihrem medizinischen Team zu abgelegenen Orten in der Demokratischen Republik Kongo, um Kinder gegen Masern zu impfen.

“Oswa kitonga?” “Bist du schon geimpft?”

Mein Lingala – die Sprache, die in der Demokratischen Republik Kongo gesprochen wird - ist zwar noch sehr dürftig, aber die wichtigsten Vokabeln habe ich schon gelernt. Stolz zeigen mir die Kinder ihren schwarz angemalten Fingernagel.  Sie dienen als Erkennungszeichen, dass sie bereits geimpft wurde. Als ich weitergehe, rufen sie mir laut “Mundele, Mundele” hinterher, was so viel wie “Weiße Frau” auf Lingale bedeutet. So werde ich überhaupt ueberall begruesst. Dass sich eine “Mundele” im tiefsten kongolesischen Wald verirrt, kommt dann eben doch nicht so häufig vor.

Seit Beginn 2019 kämpft das Land mit einer schweren Masern-Epidemie. Anfang März 2020 sind bereits 334.578 Menschen erkrankt und 6.338 verstorben. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher.

Eine tödliche Krankheit

Ärzte ohne Grenzen ist in diversen Regionen des Landes – u.a. in Boende in der Provinz Tshuapa - im Einsatz, um die mit Hilfe von Impfungen eigentlich so leicht vermeidbare Krankheit zu bekämpfen.

Bereits seit November behandelt ein Team vor Ort kranke Kinder mit Masern, Mangelernährung und Malaria.

Denn bei den Masern handelt es sich nicht nur während der Akutphase um eine gefährliche und potentiell tödliche Krankheit. Das Virus schwächt das Immunsystem so sehr, dass in der Zeit danach ein eigentlich harmloser Infekt, schwerwiegende Komplikationen hervorrufen und zum Tod führen kann. Vor allem, wenn die Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Massen-Impfkampagne

Um die Epidemie in der Region endlich unter Kontrolle zu bringen, hat Ärzte ohne Grenzen Mitte Februar eine neue Impfkampagne gestartet. Unser Ziel war es, alle Kinder zwischen sechs Monaten und 14 Jahren in den noch immer stark betroffenen Gegenden gegen Masern zu impfen – dabei handelt es sich in etwa um 18000 Personen!

Meine Aufgabe dabei war es, mich um die Planung, Organisation und Koordinierung der Impfkampagne in enger Zusammenarbeit mit dem Team zu kümmern.

Sumpfige Wälder

Kurze Zeit später stehe ich mit Gummistiefeln und Motorradschutzkleidung mitten im Wald. Ich warte am Rande einer kleinen Brücke, die aus Baumstämmen erbaut wurde, dass es weitergeht.

Seit fünf Uhr bin ich auf den Beinen, seit knapp sieben Stunden auf dem Motorrad – nachdem wir am frühen Morgen als allererstes den Fluss Tshuapa mit einer Piroge überquerten.

Ich befinde mich in einem sumpfigen Wald, voller kleiner Bäche und Nebenflüsse des großen Flusses Tshuapa. Der Weg ist schmal und uneben. Äste und Pflanzen ragen weit hinein, zerkratzen meine Arme und schlagen mir gegen Knie und Helm. Ab und zu versperrt ein ganzer Baumstamm den Weg. Die improvisierten Brücken, die ebenfalls aus Holz gebaut wurden, muss jedes Motorrad einzeln passieren.

Das Versprechen

Während ich auf die anderen warte, kommt eine Frau aus dem nächsten Dorf herbei. Als sie von unserer Impfkampagne hört, erzählt sie uns – in Tränen aufgelöst – dass sie bereits fünf ihrer Kinder auf Grund von Masern verloren hat. Sie bittet uns, die übrigen zu impfen. Ich bin zutiefst gerührt und verspreche ihr, dass wir alle Kinder impfen werden. Jedes einzelne!

Kurz danach geht die Reise weiter…doch diese Frau bekomme ich so schnell nicht mehr aus meinem Kopf.

Die Kontrolle der Kühlkette

Unser Konvoi umfasst 23 Motorräder. Einige transportieren die Impfstoffe, die in großen Kühlboxen verpackt sind; andere sind beladen mit Boxen voller gefrorener Icepacks.
 
Die Kühlkette muss akribisch und bis aufs letzte Detail geplant werden, um eine Ruptur zu vermeiden. Die anderen Motorräder befördern das sonstige Material wie Spritzen, Reservebenzin, Zelte für die Nacht und was eben sonst noch so benötigt wird- und natürlich die Teams selbst.

Immerhin können wir hier überhaupt mit dem Motorrad fahren – einige Dörfer sind so abgelegen, dass sie nur mit Piroge oder zu Fuß erreichbar sind.

Am nächsten Tag wird eines der Teams fünf Stunden zu Fuß unterwegs sein, bevor es das Ziel erreicht. Vor Ort trifft es dann auf 20 Kinder, die gleich geimpft werden. Am darauffolgenden Tag geht es wieder zurück. Ein anderes Team marschiert sogar mehrere Tage am Stück.

Eine Angabe genauer Distanzen und Bevölkerungszahlen gibt es an diesen besonders schwer zugänglichen Orten in der Regel nicht. Das macht die Planung nicht gerade einfach – aber es geht genau um diese Kinder, die wir erreichen wollen. Denn je schwieriger für uns der Zugang ist, umso schwieriger ist auch dort der Zugang zu Gesundheitsvorsorge – zur Prävention aber vor allem im Krankheitsfall.

Erinnerung

Nach zwölf Tagen sind bereits 10.000 Kinder geimpft. Nach kurzem Durchatmen geht es weiter in die nächste Region, in der noch einmal so viele Tage auf uns warten.

Auch hier werden sich wieder viele Hindernisse in den Weg stellen. Ein Team wird mehrere Tage mit dem Boot unterwegs sein, andere werden lange Tagesmärsche vor sich haben.

Doch in jedem Moment des Zweifelns erinnere ich mich an die Frau am Wegesrand und ihre fünf Kinder, die nicht mehr rechtzeitig geimpft werden konnten. Da werden die beschwerlichen Wege, die Nächte im Zelt und die oft unerträgliche Hitze und alles andere zu Nichtigkeiten. Denn wir impfen, um Leben zu retten.

Kommentare

Klaus Humpe
Super Vera dein Einsatz....wir sind alle sehr stolz auf dich und deine Arbeit....

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