Liberia

“Mein Sohn, der 1.000ste Ebola-Überlebende”

Seit Beginn der Ebola-Epidemie in Westafrika hat Ärzte ohne Grenzen mehr als 4.500 Patienten in seine Behandlungszentren aufgenommen, von denen 2.700 bestätige Ebola-Erkrankte waren. Neben all den Verlusten an Menschenleben und dem Leid gibt es aber auch immer wieder Überlebensgeschichten. Jetzt feiern wir den 1.000 Überlebenden – ein Erkrankter unter den vielen in unseren Ebola-Projekten in Guinea, Sierra Leone und Liberia. Dort arbeiten fast 3.000 Mitarbeiter, von denen 250 internationale sind. Er heißt Kollie James, und sein Vater Alexander Kollie erzählt die Geschichte seines Sohnes, die mit seiner eigenen eng verknüpft ist, den beide haben bereits Familienangehörige an Ebola verloren.

Ich werde den 21. September nie in meinem Leben wieder vergessen. Ich arbeitete als Gesundheitserzieher und war unterwegs in den Dörfern, um die Menschen über Ebola aufzuklären: Wie sie sich und ihre Familien schützen können, was sie tun können, wenn sie Symptome entwickeln. Außerdem bekommen alle eine Telefon-Notfallnummer von Ärzte ohne Grenzen , die sie anrufen können.  Als ich damit fast fertig war, bekam ich einen Anruf – die Nummer meiner Frau. Aber es war nicht meine Frau, die anrief – niemand meldete sich am anderen Ende der Leitung. Meine Frau befand sich mit drei von meinen Kindern in Monrovia, während ich in Foya arbeitete, im Norden von Liberia.

Damals war Ebola in Liberia schon ausgebrochen, und ich hatte versucht, meine Familie über das Virus aufzuklären. Doch sie glaubte dem nicht. Ich rief sie an und bettelte darum, dass die Monrovia verlassen und mit den Kindern zu mir in den Norden kommen solle. Sie hörte nicht zu und verleugnete die Existenz von Ebola weiterhin.

Später am Abend des 21. Septembers rief mein Bruder mich an. Er sagte mir: “Deine Frau ist gestorben.” Ich sagte: “Was???” Er sagte: “Bendu ist tot.” Ich ließ das Telefon fallen. Ich stieß es weg und es ging kaputt. Sie und ich – wir waren 23 Jahre zusammen gewesen. Sie verstand mich. Sie war die einzige, die mich sehr gut verstand. Ich fühlte mich, als hätte ich mein gesamtes Gedächtnis verloren. Meine Augen waren offen, aber ich blickte mit ihnen nichts an. Ich hatte keine Vision mehr von der Zukunft.

“Ich fühlte mich so unglaublich hilflos”

In der gleichen Woche noch bekam ich einen weiteren Anruf aus Monrovia. Mein Brunder, der als Krankenpfleger arbeitete, hatte meine Frau versorgt. Er hatte sich bei ihr angesteckt, und auch er war gestorben. Meine zwei jüngsten Kinder wurden im Behandlungszentrum aufgenommen, aber meine beiden Mädchen waren schon sehr krank und starben. Ich fühlte mich so unglaublich hilflos. Ich kam mit meinem Verstand nicht mehr nach. Das alles konnte doch nicht wahr sein.

Mein ältester Sohn, Kollie James, war immer noch in Monrovia. Er befand sich in dem Haus, wo sich unsere kranken Angehörigen befunden hatten, aber er zeigte keine Anzeichen von Krankheit. Ich sagte ihm, er solle zur mir nach Foya kommen.

Als mein Sohn ankam, wurden wir von den Dorfbewohnern nicht mehr akzeptiert. Sie sagte uns, dass alle in unserer Familie gestorben seien und wir Kollie James wegbringen sollten. Das machte mich sehr wütend. Ich wußte, dass er keine Symptome hatte und daher keine Gefahr für sie darstellte. Aber sie ließen uns wegen des Stigmas nicht bleiben. Wir mussten weggehen.

Am nächsten Morgen stellte ich allerdings fest, dass mein Sohn müder als sonst aussah. Ich begann mir Sorgen zu machen. Er hatte noch immer keine Symptome wie Erbrechen oder Durchfall, aber er sah müde aus. Ich rief die Hotline von Ärzte ohne Grenzen an. Sie brachten ihn ins Ebola-Behandlungszentrum in Foya, damit er getestet werden konnte.

Dann kam der positive Test-Befund, und ich verbrachte eine Nacht in Agonie. Meine Augen schloss ich nicht auch nur für eine Sekunde. Ich weinte die ganze Zeit und dachte darüber nach, was nun mit meinem Sohn passieren würde.

“Mein Sohn, du bist meine einzige Hoffnung. Bitte sei mutig.”

Am nächsten Tag beruhigte mich der psychosoziale Berater von Ärzte ohne Grenzen . Man sagte mir, ich solle warten. Um mich etwas zu beruhigen, saß ich lange mit ihnen und redete und redete.

Ich konnte Kollie auf der anderen Seite des Zauns im Behandlungszentrum sehen, und deswegen rief ich ihm zu: “Mein Sohn, du bist meine einzige Hoffnung. Bitte sei mutig. Nimm unbedingt die Medizin, die sie dir geben.” Er sagte mir: “Papa, ich habe dich vestanden – das mache ich. Hör bitte auf zu weinen, ich werde nicht an Ebola sterben. Meine Schwestern sind gestorben, aber ich werde überleben und du wirst stolz sein."

Die psychosozialen Berater achteten jeden Tag darauf, es einzurichten, dass sie sich mit mir zusammensetzen und wir miteinander sprachen. Die Art und Weise, wie sie mit mir sprachen, half mir dabei, mich zu entspannen. Sie wissen sehr genau, dass ich gerade eine extreme schwierige Lebensphase durchmache. Als ich Kollie da drin sah, musste ich an seine Mutter denken. Ich habe sie verloren, und wollte, dass er überleben würde. Ich wollte, dass er stark ist.

“Es ist schmerzlich, an diejenigen zu denken, die nicht mehr bei uns sind.”

Nach einiger Zeit ging es meinem Sohn viel besser. Er lief herum. Ich betete dafür, das ser jetzt negativ auf Ebola getestet würde. Aber ich machte mir noch Sorgen, weil er immer noch rote Augen hatte. Ich wollte nur noch, dass wir wieder zusammensein konnten. Dann passierte etwas Erstaunliches. Etwas, das ich erst glaubte, als ich es sah.

Bis zu dem Moment, als ich ihn herauskommen sah, konnte ich nicht glauben, dass es wirklich geschehen würde. Denn ich habe Menschen gesehen, denen es besser ging, und am nächsten Tag waren sich gestorben. Ich dachte: Womöglich wird Kollie zu denjenigen gehören, die einfach am nächsten Tag sterben. Als ich ihn dann endlich gesund herauskommen sah, war ich so unendlich glücklich. Ich sah ihn an, und er sagte zu mir: “Papa, es geht mir gut.” Ich umarmte ihn. Viele Menschen kamen, um ihn zu sehen, als er herauskam. Alle waren so glücklich, ihn endlich draußen zu sehen.

Dann sagte mir Ärzte ohne Grenzen , dass Kollie der 1.000ste Überlebende sei. Das ist großartig, und doch fragte ich mich: Wie viele Menschen haben ihr Leben bereits verloren? Natürlich bin ich überglücklich, dass ich Kollie noch habe. Trotzdem ist es schmerzlich an all diejenigen zu denken, die nicht mehr bei uns sind.

“Ich werde alles für ihn tun”

Als ich ihn mit mir nach Hause nahm, hatte er ein lächelndes Gesicht. Ich hatte auch ein großes Lächeln im Gesicht. Ein sehr schönes Lächeln. Wir machten eine kleine Party für ihn. Seither machen wir alles zusammen. Wir schlafen zusammen, wir essen zusammen und sprechen viel miteinander. Ich fragte ihn, was er nach der Highschool machen möchte. Er sagte mir, dass er Biologie studieren und dann Arzt werden wolle. So hat er es mir gesagt!

“Ich werde alles für ihn tun, um ihn mit seinen Lebensplänen zu unterstützen, so dass er den Schmerz um den Tod seiner Mutter überwinden kann. Ich sagte ihm: ‘Ich bin jetzt beides, deine Mutter und dein Vater.’ Und er sagte mir: ‘Ich werde alles für dich tun.’” Er hat sich so gefreut, dass ich ihn gebeten habe, bei mir zu bleiben. Die Hilfe, die er erhalten hat, war 100-prozentig.”

Nachdem mein Sohn nun wieder gesund ist, werden wir zusammen leben. Er ist jetzt 16 Jahre alt, und er wird jetzt mein Freund sein. Nicht nur mein Sohn sondern mein Freund. Denn er ist der einzige, mit dem ich richtig sprechen kann. Er kann natürlich nicht meine Frau ersetzen. Aber ich kann mit meinem Sohn ein neues Leben beginnen.

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