Haiti

Eindrücke aus Port-au-Prince (Teil 5)

Mittwoch, 27. Jänner, Port-au-Prince

In einer Tragödie kann es auch Wunder geben. Heute gab es einige solcher Momente.

Der erste war ein ausführliches Gespräch mit einem jungen Mann, der als Fahrer für uns arbeitet. Wir waren während der letzten beiden Tage auf der Straße unterwegs in den nordöstlichen Teil des Landes, um zu klären, welchen Bedarf an medizinischer Hilfe diejenigen Haitianer haben, die aus Port-au-Prince geflohen sind. In den Tagen nach dem Erdbeben haben sich Tausende aus der Hauptstadt aufgemacht, um auf dem Land medizinische Hilfe zu suchen, die im völlig überlasteten Port-au-Prince fehlte.

Heute Morgen vor der Abfahrt hatte ich etwas Zeit, mit unserem Fahrer Christobal zu sprechen. Ich habe ihn danach gefragt, wie er das Erdbeben durchlebt hat – so, wie ich das alle Kollegen frage. Er erklärte, dass seine Frau und seine zwei kleinen Söhne überlebt haben, und sie jetzt wie alle auf der Straße schlafen. Dann erzählte er mir noch eine unglaubliche Geschichte: Als er am Tag nach dem Erdbeben zum Büro von Ärzte ohne Grenzen kam, erfuhr er, dass eine unserer internationalen Kolleginnen im Untergeschoss verschüttet war. Zwei Etagen waren über ihr zusammengebrochen. Christobal und drei weitere Mitarbeiter überzeugten den Landeskoordinator, mit bloßen Händen nach ihr zu graben. Die Alternative wäre gewesen, auf einen Räumtrupp mit einem Kran und einem Laster zu warten. Aber so ein Trupp wäre frühestens in 48 Stunden verfügbar gewesen, wenn nicht erst in mehreren Tagen.

Sie wollten nicht warten, konnten sie doch ihre Ärmel hochkrempeln und ihr Bestes versuchen, um sie dort herauszuholen. Das Risiko, dass beim Wegräumen von Betonstücken die Reste des Gebäudes weiter destabilisiert würden und sie töten könnten, war hoch. Aber sie begannen am 13. Januar um elf Uhr morgens – 15 Stunden nach dem Erdbeben – damit, Betonstücke, Metall und Schutt wegzuräumen. Es gelang ihnen, einen Tunnel freizumachen, durch den gerade mal eine Person zentimeterweise auf dem Bauch vorwärtskommen konnte. Während der Arbeiten befand sich gerade ein Mitarbeiter in diesem Tunnel, als ein Nachbeben das Gebäude erschütterte. Glücklicherweise bewegte sich nichts. Fünf Stunden, nachdem sie mit dem Graben begonnen hatten, konnten sie Kontakt zu der verschütteten Mitarbeiterin herstellen. Schließlich konnte sie sie langsam herausziehen. Sie kam mit Schnittwunden und Quetschungen davon und hatte glücklicherweise keine gebrochenen Gliedmaßen. Dass sie überlebt hat, ist ein Wunder. Der Mut von Christobal und seinen Kollegen, sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu retten, erfüllt einen mit Demut. Sie haben nicht gezögert, ihre Leben dafür einzusetzen, um sie zu retten. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, das gleiche zu tun. Christobal sagte heute Morgen zu mir: „Es gibt kein Morgen. Es gibt nur heute und das Leben für den Tag, weil wir nicht wissen, was morgen passieren kann.“

Das zweite Wunder erlebte ich am späteren Morgen. Ich war im Krankenhaus in Dajabon, einer an der Grenze zu Haiti gelegenen Stadt in der Dominikanischen Republik. Es sind von Port-au-Prince aus zehn Stunden Fahrt dorthin, und ich habe in Dajabon mit meinen Kollegen Krankenstationen besucht. Wir erkunden dort, welchen medizinischen Bedarf die Patienten haben, die nach dem Erdbeben in die Dominikanische Republik gekommen sind.

Als wir in die Nachsorge-Station kamen, winkte mich eine kranke junge Frau herbei. Als ich bei ihr war, flüsterte sie etwas in Spanisch, aber ich verstand schnell, dass sie Haitianerin war. „Ich bin Krankenschwester und arbeitete für Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Port-au-Prince, als das Erdbeben passierte”, erzählte sie. Ich fragte sie: „Du hast in der Geburtsklinik gearbeitet?“, und sie erwiderte: „Ja, ich wurde während des Erdbebens verwundet, aber meine Familie fand mich und brachte mich hierher nach Dajabon.“

Am Morgen des gleichen Tages hatte Ärzte ohne Grenzen mit einer Schweigeminute derjenigen Mitarbeiter gedacht, die vermisst werden, seit das Erdbeben unsere Krankenhäuser zerstört hat. Die Chancen, dass ich bei meiner Fahrt in die Dominikanischen Republik einen vermissten Mitarbeiter oder eine vermisste Mitarbeiterin finden würde, waren sehr gering. So bin ich voller Dankbarkeit, dass ich diese Verbindung herstellen und diese kleinen Wunder erleben durfte.

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