Vera Schmitz22.07.2015

Wo der Krieg wütet - mein dritter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen

7 Kommentare

Salam – ein herzliches Hallo aus Sa’ada im Nordwesten des Jemen!

Seit wenigen Tagen bin ich wieder als Krankenschwester mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Nach dem Südsudan und meinem Ebola-Einsatz in Guinea hat es mich diesmal auf die arabische Halbinsel verschlagen. Und auch diesmal ist alles wieder ganz anders – aber nicht weniger spannend und herausfordernd für mich und das gesamte Team.

Sa‘ada ist einer von mehreren Standorten im Jemen, an denen Ärzte ohne Grenzen vor Ort ist, um als eine von wenigen internationalen Organisationen humanitäre Hilfe zu leisten. Und diese Hilfe ist dringend notwendig. Der Jemen ist ohnehin schon das ärmste Land der arabischen Welt, doch im März haben schon lange bestehende landesinterne Spannungen zu einem erneuten Kriegsausbruch geführt (siehe Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Jemen). Viele Organisationen haben ihre Präsenz reduzieren müssen, der Import von Hilfsgütern wird deutlich erschwert und verzögert. Dringend notwendige Medikamente drohen nicht rechtzeitig nachgeliefert zu werden oder sind bereits nicht mehr auf Lager.

In unserem Projekt hier unterstützen wir eines von zwei funktionierenden Spitälern in der von Bombenangriffen stark zerstörten Stadt. Der Schwerpunkt liegt dabei in der Versorgung Kriegsverletzter sowie sonstiger Traumapatienten (z.B. durch Verkehrsunfälle) und auf der Unterstützung der Geburtshilfe. Mein Arbeitsbereich umfasst vor allem die Unterstützung in der Notaufnahme und der Männerstation. Da ich von meinem beruflichen Hintergrund her eigentlich Kinderkrankenschwester bin und einige Jahre auf einer Neugeborenen-Intensivstation gearbeitet habe, unterstütze ich zudem auch unsere Hebamme im Kreißsaal in der Erst- und Nachversorgung von Neugeborenen. Diese betreut wiederum die Frauenstation mit, eine weitere OP-Krankenschwester ist im Operationssaal selbst tätig.

Bereits die Anreise hierher war beeindruckend. Sa‘ada liegt im Nordwesten Jemens, 240km von der Hauptstadt Sana‘a entfernt, nicht allzu weit von der saudi-arabischen Grenze. Die Straße hierher ist erst wenige Jahre alt und erinnert an unsere Bundesstraßen daheim – wären da nicht die kleinen Umwege durch ausgetrocknete Flussbette. Nämlich überall dort, wo die Brücken bombardiert und zerstört wurden und die ausgebombten Lastwagen am Straßenrand liegen.

Sa‘ada liegt im Hochland, der Weg führt durch die Berge und durch kleine Orte mit oftmals beeindruckend schönen Lehmbauten.

Mein Arbeitsalltag hier ist jeden Tag anders, wenn sich auch nach und nach eine gewisse Routine in bestimmten Dingen einfindet. Viel Zeit zum langsamen Einfinden blieb mir jedoch nicht – bereits am Tag meiner Ankunft wurde ich ins kalte Wasser geworfen: Denn nach schweren Angriffen in einer benachbarten Stadt wurden ungewöhnliche viele, teils schwerverletzte Patienten zu uns gebracht. Glücklicherweise jedoch nicht alle gleichzeitig, dafür aber bis spät in die Nacht – und früh am Morgen hatten wir weitere Verletzte in der Notaufnahme zu versorgen. Auch in den darauffolgenden Tagen gab es viel zu tun. Immer wieder Verletzte nach Bombenangriffen in der Umgebung – Sa‘ada selbst ist bereits sehr zerstört, sodass es hier im Ort nicht mehr zu täglichen Angriffen kommt. Aber auch Opfer von sonstigen Unfällen, vor allem von Verkehrsunfällen, stellen einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Patienten dar. Da ist z.B. der Junge, der am ganzen Körper Wunden von Bombensplittern hat und wie durch ein Wunder als einziger seiner 15-köpfigen Familie überlebt hat. Oder der andere, der eine schwere Kopfverletzung davongetragen hat, nach der Operation zunächst nicht sprechen konnte und nun kaum zu stoppen ist – und heute entlassen wurde.

Gestern wurde bei einem weiteren Angriff fast eine ganze Familie ausgelöscht, die unter den Trümmern ihres Hauses begraben wurde. Zwei Geschwister haben überlebt; um das Leben der Mutter und eines weiteren Kindes haben wir lange, am Ende vergeblich, gekämpft.

Umso beeindruckender ist dann die Zusammenarbeit des gesamten Teams. Der Großteil des Personals hier besteht, wie in fast allen Projekten von Ärzte ohne Grenzen, aus nationalen Mitarbeitern – ohne die unsere Arbeit nicht möglich wäre.

Aber auch in der Geburtsstation wurde ich bereits innerhalb von zwei Tagen zu drei Reanimationen von Neugeborenen nach der Geburt gerufen. Eines davon ist nach der Überstellung in ein anderes Spital in Sa‘ada leider verstorben. Aber den anderen zweien geht es gut!

Eine neue und spannende Herausforderung ist auch das Arbeiten in „Abaya“ und „Hijab“. Der Jemen ist muslimisch und diese Region besonders konservativ – daher trage ich nicht nur ein Kopftuch, das die Haare komplett bedeckt, sondern auch die sogenannte Abaya: Ein langes schwarzes Gewand. Die Frauen hier bedecken zusätzlich ihr Gesicht, so dass sie entweder komplett verschleiert oder nur die Augen sichtbar sind. Für mich im Arbeitsalltag heißt das auch, dass ich mich täglich darin übe, meine Krankenschwestern an den Augen zu erkennen – bisher mit sehr mäßigem Erfolg. Dabei sind es nur drei! Ich selbst muss mein Gesicht nicht bedecken, und da es hier im Hochland auch nicht gar so heiß wird, ist es auch mit der Hitze meist noch recht gut auszuhalten.

Morgen ist dann auch das von allen langersehnte Ende des Ramadans. Ich bin gespannt, wie sich die kommenden Tage gestalten. Momentan findet der Großteil des aktiven Lebens der nationalen Mitarbeiter nachts statt, tagsüber sind viele dann müde und hungrig.

Bis dann – Inshallah*!

* Meine Arabischkenntnisse werden auch langsam besser! :-)

Kommentare

Martina Welch
Ich bin tief berührt von deinem Blog. Danke,danke,danke.Wen ich dann sehe was hier in Deutschland im Moment wieder abgeht bezüglich Flüchtlingspolitik dann werde ich immer wütender.
Maria Luise Sch...
Da kann ich nur zustimmen, besonders auch für Österreich und seine NS-Vergangenheit und ???!!! - Gegenwart bzw. extreme Unfähigkeit des Großteils der österr. Politiker (- größtenteils wahrscheinlich politische Unwilligkeit), die "Hintergründe" kann sich jeder kritisch denkende Mensch selber erklären. Wenn wir nicht gemeinsam umdenken, wird alles auf uns zurückfallen.............dann können wir um Hilfe schreien wie die Menschen, die "Ärzte ohne Grenzen" betreut, oder wie die Flüchtlinge in Österreich unter Sonnenhitze oder Regen im Freien mit Pappkartons und Decken, ohne Bett und Dach. - Das ist "Klartext" - und deshalb herzlichen Dank an alle, die wirklich helfen.
Maria Luise Sch...
Danke, danke, danke an alle, die im Einsatz sind!!! Mein Beitrag ist, DER Kraft über uns allen, Gottes Liebe oder wie auch immer............ALLEIN die Macht zu geben über ALLES ..............So gut es mit meinen bescheidenen finanziellen Mitteln (- ich schäme mich nicht dafür) möglich ist, unterstütze ich "Ärzte ohne Grenzen" auch finanziell.
Christine Colins
Ich habe gerade einen Film über den "War in Yemen" von einer Freundin aus Sanaa, wo ich 3 Jahre gelebt habe, bekommen. Erschütternd! Und jetzt dein Lichtblick! Ich bewundere deinen Mut und deine Unerschrockenheit, und vor allem deine Empathie.
Monika Martinek
Liebe Vera, Ich wünsche Dir viel Kraft bei dieser schwierigen Aufgabe. Monika
Christian Harbauer
Meine größte Anerkennung und Dankbarkeit, für diese Arbeit! Ich hoffe, dass wir mit unseren Spenden - aus dem Luxusleben in Europa - etwas "bewegen" können!? Alles Gute weiterhin!!
Christian Harbauer
Meine größte Anerkennung und Dankbarkeit, für diese Arbeit! Ich hoffe, dass wir mit unseren Spenden - aus dem Luxusleben in Europa - etwas "bewegen" können!? Alles Gute weiterhin!!

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