Haiti

Eindrücke aus Port-au-Prince (Teil 1 von 6)

Sonntag früh, 17. Jänner, Port-au-Prince

Die Situation ist nach wie vor dramatisch, wenige Hilfsorganisationen sind vor Ort, noch immer sind hunderte Menschen unter den Trümmern begraben. Ich habe bisher in der gesamten Stadt nicht mehr als vier oder fünf Baufahrzeuge gesehen, die versuchen, Menschen aus den Trümmern zu bergen!!! Der Geruch ist in manchen Stadtteilen fast unerträglich - dort wo Leichen in der Hitze verrotten, oder wo sich Menschen, die durch das Beben obdachlos geworden sind, zu Hunderten versammeln und es keinerlei sanitären Anlagen oder Latrinen gibt. In der Nacht muss man aufpassen, dass man keine Menschen überfährt, die auf den Straßen schlafen. Ich sah jemanden mitten auf einer Kreuzung schlafen, aus Angst vor der Nähe zu Gebäuden im Falle eines Nachbebens.

Gestern erlebten wir zwei solche Nachbeben. Die gesamten OP-Teams setzten ihre Arbeit während des ersten Bebens fort, doch beim zweiten Beben flüchteten einige Krankenschwestern ins Freie. Die Menschen haben noch immer enorme Angst davor, in geschlossenen Gebäuden zu übernachten. Auch ich habe Angst, obwohl ich beim Hauptbeben nicht hier war (wir schlafen in einem Zelt im Hof eines Hotels da es in unserem Büro nicht genug Platz für alle Mitarbeiter gibt).

Gestern Samstag führten unsere Ärzte im Stadtteil Carrefour chirurgische Eingriffe durch, nur 24 Stunden nach Einrichtung des OPs. Das ist wirklich beeindruckend, bedenkt man, dass das Team erst am Freitag Nachmittag in diesen Stadtteil kam, nur zwei Stunden nachdem unser Einsatzleiter, eine Krankenschwester und ich das leere Krankenhaus am Freitag in der Früh besucht haben, um festzustellen, ob hier gearbeitet werden könne. Ich bin wirklich tief beeindruckt von der Arbeit und der Geschwindigkeit unserer Teams, die innerhalb weniger als 24 Stunden einen funktionstüchtigen OP auf die Beine gestellt haben!!

Gestern um 18 Uhr auf meinem Weg zurück von der Lageerkundung in Léogâne (etwa eine Stunde entfernt von Port-au-Prince) passierten wir im Dunkeln einige Checkpoints, die von Zivilsten errichtet worden waren. Sie sprangen gerade auf einen Lastwagen, der mit Leichen beladen war. Sie waren sehr wütend, weil der Fahrer die toten Körper in ihrer Stadt abladen wollte. Deshalb gab es von da an Checkpoints auf dem ganzen, etwa 10 km langen Weg nach Port-au-Prince. Die Menschen waren verärgert, aber ich wäre es auch, wenn jemand Leichen in meiner Stadt abladen würde! Als wir die Checkpoints passierten, ließen sie uns ohne Probleme durch und behandelten uns mit Respekt.

Kleine Feuer brennen auf der Straße, die Luft ist verraucht und erfüllt mit Gestank, und der Boden ist übersät mit Gebäuderesten, Beton, Kabeln und Geröll.

Das Team steht unter großem Stress, weil die chirurgischen Kapazitäten hier sehr limitiert sind. Ich sprach mit einem Chirurgen, der extrem frustriert und gestresst ist, weil er gestern fünf Patienten gesehen hat, die sofort operiert werden müssten. Er kann aber ihre Leben nicht retten, weil es keinen richtigen OP-Saal gibt. Wir brauchen mehr Platz für die Durchführung von Operationen! Das aufblasbare Krankenhaus gäbe uns diese Kapazitäten, falls es jemals ankommt!*

So wird es schlimmer, weil die Patienten, die vor drei Tagen stabil waren, jetzt in einem kritischen Zustand sind: Das heißt, Menschen sterben an vermeidbaren Infektionen. Es ist schrecklich, es ist wirklich so fürchterlich, dass Menschen um Hilfe bitten und wir nicht allen das Leben retten können!

* Mehr Material und Strukturen sind unterwegs, doch das aufblasbare Krankenhaus mit zwei Operationssälen, auf das die Teams warten, ist verspätet, da eines der Transportflugzeuge keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Port-au-Prince erhalten hatte und in die Dominikanische Republik umgeleitet wurde. Die andere Hälfte des Krankenhauses ist bereits in Port-au-Prince eingetroffen.

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